80 Jahre Kriegsende

Abgewiesen und in den Tod geschickt

Viele von den Nazis verfolgte Jüdinnen und Juden wollten zwischen 1938 und 1945 in die Schweiz fliehen. Wie schwierig das war, erzählen so manche Schicksalsgeschichten.
Flüchtlinge aus dem Elsass an der Schweizer Grenze in Basel, aufgenommen im November 1944. (Bild: Keystone/Photopress-Archiv/STR)

Es ist das Jahr 1943. Frankreich wird von der Deutschen Wehrmacht besetzt. Für französische Juden wie Gaston Dreher ist das Leben gefährlich. Nazis könnten ihn verhaften und in ein Lager deportieren. Der 36-Jährige beschliesst, in die Schweiz zu flüchten. Sein Ziel ist Basel, die Stadt, in der er aufgewachsen war. 

Als er am Rhein ankommt, stellt er einen Antrag auf Asyl. Doch weder die Basler noch die eidgenössischen Behörden sind bereit, den Flüchtenden vor der Verfolgung zu schützen und aufzunehmen.

Am 2. Dezember 1943 wird er bei Genf über die Grenze geschafft, zurück nach Frankreich. Kurz darauf schnappen ihn die Nazis. Sie bringen Gaston Dreher ins Konzentrationslager Auschwitz. Am 21. April 1944 ermorden sie ihn.

Restriktive Ausländerpolitik

Wie Gaston Dreher erging es damals vielen Juden, die in die Schweiz fliehen wollten. Die Historikerin Barbara Häne arbeitet beim Jüdischen Museum in Basel und hat einige Fluchtgeschichten gelesen, recherchiert und aufgeschrieben.

Häne sagt, die Schweiz habe damals grundsätzlich eine sehr restriktive Ausländerpolitik verfolgt. Eine antisemitische Haltung war schon verbreitet, als in den 1920ern Juden aus Osteuropa einwandern wollten.

Aus Deutschland flüchteten die ersten Jüdinnen und Juden, als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. Mit dem Anschluss von Österreich im April 1938 verschärfte sich die Lage auch an der östlichen Grenze. In der ersten Nacht reisten über 1000 Menschen ein. Der Bundesrat reagierte und führte eine Visumspflicht ein. Diese galt für alle, richtete sich aber vor allem gegen Juden und Jüdinnen.

Sie kamen ab dem Sommer 1938 nur noch mit grossen bürokratischen Hürden legal in die Schweiz. Unter anderem mussten sie nachweisen, dass sie das Land nur zur Durchreise in einen Drittstaat benutzten. Teilweise hatten Bekannte, Verwandte oder jüdische Gemeinden in der Schweiz eine Kaution oder Garantie zu leisten, für den Fall, dass die Einreisenden in der Schweiz blieben und von der Fürsorge lebten.

Grenzsperre im St. Galler Rheintal (Bild: Jüdisches Museum Basel. Foto aus Stefan Kellers Buch «Grüningers Fall»)

Diese Hürden hielten viele Juden davon ab, es überhaupt zu versuchen. Manche wagten eine Flucht über die Grüne Grenze. Das war riskant. Sie wurde von Schweizer Grenzwächtern mit Hunden und unter Androhung von Waffengebrauch bewacht.

Geschossen wurde auf der Schweizer Seite meist nur zur Warnung, sagt Historikerin Häne. Flüchtlinge, entwichene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen schickte man weg, teilweise wurden sie kurz verpflegt.

Verwirrung und Verzweiflung

Für viele jüdische Flüchtlinge kam eine Rückkehr nach Deutschland dem Tod gleich, weshalb es manche bis zu zehnmal über die Grüne Grenze versuchten.

Vor allem junge Männer trauten sich diese Strapazen und das Risiko zu. Hatten sie Familie, wollten sie diese nachholen. Das gelang jedoch nur selten. Auch weil sich die Einreisebestimmungen immer wieder änderten.

Ein Beispiel: Als 1942 Medienberichte über die Massenvernichtung von Jüdinnen und Juden erschienen, definierte der Bund Härtefälle. Ab August 1942 durften unter anderem Familien mit Kindern unter 16 Jahren einreisen. Doch bereits im Dezember hiess es, dass die Kinder unter 6 Jahren sein mussten.

Flüchtlinge warten am 20. April 1945 am Grenzposten St. Margrethen SG auf ihren Übertritt in die Schweiz. (Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Doelf Meier)

Oft erfuhren die Flüchtenden erst am Grenzposten von den neuen Bestimmungen. Verwirrung und Verzweiflung unter den Hilfesuchenden mündeten mitunter in dramatischen Szenen. «Viele sagten, statt umzukehren würden sie sich lieber gleich selbst umbringen oder noch an der Grenze erschiessen lassen», sagt Barbara Häne.

«Über die Grüne Grenze – von Fluchtgeschichten in die Schweiz 1938-1945»

Das Pilgerzentrum der reformierten Kirche Zürich organisiert von Juni bis Oktober fünf Touren entlang den damaligen Grünen Grenzen der Schweiz. Unterwegs erzählen Historikerinnen und Pilgerbegleiterinnen Geschichten von Grenzwächtern, Fluchthelfern und Geflüchteten aus den Jahren 1938-1945.

Die Wanderungen dauern zweieinhalb bis drei Stunden – plus Zeit für Informationen und eine kleine Mittagsrast mit Verpflegung aus dem Rucksack. Der Richtwert der Kollekte beträgt 25 Franken. Anmeldung an pilgerzentrum@reformiert-zuerich.ch. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Mehr Infos hier.

Auch im Inland kam es immer wieder zu tumultartigen Situationen. Etwa dann, wenn ein illegal eingereister Flüchtling gefasst und ausgeschafft werden sollte. Teils stellte sich die Bevölkerung auf die Seite der Verhafteten und griff aktiv ein.

Um grosses Aufsehen und Aufruhr zu vermeiden, änderten viele Kantone die Praxis. Wer es über die Grenze ins Landesinnere geschafft hatte, wurde in der Regel zumindest vorläufig aufgenommen.

Die Haltung in der Bevölkerung war unterschiedlich. Ein Teil war antisemitisch oder ausländerfeindlich, ein anderer solidarisierte sich mit den Flüchtlingen. Bis 1942 kam es vereinzelt zu – wenn auch verhaltenen – Protesten gegen die Einwanderungspolitik.

Opportunistischer Bundesrat

Auch an der Grenze war die Haltung divers. Die meisten Grenzwächter setzten die Vorgaben des Bundes konsequent um, aus Angst, den Broterwerb zu verlieren. Andere aber trauten sich, Jüdinnen und Juden zu helfen.

Der bekannteste Flüchtlingshelfer ist der Polizeihauptmann Paul Grüninger. Er rettete 1938 und 1939 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und dem Holocaust. Seine Geschichte wurde verfilmt.

Trailer zu «Akte Grüninger», dem Film über den Polizeihauptmann Paul Grüninger. (Quelle: Youtube)

«Der Bundesrat agierte während des Zweiten Weltkriegs sehr opportunistisch», sagt Historikerin Barbara Häne. Als sich Ende 1943 die Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland abzeichnete, lockerte er die Bestimmungen wieder.

Für tausende Juden und Jüdinnen, die vor den Nazis in die Schweiz flüchten wollten, kam diese Lockerung zu spät.

Barbara Häne: «Ein Hilfswerk, das gewaltige Ausmass angenommen hatte. Otto H. Heim und die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz 1935-1955». 2023. Gebunden. Chronos-Verlag.

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