Seelsorge

Eine Pfarrerin zum Mitnehmen

Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen sollten in der Corona-Pandemie möglichst vermieden werden. Mit «Pastor to go» bieten die Citykirche Offener St. Jakob und die Johanneskirche in der Stadt Zürich seit neuem Seelsorge im Freien an.

Auf einem Spaziergang mit einer Pfarrperson über die eigenen Sorgen sprechen: In der Citykirche Offener St. Jakob (Bild) und der Johanneskirche in der Stadt Zürich ist das möglich. (Bild: Sabine Rock)

Einsamkeit, wirtschaftliche Sorgen oder der Verlust einer geliebten Person – die Corona-Pandemie konfrontiert viele Menschen mit existentiellen Fragen. Um das Seelsorge-Angebot einer Kirchgemeinde zu nutzen, ist die Hemmschwelle aber oft zu gross. Die Citykirche Offener St. Jakob und die Johanneskirche im Zürcher Kirchenkreis vier wollen diese Berührungsängste abbauen: Seit Anfang März haben Interessierte die Möglichkeit, die Pfarrerin oder den Pfarrer einfach auf einen Spaziergang mitzunehmen.

«Pastor to go» heisst das Angebot, das Pfarrerin Ulrike Müller von der Citykirche zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen entwickelt hat. Die Idee dahinter: Statt in einem Kirchenbüro finden die Seelsorge-Gespräche draussen im Freien statt – zum Beispiel in einem Park oder auf einem Spaziergang entlang der Limmat oder der Sihl. Wohin es geht, können die Menschen selbst bestimmen. «Im vertrauten Umfeld ihres Lieblingsspazierwegs fällt es ihnen oft leichter sich zu öffnen», sagt Müller.

Corona-Krise verstärkt die Sinnsuche

Grundsätzlich unterscheide sich ein solches Gespräch nicht von einer normalen Seelsorge in einem Büro. Das Setting im Freien sei aber ein anderes. «Im Gehen kommen die Gedanken in Bewegung und Knörze können sich leichter lösen», sagt Müller. Zudem sorgten die Eindrücke von aussen oft für neuen Gesprächsstoff. So wie auf dem Spaziergang mit einer älteren Frau, mit der die Pfarrerin zuletzt unterwegs war. Draussen begegneten sie einer Gruppe von Kindern. «Das brachte die Frau dazu, darüber zu reden, warum sie sich selbst nie Kinder gewünscht hat.»

Viermal ist Müller bislang als Wegbegleiterin für Spaziergänge gebucht worden. In den Gesprächen ging es um lebensgeschichtliche und immer wieder auch explizit religiöse Fragen. So wollte sich eine jüngere Frau mit der Pfarrerin über Bibelstellen unterhalten, die sie irritierten. Corona sei eher indirekt ein Thema gewesen, sagt Müller. «Man spürt aber, dass die Menschen in dieser Zeit verstärkt auf der Sinn- oder der spirituellen Suche sind.»

«Die Kirche muss rausgehen»

Auf das Angebot aufmerksam gemacht hat der Kirchenkreis vorab mit einer Brotverteilaktion. Rund 1500 Haushalte bekamen frisch gebackenes Brot. Mit einem beigelegten Flyer wurde auf die neuen Seelsorge-Spaziergänge hingewiesen. Die Reaktionen seien überwältigend gewesen, sagt Müller. Viele hätten sich positiv überrascht gezeigt, dass die Kirche so offen auf sie zugehe. «Einige haben auch ein konkretes Interesse gezeigt, einmal eine Pfarrerin oder einen Pfarrer zu buchen.»

Das neue Angebot will der Kirchenkreis beibehalten – auch über die Corona-Zeit hinaus. In Zukunft werde es für die Kirche immer wichtiger, rauszugehen und aktiv Menschen aufzusuchen, wo sie sind, ist Müller überzeugt. Ein gutes Angebot allein reiche nicht, man müsse überhaupt erst einmal wieder Kontaktflächen schaffen. «In diesem Punkt muss die Kirche noch umdenken.»