Fusion Kirchgemeinde Bern

«Kulturen brauchen Jahrzehnte, um zusammenzuwachsen»

Die Fusion der Berner Kirchgemeinden ist beschlossene Sache. Worauf es nun ankommt, sagt der evangelisch-reformierte Pfarrer und Kommunikationsberater Martin Peier.
In Zukunft muss sich die Kirchgemeinde Paulus selbst um den Unterhalt der Pauluskirche im Länggassquartier kümmern. (Bild: Alessandro della Valle/ Keystone)

Herr Peier, neun von elf Stadtberner Kirchgemeinden wollen fusionieren. Welche Herausforderungen kommen jetzt auf sie zu?
Jede Kirchgemeinde hat ihre eigene Entstehungsgeschichte und ihre eigene Kultur. Die Mitglieder sind damit aufgewachsen und sind davon geprägt. Die Befürchtung, ein Zuhause zu verlieren, ist gross. Hinzu kommen Projektionen auf andere Stadtteile – Vorstellungen davon, in welcher Kirchgemeinde Menschen besonders freundlich sind oder nicht – Stolz auf das Eigene oder alte Verletzungen durch andere. Das sind emotionale Werte, die schwer vorhersehbar sind und mit denen man sorgsam umgehen muss. Es sollte vermieden werden, eine neue Kultur auf alten Projektionen aufzubauen. In Bern besteht das Risiko, dass die neuen Kirchenkreise sich untereinander erneut abgrenzen.

Bern ist klein. Was muss sich da unter kulturellen Unterschieden von Kirchgemeinden vorstellen?
Sowohl der Kommunikationsstil zwischen den Menschen als auch die Art der Entscheidungsfindung sind beispielsweise Fragen der Kultur. Eine Kirchgemeinde ist womöglich eher basisdemokratisch organisiert, während in einer anderen eher direktiv entschieden wird. Ausserdem unterscheiden sich das Zentrum und die Aussenquartiere aus demografischer Sicht. Kulturen brauchen Jahrzehnte, um zusammenzuwachsen – unabhängig davon, ob es sich um Quartiere, politische Gemeinden oder Kirchgemeinden handelt.

Was raten Sie den Kirchgemeinden, die sich in einem Fusionsprozess befinden?
Ich würde viele dialogische Gefässe mit den Mitarbeitenden, Freiwilligen und bisherigen Behörden einberufen, um herauszufinden, was das Verbindende zwischen den Kirchgemeinden ist. Es geht nun darum, den Reformierten der Stadt Bern als Gesamtheit ein Gesicht zu geben. Deshalb ist es ausserordentlich schade, dass zwei wichtige Kirchgemeinden nicht mitmachen. Sie können ihre Erfahrungen somit nicht teilen.

Zur Person

Martin Peier ist Pfarrer und selbständiger Kommunikations- und Strategieberater. Von 1999 bis 2012 war er Radio- und Fernsehbeauftragter der Reformierten Medien, der Herausgeberin von ref.ch. Anschliessend leitete er den Reformprozess «Kirchgemeinde Plus» der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Als Geschäftsleiter des reformierten Stadtverbands von Zürich plante und koordinierte er die Fusion der städtischen Kirchgemeinden. Zurzeit berät er die Thuner Kirchgemeinden beim Fusionsprozess. (pef)

Die beiden Kirchgemeinden Paulus und Bern-Bethlehem sprechen von einer Abstimmung, bei der alle gewonnen hätten. Wie sehen Sie das?
Vermutlich sind sich die beiden Kirchgemeinden nicht bewusst, was sie mit ihrem Nein ausgelöst haben. Bis jetzt haben sie ihre Eigenständigkeit in der politischen Diskussion betont. Nun müssen sie sie mit Taten unter Beweis stellen. Sie müssen noch selbständiger werden, als sie es schon sind, und sich ständig abgrenzen. Das ist keine günstige Ausgangslage. Und es macht alles unglaublich kompliziert. Paulus und Bethlehem haben nicht nur Nein zur Kirchgemeinde Bern gesagt, sondern auch zu ihren potenziellen Nachbarn. Wie soll unter diesen Bedingungen eine erspriessliche Nachbarschaft entstehen? Auch von der Funktion und Grösse her werden die Kirchgemeinderäte von Bern, Bethlehem und Paulus keine gleichwertigen Gesprächspartner sein.

Gehört es nicht auch zu einer Fusionsabstimmung, dass manche an ihrer eigenen Identität festhalten wollen?
Ich kann die Angst vor einem Identitätsverlust verstehen. Allerdings ist sie aus meiner Erfahrung kein haltbarer Grund gegen eine Fusion. Nehmen wir als Beispiel die Eingemeindungen, die wir aus allen grösseren Städten kennen. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch ist noch heute stolz darauf, eine «Untersträsslerin» zu sein; als das steht die Aargauerin dennoch für «Zürich» ein. Das ist völlig okay. Auch nach der Fusion der Berner Kirchgemeinden können die Menschen sich Paulus, Betlehem oder Heiliggeist zugehörig fühlen. Was sich verändert, ist das gemeinsame Wirken.

Eine Heirat, zwei Scheidungen

Nach dem politischen Entscheid wartet noch eine Menge Arbeit auf die Berner Kirchgemeinden. Da sich mit Paulus und Bern-Bethlehem zwei Kirchgemeinden für den Alleingang entschieden haben, muss das Vermögen der Gesamtkirchgemeinde Bern aufgeteilt werden. Laut Rudolf Beyeler, Präsident des Kleinen Kirchenrats der Evangelisch-reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern, handelt es sich um eine komplexe Angelegenheit, die noch Gegenstand von Verhandlungen sein wird. Der Anspruch der einzelnen Kirchgemeinden ergibt sich aus der Bilanz und dem Mitgliederbestand per 31. Dezember 2026.

Komplizierter wird es auch für die kantonale Steuerverwaltung. Statt die Kirchensteuern wie bisher an die Gesamtkirchgemeinde von Bern zu überweisen, muss sie die Steuereinnahmen der drei städtischen Kirchgemeinden separat verwalten. Jede Kirchgemeinde ist laut Beyeler im Gegenzug verpflichtet, eine eigene Buchführung und Mitgliederverwaltung aufzubauen. (pef)

Was meinen Sie damit?
Um nochmals auf das Beispiel Zürich zu kommen: Dort habe ich früher erlebt, dass am Sonntag zur gleichen Zeit in benachbarten Quartierkirchen Konzerte mit Werken desselben Komponisten stattfanden. Bei einer fusionierten Kirchgemeinde lassen sich solche kulturellen Anlässe aufeinander abstimmen – über die ganze Stadt. Ich würde das Augenmerk darauf legen: Was ist kleinräumig und gehört in die Quartiere – etwa der Religionsunterricht – und was wirkt über die Stadt hinaus – etwa Bildungsangebote für Erwachsene oder kulturelle Veranstaltungen.

In Zürich haben vor einigen Jahren 32 Kirchgemeinden fusioniert. Wie kann Bern von dieser Erfahrung profitieren?
Das ist eine politisch schwierige Frage. Ich glaube, Bern will grundsätzlich nicht von Zürich lernen, weil es selber herausfinden muss, was für die Berner Reformierten passt. Auch da spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle.

Sie beraten derzeit in Thun die fünf Kirchgemeinden beim Fusionsprozess. Wie vergleichbar sind Thun und Bern?
Sowohl die Thuner als auch die Berner Kirchgemeinden gehören zu den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Die Thunerinnen haben das Resultat in Bern zur Kenntnis genommen, mehr aber nicht. In Thun entstanden aus vormaligen Kirchenbezirken erst in den 1960er-Jahren selbständige Gemeinden, das ist also nicht so lange her. Nun bereiten sie die Struktur der neuen Kirchgemeinde so vor, dass je nach Arbeitsbereich die Organisation unterschiedlich gestaltet wird. Religionsunterricht soll kleinräumig organisiert werden, währenddessen kulturelle Angebote über die Region hinaus Menschen anziehen soll. Die Organisation weist also keine fixe Struktur auf – etwa nach Kirchenkreisen wie in Bern – sondern passt sich den Bedürfnissen der Angebote an.

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