Die Holocaust-Opfer in unseren Städten
Traurige Geschichten und schlimme Schicksale aus dem Holocaust gibt es nicht nur im Ausland zu erzählen, sondern auch in der Schweiz. Auch hier lebten Menschen, die in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten umgebracht wurden. Auf solche Geschichten will der Verein «Stolpersteine» aufmerksam machen. Er setzt sich dafür ein, dass auch bei uns sogenannte «Stolpersteine Schweiz» gesetzt werden, an Orten wo Opfer des Nazi-Systems zuvor gelebt hatten.
So wurden in den letzten Tagen je drei Steine in Basel und Winterthur platziert. In Winterthur wird dabei an Therese Levitus und ihre zwei Töchter Bertha und Lina erinnert. Die drei lebten gemeinsam mit dem aus Böhmen stammenden Vater und drei weiteren Geschwistern während 15 Jahren in Winterthur. Dann trennten sich die Eltern und die Mutter zog mit den Kindern nach Zürich. Dort lebten sie wohl meist in Armut.
Bürgerrecht entzogen
Schliesslich wurden zwei der Töchter wegen Prostitution verhaftet, die Mutter wegen Zuhälterei. Deshalb wurden sie ausgewiesen. Denn obwohl die Mutter eigentlich Schweizerin war, hatte Therese Levitus das Bürgerrecht durch die Heirat mit einem Ausländer verloren. So liessen sich die drei in der Nähe von Prag nieder. Nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten wurden sie ab Mitte 1942 nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden.
Der Künstler Gunter Demnig begann in der 1990er-Jahren in Deutschland, Stolpersteine in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. Mittlerweile wurden weltweit über 90’000 Steine in 27 Ländern platziert. In der Schweiz setzt sich der Verein «Stolpersteine Schweiz» dafür ein. Ziel ist dabei, das Vergessen zu bekämpfen. Die Erinnerung an historische Ereignisse würde über zwei Generationen hinweg stark abnehmen. Damit bestehe die Gefahr, dass sich so etwas wiederhole, so Vereinspräsident Res Strehle. Deshalb sind in der Schweiz immer auch Schulklassen an einer Steinsetzung mit dabei.
Auf das Schicksal dieser Frauen wurde der Winterthurer Historiker Miguel Garcia aufmerksam. Inspiriert von den Stolpersteinen in Zürich recherchierte er in den Opferdatenbanken, ob auch Menschen aus Winterthur im Holocaust umgekommen waren. Weil Therese Levitus und ihre Familie den Lebensmittelpunkt lange in Winterthur gehabt hatten, schien ihm dieser Ort legitim als Platz für die Stolpersteine.
Diese Geschichten seien in der Schweiz lange ignoriert worden, begründet Historiker Miguel Garcia sein Engagement. «Man hat die Verantwortung von sich gewiesen. Man betrachtete es als deutsches Problem. Aber auch die Schweiz hat eine Verbindung zum Holocaust.» Das sollen diese Stolpersteine immer wieder in Erinnerung rufen. Garcia findet es deshalb wichtig, dass die Steine breit gestreut sind und wir immer wieder mit diesen Schicksalen konfrontiert werden.
Breite Unterstützung in Winterthur
Deshalb kontaktierte der Historiker den Verein «Stolpersteine» und fragte die israelitische Gemeinde in Winterthur an, ob sie die Idee der Winterthurer Stolpersteine überhaupt begrüssenswert fänden. Denn nicht allen gefällt die Idee, dass auf den Opfern des Nationalsozialismus buchstäblich mit den Füssen herumgetrampelt wird.
In Winterthur aber stiess die Idee auf breite Unterstützung. Auch die Stadt beteiligte sich am Projekt und hat Gelder zur Verfügung gestellt. Der Verein «Stolpersteine Schweiz» hat die lokale Initiative begleitet und betreut. Einige Grundvoraussetzungen müssten für eine Steinsetzung erfüllt sein, betont Vereinspräsident Res Strehle. «Wir wollen gesicherte Daten über die Opfer. Deshalb ist immer auch ein Historiker beteiligt.» Wichtig sei dabei auch, dass die Menschen, an die mit einem Stein erinnert werden soll, nicht auch Täter waren oder mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet haben. Weiter müssten die Hinterbliebenen mit einer Steinsetzung einverstanden sein, wie auch die Hausbesitzer, wenn die vorgesehene Stelle auf privatem Grund liegt.
Grosses Engagement für das Projekt
In der Schweiz seien die Reaktionen auf die Stolpersteine sehr gut, beobachtet Strehle. Die Behörden hätten unkompliziert Bewilligungen erteilt und auch Private würden sich engagieren. «Eine Hausbesitzerin in Basel hat spontan die Patenschaft für den Stein übernommen.» Sie sorgt dafür, dass der Stein in gutem Zustand bleibt und die Aufschrift gut lesbar ist. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Erinnerung auch wirklich erhalten bleibt.