Meinung

Menschenwürde muss für alle gelten

Wer hoffte, dass die Causa Blattner in der EVP zu einem grundlegenden Wandel führt, bleibt bislang enttäuscht. Der Partei gelingt es nicht, sich glaubwürdig von Homophobie abzugrenzen.
Nach dem angekündigten Rücktritt der lesbischen Co-Präsidentin der Jungen EVP ist der Umgang der Partei mit Homophobie ins Zentrum gerückt. (Foto: Christian Beutler / Keystone)

Progressive und konservative Haltungen in einer Partei: Dieser Gegensatz in sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen prägt insbesondere die EVP. Das zeigt sich aktuell wieder im Umgang der Partei mit homosexuellen Mitgliedern. Zwischen dem Anspruch auf Nächstenliebe und dem Festhalten an der traditionellen, heterosexuellen Ehe zwischen Mann und Frau sind die Differenzen unüberhörbar.

Dabei sind die innerparteilichen Spannungen nicht neu. Bereits 2022 stimmten EVP-Nationalräte bei der Motion zum Verbot von Konversionstherapien Ja und Nein (ref.ch berichtete). Diese Differenzen werden in der Partei gerne als «Zeichen der Vielfalt» interpretiert.

Ausgrenzung und Abwertung entstehen

Der jüngste Entscheid der lesbischen Co-Präsidentin der Jungen EVP nach Hassnachrichten und Drohungen rückt erneut die Frage ins Zentrum, ob die Partei stark genug gegen Homophobie eintritt.

Die Parteileitung verurteilte den Hass zwar sofort, der der jungen Frau entgegenschlug. Die Parteispitze vermied es jedoch, die Homophobie klar zu benennen. Stattdessen sprach sie von «persönlichen, politischen oder theologischen Meinungsverschiedenheiten», die nicht zu Ausgrenzung führen dürften.

Und hier liegt der Kern des Problems: Wenn theologische Überzeugungen Homosexualität als «Sünde» darstellen, legitimieren sie Abwertung. Wenn Bibelstellen so verstanden werden, dass Homosexuelle den Tod durch Steinigung verdienen oder vom «Zorn Gottes» getroffen werden sollen, entsteht ein Klima, in dem Ausgrenzung möglich wird. Das muss sich nicht direkt in Drohungen äussern, es fängt subtiler an. Betroffene fühlen sich schuldig und denken, mit ihnen stimme etwas nicht.

Lilian Studer, Präsidentin der EVP Schweiz, sagte im Gespräch mit ref.ch: «Wenn jemand gegen die Ehe für alle gestimmt hat, bedeutet das nicht, eine homosexuelle Person abzulehnen.» Die Nachbefragung zur Abstimmung zeigte, dass Personen mit sehr hohem Vertrauen in Freikirchen die Vorlage fast geschlossen ablehnten. Und einer Studie von 2020 zufolge korrelieren evangelisch-freikirchliche Prägungen mit stark homophoben Einstellungen. Trotzdem bestreitet EVP-Vizepräsident François Bachmann, dass die Partei ein «generelles Homophobie-Problem» habe (ref.ch berichtete).

Besondere Verantwortung tragen

Dass die Realität anders aussieht, zeigen Schilderungen von Parteimitgliedern wie Lea Blattner oder auch Renato Pfeffer, die im Widerspruch stehen. Pfeffer, ebenfalls homosexuell, unterzog sich über zehn Jahre einer Konversionstherapie um seine Homosexualität zu «heilen». In seinem damaligen Umfeld, einer Freikirche, gab es keinen Platz für seine Gefühle. Es kam, wie bei Blattner, schliesslich zum Bruch mit der Gemeinde.

Während Blattner und Pfeffer in der EVP für Veränderung kämpfen und mit der Schaffung einer geplanten Meldestelle zumindest einen Erfolg erzielen konnten, haben andere – wie Tobias Adam, der frühere Präsident der Jungen EVP Zürich – die Partei wegen ihrer Positionierung in gesellschaftspolitischen Fragen verlassen.

Natürlich ist Homophobie kein exklusives EVP-Problem. Doch als Partei mit christlichem Anspruch und der Verkörperung christlicher Werte trägt sie eine besondere Verantwortung. Wer Nächstenliebe und Menschenwürde ins Zentrum stellt, muss diese auch dann und dort verteidigen, wo es unbequem wird.

In ihrem Parteiprogramm hält die EVP weiterhin an der Privilegierung der Ehe zwischen Mann und Frau fest. Zwar verzichtet die Partei heute meist auf offene Ablehnung Gleichgeschlechtlicher, doch Positionen wie das Nein zur Samenspende für lesbische Paare zeigen: Homosexuelle Lebensformen sind nicht gern gesehen.

Widerspruch aufarbeiten

Andere christliche Institutionen sind da weiter: Die reformierte Landeskirche Zürich bat 1999 um Entschuldigung für das Leid, das sie homosexuellen Menschen zugefügt hatten. 2019 unterstützte eine klare Mehrheit der Delegierten des Kirchenbundes die Ehe für alle. Queerfreundliche Freikirchen wie jene in Zürich-Wollishofen bieten heute offene Zugänge für Menschen, die ihre sexuelle und religiöse Identität anderswo nicht vereinen können.

Wer hoffte, dass die Causa Blattner zu einem grundlegenden Wandel in der EVP führt, bleibt bislang enttäuscht. Die Partei betont Respekt und Nächstenliebe, ohne zu anerkennen, dass es ein strukturelles Problem innerhalb der Partei gibt. Verantwortung wird ausgelagert.

Damit gerät die EVP in einen Glaubwürdigkeitskonflikt. Eine Partei, die für Menschenwürde eintritt, kann es sich nicht leisten, die Ablehnung von Homosexualität als «Meinungsverschiedenheit» zu beurteilen. Solange sie diesen Widerspruch nicht offen aufarbeitet, bleibt ihr Umgang mit Homophobie halbherzig.

Das ist für viele Betroffene nicht nur schwer erträglich, sie werden mit ihrem Leid auch allein gelassen. Unter solchen Vorzeichen werden sich homosexuelle Mitglieder der EVP gut überlegen, ob sie sich zu erkennen geben. Wer befürchten muss, dass die eigene Identität verhandelt wird, wird sein Coming-out kaum wagen und es vorziehen, unsichtbar zu bleiben.

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