Reformierte Missbrauchsstudie

Weshalb der EKS-Rat eine Dunkelfeldstudie will 

Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) will dem Thema Missbrauch mit einer grossangelegten Studie auf den Grund gehen. Warum hat er sich für diesen Weg entschieden? Und hätte es andere Möglichkeiten gegeben? Antworten im Vorfeld der EKS-Synode.

Die EKS-Synode wird Anfang Juni in Neuenburg über die Durchführung einer Missbrauchsstudie entscheiden. (Bild: Nadja Rauscher/ EKS-EERS)

Vom 9. bis zum 11. Juni 2024 kommt die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in Neuenburg zusammen. Wichtigstes Traktandum: Eine reformierte Missbrauchsstudie. Der EKS-Rat schlägt vor, Missbrauch in der Kirche mit einer sogenannten Dunkelfeldstudie zu erforschen (siehe Kasten). Eine historische Untersuchung, wie sie die katholische Kirche in der Schweiz hat durchführen lassen, zieht der EKS-Rat dagegen nicht in Betracht.

Dabei hat der Rat durchaus verschiedene Optionen geprüft. Wie Stephan Jütte, Kommunikationsverantwortlicher sowie Leiter Theologie und Ethik bei der EKS, auf Anfrage von ref.ch erklärt, hat der Rat zwei Offerten eingeholt: Für eine Vorstudie, welche die Aktenlage in den 25 reformierten Mitgliedskirchen hätte prüfen sollen. Der Kostenvoranschlag belief sich auf rund 50'000 Franken beim einen Anbieter und auf das Doppelte beim anderen.

«Wir erwarteten von einer historischen Studie wenig Erkenntnisgewinn.»
Stephan Jütte, Kommunikationsverantwortlicher sowie Leiter Theologie und Ethik EKS

Auf die Erkenntnisse aus der Vorprüfung hätte dann allenfalls eine historische Studie aufbauen können. Schliesslich hat sich der EKS-Rat gegen diesen Weg entschieden. Jütte begründet: «Wir erwarteten von einer historischen Studie wenig Erkenntnisgewinn, aber höhere Gesamtkosten.»

Zum Vergleich seien hier noch die Kosten der historisch ausgerichteten Missbrauchsstudie der Katholischen Kirche in der Schweiz angeführt: Für das einjährige Forschungsprojekt, das zum Bericht führte, der im September 2023 vorgestellt wurde, waren insgesamt 450'000 Franken vorgesehen. Für die Nachfolgestudie der Universität Zürich von 2024 bis 2026 hat die katholische Kirche 1,5 Millionen Franken budgetiert

Deshalb soll es eine Dunkelfeldstudie sein

Die Dunkelfeldstudie

Eine Dunkelfeldstudie soll mittels einer repräsentativen Umfrage unter 20’000 zufällig ausgesuchten Menschen in der Schweiz Antworten liefern zu den Fragen: Wann, wo und warum werden sexuelle Übergriffe verübt- im Rahmen der gesamten Gesellschaft. Das Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Luzern (ZRWP) soll die Studie leiten. Für die Umfrage würde das Marktforschungsinstitut Demoscope beauftragt werden. Menschen aus dem kirchlichen Umfeld, die von sexuellen Übergriffen betroffen sind, könnten sich in einer separaten «Online-Mitmachumfrage» anonym melden.

Die Kosten für diese Studie würden sich laut einer Offerte des ZRWP auf etwas über 1,6 Millionen Franken belaufen. Mehr als die Hälfte des Betrags ist für die Arbeit von Demoscope eingesetzt. Die Online-Umfrage in kirchlichen Kreisen macht knapp 170’000 Franken aus. (dst)

Dass der EKS-Rat nun eine Umfrage in der gesamten Schweizer Gesellschaft – eine Dunkelfeldstudie – favorisiert, um die Hintergründe zu sexuellem Missbrauch erforschen zu lassen, habe verschiedene Gründe. Zum einen hänge es mit dem Anspruch des Rates zusammen, ganz grundlegend erklären zu können, wie es überhaupt zu sexuellem Missbrauch komme. «Am schnellsten kann man Muster erkennen, wenn man die ganze Gesellschaft in die Untersuchung einschliesst», sagt Jütte. Anschliessend sollen diese Erkenntnisse genutzt werden: «Wir wollen dadurch sehen, welche Bedingungen bei uns in der evangelisch-reformierten Kirche spezifisch sind – und lernen, was wir besser machen können.» 

Zum andern haben bisher weder die Katholische Kirche Schweiz, noch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Dunkelfeldstudie durchgeführt. Diese Kirchen haben die historische Methode gewählt. Mit beiden Organisationen hat der EKS-Rat gesprochen.

Im November 2023 reisten Rita Famos, Stephan Jütte und Martin Hirzel, stellvertretender Geschäftsleiter EKS und Leiter Aussenbeziehungen, nach Hannover. Dort trafen sie die Verantwortlichen der EKD-Missbrauchsstudie. Diese gaben den Schweizer Besuchern noch vor der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse Einblick in ihr Studiendesign.  

Katholiken brachten Uni Luzern ins Spiel

Der EKS-Rat tauschte sich auch mit Vertretern der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ) über das Aufarbeiten von sexuellem Missbrauch aus. Die RKZ habe im Gespräch auf das Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) an der Universität Luzern hingewiesen, sagt Jütte: «Es hiess, das ZRWP sei schon weit fortgeschritten im Bereich der soziologischen und quantitativen Studien.» 

«Wir haben unabhängig von einem Auftrag Machbarkeitsüberlegungen für eine Dunkelfeldstudie angestellt.»
Anastas Odermatt, Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Luzern (ZRWP)

Auf Anfrage sagt Anastas Odermatt vom ZRWP, man habe unabhängig von einem Auftrag bereits Machbarkeitsüberlegungen für eine Dunkelfeldstudie angestellt und dann «an die Bedürfnisse der Auftraggebenden» angepasst. Denn: «Die Autorinnen der katholischen Missbrauchsstudie haben die Durchführung einer solchen soziologisch angelegten, quantitativen Studie empfohlen und auch die Ergebnisse der EKD-Untersuchung weisen auf die Wichtigkeit einer solchen Studie hin», erklärt Odermatt. Laut dem Luzerner Wissenschaftler ist der Kontakt mit der EKS bereits im März zustande gekommen.  

Auch ein Mitarbeiter der Universität Lausanne hatte ein Studienkonzept an den EKS-Rat gesandt. Dieser gab den Zuschlag jedoch den Luzernern. Jütte begründet den Entscheid auf Nachfrage mit dem wissenschaftlichen Netzwerk des ZRWP, dessen Stärken im religionssoziologischen Bereich, dem «überzeugenden Studiendesign» und mit der Wahl des Befragungsinstituts. Anschliessend wurden die Forschungsfragen des EKS-Rats in das Luzerner Konzept integriert. 

Medialer Druck

Auf diese Weise hat der EKS-Rat seinen konkreten Vorschlag für eine Missbrauchsstudie zuhanden der Synode ausgearbeitet. Aber weshalb musste es so schnell gehen? Nach Rita Famos’ Auftritt im «Tagesgespräch» von Radio SRF Ende Dezember 2023 – in dem sie zum ersten Mal die Dringlichkeit einer Untersuchung herausstrich – sei der EKS-Rat «beharrlich» von Medienvertretern zu einer reformierten Missbrauchsstudie angefragt worden, erklärt Jütte. «Wir sahen, dass wir schnell auskunftsfähig sein mussten.» 

Die 1,6 Millionen Franken für die Dunkelfeldstudie will der EKS-Rat wenn nötig aus der eigenen Kasse bezahlen. Jütte sagt dazu: «Die Studie ist zu wichtig, um sie von der Mitfinanzierung durch Dritte abhängig zu machen.»

Gleichwohl beabsichtigt der Rat auf Stiftungen und eine Bundesstelle zuzugehen und um Beiträge zu werben. Laut Stephan Jütte ist auch eine finanzielle Beteiligung von katholischer Seite an der Datenerhebung noch nicht vom Tisch – obwohl diesen April eine ökumenische Trägerschaft der Dunkelfeldstudie scheiterte. Doch vor einem nächsten Schritt muss die Synode über den Vorschlag für die mögliche Durchführung der Missbrauchsstudie entscheiden und darüber, wie diese aussehen soll.