Synodale Kritik wird lauter
Von Sonntag an treffen sich die Synodalen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in Neuenburg zur Sommersynode. Im Fokus steht dabei die Frage, ob die EKS eine so genannte Dunkelfeldstudie zu sexuellem Missbrauch in Auftrag geben wird (ref.ch berichtete). Diese solle aufzeigen, «welche Bedingungen bei uns in der evangelisch-reformierten Kirche spezifisch sind – und wir wollen lernen, was wir besser machen können», sagte Stephan Jütte, Kommunikationsverantwortlicher sowie Leiter Theologie und Ethik bei der EKS auf Anfrage.
Kritik an diesem Vorgehen hat der Dachverband der evangelischen Frauen Schweiz, die femmes protestantes, geäussert. Eine Studie solle sich auf das kirchliche Umfeld, und nicht auf die gesamte Gesellschaft konzentrieren, sind die femmes protestantes der Ansicht. Für diesen Bereich trage die Kirche die Verantwortung, und dort könne sie Veränderungen bewirken. Zudem fordern die femmes protestantes mehr Expertinnen aus verschiedenen Bereichen im Beteiligtenrat, der vorgesehen ist. Auch die Rolle des Gremiums sollte aus ihrer Sicht klarer definiert sein.
St. Galler Kirchenratspräsident: «Unnötige Zwängerei»
Unter den Synodalen stösst der EKS-Vorschlag nicht nur auf Zustimmung. In den Vorgesprächen der synodalen Delegationen der Landeskirchen wird das Papier kontrovers diskutiert. Die gesamte Gesellschaft und die reformierte Kirche müsse Missbrauchsbetroffene ernst nehmen, ihnen eine Stimme geben und sie in den Fokus rücken, sagte Christoph Herrmann, Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Basel-Landschaft, im Gespräch mit ref.ch.
Die EKS habe mit der Art ihrer Kommunikation im Vorfeld der Synode die Erwartung aufgebaut, dass die Synodalen Ja sagten zur Durchführung der Missbrauchsstudie. «Das entspricht nicht meinem Verständnis von synodaler Verfasstheit, nämlich der Möglichkeit, Diskurs einen Prozess prägen zu lassen, etwas gemeinsam zu debattieren und andere Meinungen gelten zu lassen, bevor man zu einem Entscheid kommt», sagte Herrmann.
Von «unnötiger Zwängerei» spricht der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt. «Eine Exekutive darf Vorschläge machen, ein partizipatives Vorgehen sieht aber anders aus», sagt er. «Die Ratspräsidentin und der Rat haben eine Druckkulisse aufgebaut.» Eine Profilierung, wer in der Sache der beste Aufarbeiter sei, werde der Sache nicht gerecht.
Kosten «sehr hoch»
Einige Vorschläge des EKS-Rates sind für die Synodalen unbestritten, etwa die Einrichtung einer nationalen Meldestelle für Missbrauchsopfer sowie die Einführung einheitlicher Standards in den reformierten Landeskirchen. Offene Fragen gibt es aus ihrer Sicht aber bei der geplanten Dunkelfeldstudie.
Die in den Unterlagen zur Synode beschriebene Untersuchungsanlage sei zu wenig griffig, kritisiert etwa Christoph Herrmann. «Es ist unklar, ob wir von sexuellen Übergriffen sprechen, von Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung oder von Machtmissbrauch.» Weiter seien die Kosten von rund 1,5 Millionen Franken sehr hoch «und es ist zudem unklar, wieso die EKS ausgerechnet auf dieses Institut kommt.»
Wohl mehrere Änderungsanträge
Martin Schmidt stösst sich daran, dass es keine öffentliche Ausschreibung gegeben hat und die Möglichkeiten, am Studiendesign mitzuarbeiten, eingeschränkt seien. Darüber hinaus würde er es besser finden, wenn der Bund die Studie durchführen und auch die Kosten dafür übernehmen würde. Daran könne sich die EKS dann beteiligen. «Die 1,6 Millionen Franken sollten besser den Opfern zur Verfügung gestellt werden», meinte Schmidt.
Laut Schmidt gibt es mindestens einen Gegenantrag zum Ratsvorschlag aus der Ostschweiz, auch aus der Westschweiz sollen wohl Änderungsanträge kommen. «Nur Nein sagen können wir nicht, dann stünden wir mit leeren Händen da. Dafür ist die Verantwortung zu gross.» Christoph Herrmann wünscht sich, dass «offene Fragen sinnvoll diskutiert werden können, damit für die Betroffenen angemessen gehandelt werden kann.»