Der Sache einen Bärendienst erwiesen
Erstmals hat ein Forschungsverbund systematisch das Ausmass sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie Deutschlands untersucht. Die Studie, die am 25. Januar publiziert wurde, spricht von 1259 Beschuldigten und 2225 Fällen im Zeitraum von 1946 bis 2020 (ref.ch berichtete). Sie nennt spezifisch evangelische Faktoren, die Missbrauch ermöglichen, ja begünstigen. Und sie macht deutlich, dass es sich hierbei nur um die «Spitze der Spitze des Eisberges» handelt, da die Datenlage mangelhaft war. Es sind erschütternde Ergebnisse.
Haben Sie sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld erlebt? Folgende Organisationen können Ihnen weiterhelfen:
Die Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Personen im kirchlichen Umfeld unterstützt Selbsthilfegruppen für Menschen, die sexuell und spirituell missbraucht wurden. Sie steht allen Menschen offen, unabhängig ihrer Konfession.
Die Opferhilfe Schweiz unterstützt Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Das Angebot steht auch Angehörigen von Betroffenen offen.
Schon im Vorfeld war in reformierten Kreisen diskutiert worden, was das für die Kirchen in der Schweiz bedeuten würde: Bräuchte es hier ebenfalls eine Studie und wäre eine solche angesichts der im Vergleich zu Deutschland sehr anders gearteten Strukturen überhaupt durchführbar (ref.ch berichtete)?
Zu einer gemeinsamen Antwort ist man nicht gekommen: Zwar fand Mitte Januar eine Task-Force-Sitzung von Vertreterinnen der Landeskirchen und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) statt; kommuniziert wurde im Anschluss jedoch nichts, auf Nachfrage von ref.ch hielten sich die Teilnehmer bedeckt. Auch am 25. Januar, als die deutschen Studienergebnisse veröffentlicht wurden, gab es keinerlei offizielle Kommunikation – dabei wäre das der Zeitpunkt gewesen, um ein geeintes und entschlossenes Handeln zu demonstrieren.
Vage Aussagen mit Folgen
Stattdessen äusserte sich EKS-Ratspräsidentin Rita Famos unter anderem gegenüber kath.ch und Schweizer Radio SRF vage. Sinngemäss sagte sie, in den reformierten Kirchen herrsche Einigkeit darüber, dass es Aufklärung brauche und dass eine Studie dafür ein geeignetes Mittel sein könnte. SRF machte daraus prompt den Titel: «Schweizer Reformierte wollen Studie zu sexueller Gewalt». Dahinter können EKS und Landeskirchen nun kaum mehr zurück. Einmal gehört, setzt sich die Aussage in den Köpfen fest.
Doch damit nicht genug: Auf dem Blog der EKS doppelte Stephan Jütte, Leiter Theologie und Ethik sowie Rita Famos‘ persönlicher Mitarbeiter, nach: Wenn die Anliegen der Betroffenen den Kirchen wirklich wichtig seien, führe kein Weg an einer Studie vorbei, schrieb er. Zudem dürfe die typisch reformierte Struktur «nicht länger als Feigenblatt benutzt werden, um die Machbarkeit einer Studie zu hinterfragen oder Verantwortlichkeiten zu verwischen. Es wäre ein Zynismus gegenüber den Betroffenen, würde diese Forderung zu einem kirchenpolitischen Zankapfel im Richtungsstreit zwischen dezentralen und zentralen Organisationsformen».
Ein geschickter Schachzug, um eben jene föderalistische, basisdemokratische und dezentrale Organisationsform zu umgehen und die Landeskirchen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Denn wer jetzt noch darauf pocht, dass die EKS eine nationale Missbrauchsstudie nicht einfach beschliessen und top-down verordnen kann, wird sich automatisch dem Vorwurf aussetzen, man wolle eine saubere Aufarbeitung verhindern und setze das Wohl der Betroffenen nicht an erste Stelle.
An der Zeit lag’s nicht
Ob die EKS mit ihrer übereilten und unklaren Kommunikation der Sache einen Gefallen getan hat, ist fraglich. Denn wer sind eigentlich die Betroffenen, von denen nun überall die Rede ist? Hat sich jemand die Mühe gemacht, mit ihnen zu sprechen? Sie zu fragen, was sie wollen, ob sie überhaupt willens und in der Lage sind, über ihre Erlebnisse zu sprechen? Gibt es ein Konzept, was mit Betroffenen geschehen soll, die sich melden? Sind Entschädigungen geplant und wenn ja, wer kommt dafür auf? Hat man die Pfarrerinnen und Behördenmitglieder involviert und darauf vorbereitet, dass Betroffene an sie gelangen könnten? Und was sagt man den Betroffenen, wenn nun doch – aus welchen Gründen auch immer – keine Studie zustande kommt oder diese keine belastbaren Daten zutage fördert?
Das alles sind nur einige der Fragen, die EKS und Landeskirchen im Vorfeld hätten klären müssen. Zeit genug wäre gewesen: Spätestens seit im Herbst eine ähnliche Studie für die katholische Kirche der Schweiz publiziert wurde, ist das Thema in aller Munde. Dass in Deutschland an einer evangelischen Untersuchung gearbeitet wird, ist ebenfalls seit Langem bekannt.
Worum es wirklich geht
Um es deutlich zu sagen: Das alles soll nicht heissen, dass es in den reformierten Kirchen der Schweiz keine systematische Aufklärung braucht, geschweige denn, dass es hier keinen Missbrauch gab und gibt. Gerade die EKS wurde lange Zeit von einem Mann geführt, der später im Zusammenhang mit mutmasslichen Grenzverletzungen seinen Posten räumte. Auch da wurde jahrelang zu wenig genau hingeschaut und zu lange geschwiegen.
Gut möglich, dass es die EKS aus dieser Erfahrung heraus dieses Mal besser machen möchte. Doch die Gefahr ist gross, dass nun genau das geschieht, was Stephan Jütte in seinem Blogbeitrag anmahnt: Dass nicht mehr die Betroffenen im Zentrum stehen, sondern die Frage, wer was wann hätte tun sollen – oder eben nicht.
Will die EKS das verhindern, muss sie nun schleunigst die Landeskirchen und Kirchgemeinden ins Boot holen. Denn nur wenn alle Player am gleichen Strang ziehen, können die Reformierten glaubhaft machen, dass es ihnen nicht um Profilierung, Machtansprüche oder innerkirchliche Streitereien geht – sondern um die Betroffenen.