Ruhestand

Er machte sich für Meinungsvielfalt stark

Tilmann Zuber hat den reformierten Kirchenjournalismus während eines Vierteljahrhunderts geprägt. Nun geht der Redaktionsleiter des «Kirchenboten» in Pension. Einen Wunsch an die Kirchenleitungen hat er dennoch.
Tilmann Zuber wird auch nach seiner Pensionierung als Journalist unterwegs sein. (Bild: Michael Waser)

Seine Stimme hat Gewicht in der Schweizer Kirchenpublizistik: 25 Jahre lang berichtete Tilmann Zuber für den «Kirchenboten» über religiöse und kirchliche Themen – pointiert und mit grossem Fachwissen.

Dabei wäre er beruflich beinahe auf der «anderen Seite» gelandet: Nach Abschluss seines Theologiestudiums wollte Zuber Pfarrer werden und absolvierte in Wallisellen (ZH) das Vikariat. Als junger Mann deutlich ältere Gemeindemitglieder zu begleiten, schien ihm aber doch etwas verwegen. «Ich spürte, dass es mir dafür an Lebenserfahrung fehlte», sagt er im Gespräch mit ref.ch.

So entschied sich der spätere langjährige Redaktionsleiter des «Kirchenboten» für seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Erste journalistische Erfahrungen hatte Zuber bereits während des Studiums gesammelt.

Beschwerde nach Premiere

Mit einem Pensum bei den «Neuen Zürcher Nachrichten» finanzierte er seinen Lebensunterhalt. Er schrieb Filmkritiken und berichtete gelegentlich auch über kirchliche Themen. «Nach meinem ersten Artikel über eine Freikirche beschwerte sich prompt deren Prediger bei mir», erinnert er sich.

Beim Zürcher «Kirchenbote» fand Zuber eine Anstellung. Schnell merkte er, dass Kirchenpublizistik mehr zu bieten hatte, als es auf den ersten Blick schien. Bis heute fasziniert ihn die Vielfalt der Themen und Menschen.

«Es gibt innerhalb der Kirchen die unterschiedlichsten Welten. Wenn ich die Freikirche ICF besuche, ist das eine völlig andere Welt als etwa ein Gottesdienst im Basler Münster», sagt er.

Wilde Anfangsjahre

Schon bald wurde Zuber Teil der Co-Leitung des Zürcher «Kirchenboten», bevor er 2001 die Chefredaktion des «Interkantonalen Kirchenboten» übernahm.

Verglichen mit heute seien die Anfangsjahre eine «wilde» Zeit gewesen, erinnert er sich. «Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare sorgten damals noch für rote Köpfe – heute sind solche Themen in der reformierten Kirche weitgehend ausdiskutiert.»

Stark gewandelt hat sich auch die Kirchenpublizistik selbst. Vieles habe damals noch den Charme des Handgestrickten gehabt. In den vergangenen 20 Jahre habe die Kirchenpublizistik eine Professionalisierung durchlaufen. «Das zeigt sich etwa bei der Qualität der Bilder und Texte und der Themenwahl», sagt Zuber.

Gleichzeitig stehe die Branche vor neuen Herausforderungen. Dazu gehörten die Digitalisierung und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz. «Wir Reformierten hängen immer noch ein wenig am Buchdruck fest. Unsere Präsenz in den digitalen Medien und sozialen Netzwerken ist sicher noch ausbaufähig».

Sparrunden bedrohen Kirchenjournalismus

Auch sonst sind die Zeiten für den Kirchenjournalismus herausfordernd. Sparmassnahmen in Schweizer Medienhäusern treffen nicht zuletzt die Religionsberichterstattung, und auch die Kirchenpublizistik ist in den vergangenen Jahren unter Druck geraten.

Bei den kirchlichen Medien zu sparen, sei jedoch der falsche Weg, findet Zuber. «Schon jetzt kommen die Reformierten in den weltlichen Medien kaum noch vor. Umso wichtiger ist es, dass ihre Stimme in den kirchlichen Publikationen hörbar bleibt».

So seien kirchliche Publikationen wie «reformiert.», die Publizistik der «Reformierten Medien» mit ref.ch oder dem Magazin «bref» oder der «Interkantonale Kirchenbote» für den Austausch zwischen Kirche und Gesellschaft unabdingbar. Zuber ist überzeugt, dass ihre Bedeutung in Zukunft noch zunehmen wird. «Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Kirchenleitungen dessen immer bewusst sind.»

Zudem habe die Kirchenpublizistik eine wichtige Brückenfunktion. Gerade für Kirchenmitglieder, die kaum noch in den Gottesdienst kommen, seien die Mitgliederzeitungen oft der einzige Kontaktpunkt geblieben.

«Viele werden sich jeden Monat erst beim Herausnehmen des «Kirchenboten» wieder bewusst, dass sie reformierte Kirchenmitglieder sind», sagt Zuber.

Neue Perspektiven aufzeigen

Im Gespräch ist Tilmann Zuber ein guter Erzähler und ein ebenso aufmerksamer Zuhörer. Polemik war nie seine Stärke. Als Journalist setzte er statt auf Zuspitzung auf echte Neugier. Im «Kirchenboten» kamen deshalb über die Jahre so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Pfarrer Ernst Sieber, Joachim Gauck, Christoph Blocher oder Dorothee Sölle zu Wort.

Zuber wollte seine Leserinnen und Lesern nicht in ihrer Weltsicht bestätigen, sondern überraschende Perspektiven aufzeigen. «Mein Ziel war erreicht, wenn sie sagten: Okay, so kann man es auch sehen.»

Dem häufigen Vorwurf, Kirchenzeitungen hätten einen Linksdrall, begegnet Zuber gelassen «Mit dem Links-Rechts-Schema konnte ich nie etwas anfangen. Vergessen wir nicht, dass die Botschaft des Christentums 2000 Jahre älter ist.»

Nach 25 Jahren beim «Kirchenboten» geht Tilmann Zuber nun in Pension. Gemeinsam mit seiner Frau hat er kürzlich einen VW-California-Campingbus erworben. Mit ihm wollen die beiden in den kommenden Monaten auf Reisen gehen.

Auch seine Leidenschaft für Kunst, Kultur und Theologie möchte Zuber weiter pflegen. Und er wird weiterhin den Medien verbunden bleiben: als freier Journalist und als Dozent. Im Herbst hat er einen Lehrauftrag an der Universität Basel zum Thema «Christentum und Kommunikationskultur». Stoff dafür hat er nach einem Vierteljahrhundert Kirchenjournalismus mehr als genug.

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