Interview

«Kolonialismus beeinflusst unsere Arbeit nach wie vor»

Regula Hafner leitet die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Welche Erfahrungen sie bei Einsätzen vor Ort gemacht hat und welche Schwierigkeiten es in ihrer Arbeit gibt, erzählt sie im Interview.

Das Heks möchte seine Fachleute künftig stärker in den Einsatzländern rekrutieren, so zum Beispiel in Senegal. (Bild: Heks)

Frau Hafner, Sie haben mehrere Jahre in Afrika gelebt. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie von dort mitgenommen?
Es wurde mir sehr stark bewusst, wie schwierig das Leben für die ärmere Bevölkerung ist, wenn grundlegende Dienstleistungen des Staates nicht vorhanden sind. Zum Beispiel der Zugang zu Geburtsurkunden, zu sauberem Trinkwasser, die medizinische Versorgung und so weiter. Weil oft jedes staatliche Sozialnetz fehlt, ist die Absicherung durch die Grossfamilie oder den Clan von grosser Bedeutung. Neben dem Positiven hat dies auch negative Auswirkung wie zum Beispiel, dass familiäre Bindungen bei Stellenbesetzungen wichtiger sind als die berufliche Eignung.

Wie ist es, als Weisse in Afrika zu leben und zu arbeiten?
Als Besucherin oder Besucher aus dem Norden ist man in Afrika oft privilegiert. Die Begegnungen sind meistens herzlich und offen, manches berührt einen unangenehm: wenn man für eine Organisation bequem mit dem Auto fährt, um die Projekte zu besuchen, während die Landbevölkerung zu Fuss unterwegs ist.

Wie sind Sie mit solchen Privilegien umgegangen?
Ich versuchte, mir dessen bewusst zu sein, dass dies ungerechtfertigte Privilegien sind. Und ich habe es immer wieder zum Ausdruck gebracht, etwa indem ich den Fahrern gesagt habe, dass die Leute zu Fuss Vortritt haben, und nicht wir im Auto. Ich hatte aber auch gelernt, dass es für eine Dorfgemeinschaft verletzend sein kann, wenn man bei einem Treffen den besten Platz nicht annimmt.

«Gut ausgebildete Menschen lehnen die Entwicklungszusammenarbeit klar ab.»

Wurde Ihnen auch kritisch begegnet?
Ja. Es gibt kritische Auseinandersetzungen mit gut ausgebildeten Menschen vor Ort, die die Entwicklungszusammenarbeit durchaus hinterfragen oder klar ablehnen. Gerade Menschen in Westafrika treten Organisationen gegenüber mit einem starken Selbstbewusstsein auf. Da wird dann auch klar gesagt: «Wir entscheiden selber, was wir mit den Spenden machen, auch wenn wir froh sind um das Geld.»

Ist der Ansatz, dass die notleidende Bevölkerung Geld erhält, sinnvoll in der Entwicklungszusammenarbeit?
Die sogenannte Cash-Hilfe wird vor allem in der Nothilfe angewendet. Dadurch können die Leute in Not selber entscheiden, was sie brauchen. Dafür muss aber der Markt funktionieren, will heissen: Es muss möglich sein, jene Güter zu kaufen, die gebraucht werden. In der Entwicklungszusammenarbeit wird der Cash-Ansatz weniger eingesetzt, weil es dort stärker darum geht, längerfristige und grundlegende Verbesserungen zu erarbeiten. Diese sind oft nicht mit einer einmaligen oder mehrmaligen Zahlungen an arme Leute zu erreichen.  

Worauf konzentriert sich das Heks bei der Entwicklungszusammenarbeit?
Wir fokussieren uns auf Projekte, die auf systemische Veränderungen zielen. Wir achten zum Beispiel darauf, dass die Bevölkerung gleichberechtigten Zugang zu natürlichen Ressourcen hat und diese nachhaltig bewirtschaften kann. Dabei arbeiten wir eng mit der Zivilgesellschaft, aber auch mit den Behörden vor Ort zusammen.

Wie sieht diese Zusammenarbeit vor Ort aus?
Wir führen Büros in den Ländern, wo grösstenteils Leute aus dem Land selbst angestellt sind. Diese entwickeln und betreuen Projekte mit lokalen Partnerorganisationen. Die Einhaltung der Menschenrechte, staatliche Strukturen und Infrastrukturen können von Land zu Land sehr unterschiedlich sein. Die lokalen Büros und Partner werden von Fachleuten von der Heks-Zentrale und aus der Region bei ihrer Arbeit unterstützt.

«Die Bevölkerung wünscht oft Infrastrukturen, bei denen ein nachhaltiges Konzept fehlt.»

Aber am Ende bestimmen Sie in Zürich, was wie gemacht wird?
Ja, die meisten formellen Entscheide werden an unserem Hauptsitz in Zürich getroffen, da von hier das Geld kommt. Aber entwickelt werden die Projekte meistens vor Ort.  Man kann sich schon fragen, ob das nicht neokolonialistisch anmutet. Wir sind aber für dieses Thema sensibilisiert und werden in unseren Teams in Bezug auf die Herkunft der Mitarbeitenden auch diverser.

Regula Hafner ist Leiterin der Abteilung Afrika und Lateinamerika. Sie arbeitet seit 2016 für das Heks.

Dann spüren Sie noch immer Nachwehen der Kolonialisierung?
Es ist ein Thema, das man emotional am liebsten ausblenden würde. Aber es ist wichtig, in einem ersten Schritt zu akzeptieren, dass der Kolonialismus vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte unsere Arbeit noch immer beeinflusst. Es sind oft Leute aus dem Norden, welche Entscheidungen treffen und als Expertinnen auftreten. Wir versuchen aber, mehr Entscheidungsmacht in die Länder abzugeben und noch stärker auf die zentrale Rolle der Bevölkerung bei der Ausarbeitung von Projekten zu achten.

Im Fokus: «Color»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Color». Am Donnerstag, 28. Oktober 2021, erscheint als nächster Beitrag ein Videointerview mit einer lesbischen Pfarrerin. (red)

Auf welche Schwierigkeiten stossen Sie bei Ihren Projekten?
Ein klassisches Problem ist, dass die Bevölkerung oft Infrastrukturen wünscht, bei denen ein nachhaltiges Konzept fehlt. Wir müssen zuerst mit der Bevölkerung oder Genossenschaften abklären, ob die Infrastruktur wirklich sinnvoll ist und nachhaltig unterhalten werden kann. Erst dann entscheiden wir, das Projekt finanziell zu unterstützen.

«Privatwirtschaftliche Initiativen werden zukünftig stärker unterstützt.»

Gibt es auch Punkte, die Sie gegen den Willen Ihrer Partner durchsetzen wollen, weil Sie eine andere, europäische Perspektive haben?
Das kommt vor. Bei uns ist die Genderfrage enorm präsent und wichtig. Es ist erwiesen, dass diese Frage für die Armutsreduktion weltweit von grosser Bedeutung ist. Wir wollten diese mit Partnerorganisationen in Niger thematisieren, haben aber gemerkt, dass dies nicht ihr drängendstes Problem ist. Es ist ein Balanceakt. Man will den Menschen solche Angelegenheiten zwar nicht aufdrängen und dadurch bevormundend wirken. Gleichzeit wäre Ignoranz gegenüber dem Thema aber auch unprofessionell.

Wie lösen Sie solche Dilemmas?
Es braucht dazu viele Diskussionen zwischen Heks und den Partnern. Wir versuchen auch, lokale Frauenorganisationen oder Netzwerke miteinzubeziehen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit?
Das ist eine schwierige Frage. Es wird immer wichtiger werden, dass Hilfsorganisationen die Zivilgesellschaft vor Ort unterstützen, damit diese sich selbst organisieren und die Entwicklung nach lokalen Prioritäten vorantreiben kann. Weiter werden Hilfsorganisationen zunehmend Fachleute aus den Einsatzländern rekrutieren, da dort enorm viele sehr gut ausgebildete Leute vorhanden sind. Zudem werden auch privatwirtschaftliche Initiativen vermehrt stärker unterstützt.