Was Sie über die geplante Missbrauchsstudie wissen müssen
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) will herausfinden, wo und wie sexueller Missbrauch im Kontext der reformierten Kirchen vorkommt. Doch wie sieht diese Studie aus – und welche Massnahmen sind sonst noch geplant? Wir beantworten Ihnen die wichtigsten Fragen.
Welche Massnahmen plant die EKS im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch?
Der Rat der EKS hat ein Paket mit verschiedenen Massnahmen geschnürt, damit sexueller Missbrauch in Zukunft besser erkannt, gemeldet und wenn möglich verhindert werden kann. Der Synode wird er dazu im Juni drei Anträge vorlegen. Darin geht es um bessere Schutzkonzepte und eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch, eine grossangelegte Studie sowie die Schaffung eines Beirats. In diesem sollen von Missbrauch betroffene Personen aus dem evangelisch-reformierten Umfeld die Studie kritisch begleiten.
Wie sieht die Studie aus?
In einer repräsentativen Untersuchung sollen rund 20’000 zufällig ausgewählte Personen in der Schweiz zu sexuellem Missbrauch befragt werden. Die Studie mit dem Titel «Dunkelfeldstudie zu sexuellem Missbrauch» soll an der Universität Luzern in Auftrag gegeben und vom Sozial- und Marktforschungsinstitut Demoscope durchgeführt werden.
Die Studie verfolgt drei Ziele: Sie soll erstens aufzeigen, in welchem Umfang und unter welchen Umständen es im Umfeld der evangelisch-reformierten Kirchen zu sexuellem Missbrauch kommt – und ob es dabei Unterschiede zu sexuellem Missbrauch in anderen Institutionen wie Sportvereinen, kulturellen Einrichtungen oder anderen Kirchen gibt. Zweitens wird in der Studie erforscht, in welcher Form sexueller Missbrauch geschieht. Wie lässt sich die Täterschaft charakterisieren, was wusste das Umfeld und welche Folgen haben die Fälle? Und drittens sollen Betroffene, die nicht Teil der zufälligen Stichprobe sind, in einer öffentlichen, anonymisierten und nicht repräsentativen Online-Umfrage über ihre Erfahrungen berichten können.
Wieso eine Dunkelfeldstudie?
Anders als bei der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche sollen bei der reformierten Studie keine Personalakten und Archive durchforstet werden. Eine solche Untersuchung wäre aufgrund der föderalistischen Struktur der 25 Mitgliederkirchen zu kompliziert und die Resultate wären zu wenig aussagekräftig, begründet Ratspräsidentin Rita Famos den Vorschlag in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» (ref.ch berichtete). In der Dunkelfeldstudie sollen mittels Befragungen Fälle ans Licht gebracht und erforscht werden, die bisher im Dunkeln lagen, also nicht bereits aktenkundig sind.
Was kostet die Studie?
Der Rat der EKS rechnet mit Kosten von rund 1,6 Millionen Franken, die von der EKS selbst getragen werden sollen. Darin enthalten sind die Dunkelfeldstudie der Universität Luzern sowie die Online-Umfrage für Personen, die an der Studie nicht teilnehmen konnten, ihre Erfahrungen aber dennoch teilen möchten. Die Kosten für das Sozial- und Marktforschungsinstitut Demoscope machen mit rund 850‘000 Franken etwas mehr als die Hälfte der Gesamtkosten aus. Die zusätzliche Online-Umfrage kostet rund 170‘000 Franken.
Finanzieren will der Rat die Studie durch den Verkauf von Wertpapieren im Wert von 1,1 Millionen Franken. Die verbleibenden 500‘000 Franken sollen aus dem laufenden Betrieb finanziert werden. Die EKS wird weitgehend durch die Beiträge der Mitgliedkirchen finanziert.
Verfügen die Kirchen nicht schon über Schutzkonzepte, die sexuellen Missbrauch verhindern sollen?
Die meisten Kirchen verfügen bereits über ein Konzept zum Schutz vor sexuellem Missbrauch. Die EKS will sicherstellen, dass alle Mitgliedkirchen bis Ende 2024 über ein solches Schutzkonzept verfügen. Wo nötig, sollen diese verbessert werden. Die EKS will dazu Grundlagen und Standards vorlegen, an denen sich die Mitgliedkirchen orientieren sollen. Zusätzlich will die EKS noch in diesem Jahr eine nationale Anlaufstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch schaffen.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Synode der EKS wird an ihrer Versammlung vom 9. bis 11. Juni in Neuenburg über die Studie und die budgetierten Kosten abstimmen. Wird der Antrag gutgeheissen, starten im ersten Quartal 2025 die Forschungsarbeiten der Universität Luzern. Die Ergebnisse sollen bis Ende 2027 vorliegen.
Daneben stimmen die Delegierten über den geplanten Beteiligtenbeirat ab. Dieser soll den Status einer Kommission erhalten und bis im September dieses Jahres gebildet werden. Lediglich zur Kenntnis nehmen kann die Synode das Massnahmepaket zum «Schutz der persönlichen Integrität».
Auch im Herbst wird das Thema Missbrauch die Synode weiter beschäftigen. An der Synode vom 4. bis 5. November in Bern sollen die Delegierten unter anderem über die überarbeiteten Grundlagen zu den Schutzkonzepten (siehe vorheriger Punkt) befinden.
Wie ist die Idee zu einer Studie entstanden?
In den vergangenen Jahren häuften sich Studien zu sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld. 2021 enthüllte eine unabhängige Kommission, dass in der katholischen Kirche in Frankreich seit den Fünfzigerjahren mindestens 216‘000 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sind.
Hohe Wellen schlug auch eine Untersuchung der Universität Zürich zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz im vergangenen Herbst. Im Januar dieses Jahres publizierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Studie, die mindestens 2225 Opfer von sexualisierter Gewalt nachwies.
Diese Studie habe der EKS die Augen geöffnet, sagte Präsidentin Rita Famos im Interview mit der «NZZ am Sonntag». Bereits vor einigen Monaten hatte Famos gesagt, dass eine Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt auch in der reformierten Kirche nötig sei.