Corona-Pandemie

«In Krisenzeiten braucht es die kirchliche Jugendarbeit»

Die Krawalle in St. Gallen haben es auf brutale Weise gezeigt: Die Pandemie betrifft die jüngere Generation stark. Das ist auch in der kirchlichen Jugendarbeit zu spüren: Die Nachfrage nach entsprechenden Angeboten ist merklich gestiegen.

Wenig Aktivitäten, wenig Ablenkung, Zukunftsängste und Depressionen: Die Corona-Pandemie setzt vielen Jugendlichen zu. (Bild: Keystone/Michael Weber)

Angela Hochstrasser, Pfarrerin in Kreuzlingen, hat es im Konfirmandenunterricht gemerkt: Die Teenager leiden unter der aktuellen Situation. «Sie möchten nicht zu Hause sitzen, und sogar die Eltern wünschten sich, die Jugendlichen würden mal das Haus verlassen. Aber es gibt keinen Ort, wo sie hinkönnen.» Auch deshalb habe man in ihrem Team beschlossen, den Konfirmandenunterricht weiter durchzuführen.

Der Entscheid war angesichts der noch immer hohen Corona-Fallzahlen ein Risiko. Denn im Konfirmandenunterricht mischen sich Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Klassen. «Aber wir haben abgewogen und das seelische Wohl der Jugendlichen höher gewichtet.» Mit einem strengen Schutzkonzept wird der Unterricht physisch durchgeführt. Die Jugendlichen und die Eltern seien dafür sehr dankbar, sagt Hochstrasser. Der Unterricht war zu gewissen Zeiten das einzige ausserschulische Angebot, das überhaupt noch stattfand.

Depressionen und Zukunftsängste

Die Pandemie hat sich auf das seelische Wohl der Jugendlichen ausgewirkt, das zeigen erste Studien. Bei einer Umfrage der Universität Basel gab fast ein Drittel der 14-bis 24-Jährigen an, schwere depressive Symptome aufzuweisen. Eine Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) vom März zeigte, dass 65 Prozent der befragten Jugendlichen im Kanton Zürich mittlere oder hohe Zukunftsangst haben. Das sind 15 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

Und die Zukunftsperspektiven für viele Jugendliche und junge Erwachsene bleiben vorerst düster. Sie sind die letzten, die die Impfung erhalten werden. Viele Veranstaltungen sind weiterhin auf Eis gelegt oder finden online statt. Da macht sich bei einigen Unmut breit – vielleicht mit ein Grund, warum es am vergangenen Wochenende in St. Gallen zu Krawallen kam.

«Mädchen suchen eher Hilfe als Jungs. Diese versuchen wohl, die Probleme mit sich selbst auszumachen.»
Bruno Amatruda

Die Verzweiflung einiger Jugendlicher nimmt auch Bruno Amatruda wahr, Seelsorger an der Kantonsschule Winterthur. Der Gesprächsbedarf sei eindeutig grösser geworden. «Teilweise sind es kleinere Anliegen. Aber wir vom Care-Team merken, dass zwei Probleme stark zugenommen haben: Depressionen und Schwierigkeiten mit selbständigem Lernen.» Dafür gebe es weniger Beschwerden über Mobbing.

Auffallend sei, so Bruno Amatruda, dass sich vermehrt Mädchen an das Care-Team wendeten. Jungen würden allgemein weniger das Gespräch suchen, da sei die Hürde viel höher. Sie versuchten wohl, ihre Probleme mit sich selbst auszumachen. «Manchmal rufen die Eltern an und bitten um ein Gespräch für den Sohn.» Wichtig sei, dass er und die anderen Mitglieder des Care-Teams als Lehrer an der Schule bekannt seien. Dass er einen kirchlichen Hintergrund habe, spiele keine grosse Rolle. «Die Beziehungsebene ist das wichtigste.» Auf der anderen Seite sei das Angebot aber für die Kirche sehr wichtig: «Solche Krisenzeiten zeigen, wie sehr es uns braucht.»

Vermehrt existentielle Fragen

Gerade kirchliche Angebote seien nötig, findet auch Manuel Münch, zuständig für das Thema Jugend bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo). Denn die Pandemie führe junge Menschen schneller zu existentiellen Fragen über Leben und Sterben, über den Sinn des Lebens. Da sei die Kirche die richtige Ansprechpartnerin. Die Nachfrage nach Angeboten der Jugendarbeit sei denn auch sehr gross. Deshalb versuche RefBeJuSo immer anzubieten, was gerade möglich und verantwortbar sei. «Wir haben gemerkt, wie wichtig es für die Jungen ist, gebraucht zu werden», sagt Münch. Er erwähnt dabei verschiedene Projekte der Jugendarbeit: So konnten Jugendliche in Münsigen helfen einen Bauwagen umzubauen oder in Bern das Hip-Hop-Center zu renovieren.

«Für Studierende ist die Situation eine besondere Herausforderung. Sie sind vielleicht in eine neue Stadt gezogen und kennen niemanden.»
Manuel Münch

Münch erwähnt zudem speziell die Studierenden. Gerade für Neustudierende sei die Situation eine besondere Herausforderung. «Sie sind vielleicht in eine neue Stadt gezogen, kennen niemanden und können nun keine Kontakte knüpfen.» Hier habe die Hochschulseelsorge Online-Angebote geschaffen, etwa für Meditationen oder Motivationstandems.

In Kreuzlingen hat man einen analogen Weg gewählt, um in Kontakt zu bleiben. Dort hat das Pfarrteam der jüngeren Bevölkerung – nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen – Postkarten geschickt. Im letzten Jahr habe man sich an Senioren gewandt, nun seien die Jüngeren dran, sagt Pfarrerin Angela Hochstrasser. Gerade bei ihnen habe man eine grosse Müdigkeit gespürt. Da habe sich das Pfarrteam spontan zur Postkartenaktion entschlossen: «Wir wollten einfach die Hand ausstrecken und sagen: Wir sind da.»