Naher Osten

Mit Dollars im Gepäck in den Libanon

Der Libanon leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, die Gesellschaft ist gespalten. Serge Fornerod hat das Land zusammen mit einer Delegation der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und des Heks besucht und spricht über seine Eindrücke.

Das Getreidesilo, das durch die Explosion im Hafen von Beirut 2020 beschädigt wurde, fing vergangenes Jahr Feuer und stürzte ein. (Keystone)

Herr Fornerod, wie haben Sie die Reise in den Libanon erlebt?
Es war sehr bewegend und intensiv. Ich reise schon seit über zwölf Jahren regelmässig in den Libanon. Jedes Mal ist die allgemeine Lage katastrophaler. Es war beeindruckend zu sehen, wie die Partner vor Ort so gut wie möglich zusammenhalten und der Verzweiflung die Stirn bieten.

Sie waren in der Hauptstadt Beirut. Vor drei Jahren explodierte dort ein Ammoniumnitrat-Lager, über 200 Menschen starben, Tausende verloren ihr Zuhause. Gibt es noch Spuren dieses Ereignisses?
Fast alle Spuren wurden beseitigt. Vergangenes Jahr ist aber ein Getreidesilo eingestürzt, das durch die Explosion beschädigt wurde. Die Regierung wollte die Überreste abreissen, aber die Menschen vor Ort haben protestiert. Sie haben gesagt, dass sie es als Erinnerung an den Umgang mit der Katastrophe behalten wollen.

Sie waren Teil einer Delegation des Hilfswerkes Heks und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Eigentlich hätte Ihre Reise auch nach Syrien führen sollen, doch das hat nicht geklappt. Weshalb?
Wir haben die Visa nicht erhalten. Aus welchem Grund, ist unklar. Jeder unserer Partner hatte eine andere Erklärung dafür. Also ist wahrscheinlich keine davon richtig. Es sollte nach Homs und nach Aleppo gehen. Beide Regionen werden vom Regime kontrolliert. Aber offensichtlich hat es jemand für unangebracht gehalten, unsere Delegation ins Land zu lassen. Auf jeden Fall haben wir die Absicht, zurückzukehren und nach Syrien zu gelangen.

Zur Person

Serge Fornerod arbeitet seit über 20 Jahren für die EKS (früher noch Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK). Er ist stellvertretender Geschäftsleiter und Leiter Aussenbeziehungen und Werke. In dieser Funktion vertritt er die EKS in internationalen Gremien wie dem Ökumenischen Rat der Kirchen oder der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. (pef)

Was wollte die EKS mit dieser Reise erreichen?
Drei Ziele stehen im Zentrum. Das erste besteht darin, nach unserer Rückkehr auf die vergessene Kriegssituation in Syrien aufmerksam zu machen. Zweitens ging es darum, die Solidarität mit unseren Partnerkirchen, die unglaubliche Arbeit leisten, zum Ausdruck zu bringen. Und das dritte Ziel war, uns von deren Arbeit zu überzeugen und sie vor Ort zu erleben. Diese Kirchen sind seit Langem in der Region tätig. Es handelt sich nicht um NGOs, die je nach Bedarf und verfügbarem Geld kommen und gehen. Für uns ist es wichtig, zusammen mit diesen Kirchen vor Ort eine Hilfe zu entwickeln, die Bestand hat.

Welche Momente der Reise sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ich erinnere mich an zwei Momente: Einer war das Treffen mit Lehrpersonen von protestantischen Schulen. 70 Prozent der Schulen im Libanon sind Privatschulen. Wegen der seit 2019 andauernden Wirtschaftskrise und der Inflation können die Eltern die Schulgebühren aber nicht mehr bezahlen. Das Gehalt mancher Lehrpersonen ist um 90 Prozent gesunken, sie erhalten noch 15 Dollar im Monat. Ich war beeindruckt von der Würde und Eleganz dieser Personen. Obwohl sie kein Geld mehr erhalten, setzen sie ihre Arbeit fort, statt auszuwandern oder in die Illegalität zu gehen. Sie sagen, dass ihre Aufgabe wichtiger ist als ihr materielles Wohlergehen.

Und der zweite Moment?
Das war die Begegnung mit einer Gruppe christlicher Intellektueller, die vor einigen Monaten eine Analyse der politischen, sozialen und religiösen Verhältnisse im Nahen Osten veröffentlicht hat. Sie arbeiten an einer Veränderung der Gesellschaft, der Regierungsführung und der Art und Weise, wie die religiösen Gruppen im Libanon zusammenleben.

Im Libanon leben Sunniten, Schiiten, Katholiken und viele weitere Religionsgemeinschaften. Welche Vorschläge haben die christlichen Intellektuellen für das Zusammenleben?
Sie hoffen auf eine Zivilgesellschaft, die religiös neutral ist. Die Gesellschaft soll nicht mehr zwischen religiösen oder ethnischen Gemeinschaften unterscheiden, sondern sich an der Staatsbürgerschaft orientieren. Man kann es ein säkulares Modell nennen, aber nicht wie in Frankreich. An die Stelle der Religion als spaltender Faktor soll eine starke, demokratische Zivilgesellschaft mit Parteien treten, die nicht an Gemeinschaften gekoppelt sind.

Welche Bedeutung messen Sie als Leiter der Aussenbeziehungen der EKS solchen Kontakten ins Ausland zu?
In der Schweiz verlieren die Reformierten an Relevanz, im Libanon oder in Syrien haben die protestantischen Kirchen jedoch eine viel stärkere gesellschaftliche Ausstrahlung, als ihre Grösse es vermuten liesse. Sie sind eine Minderheit innerhalb der christlichen Minderheit. Das gibt auch uns den Mut, über unsere Gemeindegrenzen, unseren Alltagstrott und unsere strukturellen Reformen hinauszuschauen.

Was machen die reformierten Kirchen im Nahen Osten denn besser?
Die protestantischen Kirchen sind anerkannt, weil sie konfessionsübergreifend soziale Arbeit und Bildungsarbeit leisten, ohne zu missionieren. Das ist bei den anderen Konfessionen nicht unbedingt der Fall. Die Menschen bleiben dort eher unter sich. Dafür sind die protestantischen Kirchen aber viel zu klein. Sie müssen sich öffnen und verbessern die Lebensqualität der Menschen. Zudem haben sie Kontakte zum Westen, die es ihnen ermöglichen, ihre Arbeit zu finanzieren.

Partnerkirchen im Libanon und in Syrien

Die EKS und das Heks unterstützen Projekte im Bildungs-, Energie-, und Sozialbereich im Libanon und in Syrien. Sie arbeiten dafür mit verschiedenen Partnerkirchen zusammen. Dazu gehören die Vereinigung der Armenischen Evangelischen Kirchen im Nahen Osten und die Nationale Evangelische Synode in Syrien und im Libanon, die arabischsprachige Gemeinden vereint.

Die Partnerschaft besteht seit rund 15 Jahren. Sie entstand, als christliche Minderheiten im Nahen Osten zunehmend unter politischen Druck gerieten. Seither existiert ein reger Austausch in Form von Konferenzen oder Delegationen, die einander besuchen.

Die Idee für die Reise vom 18. bis 25. April 2023 in die Region kam kurz nach dem Ökumene-Gipfel des Weltkirchenrates in Karlsruhe im September des vergangenen Jahres auf. Ursprünglich war geplant, neben Beirut auch nach Homs und Aleppo in Syrien zu reisen. Die meisten Vertreter der Projekte in Syrien konnten sich jedoch für den Austausch in den Libanon begeben. (pef)

Können Sie ein Beispiel für ein solches Projekt geben?
Die Kinderanimationen an einem Nachmittag pro Woche in einer Kirchgemeinde in Syrien werden beispielsweise von kompetenten Psychologen und Sozialarbeitern durchgeführt. 300 Kinder aus einem Dorf können für einmal ihren Alltag vergessen, etwas Warmes miteinander essen, spielen und über traumatische Erlebnisse sprechen. Das sind wichtige Massnahmen für ihre psychische Gesundheit.

Welchen Schwierigkeiten begegnen die Kirchen?
Die Infrastruktur im Libanon ist völlig zerstört, keine Sitzung vergeht ohne Strom- oder Internetausfall. Hinzu kommen Korruption und die fehlende Rechtssicherheit. Ein Projekt kann bewilligt, aber zwei Tage vor der Einweihung wieder abgesagt werden.

Wie läuft die Finanzierung der Projekte unter diesen Bedingungen?
Im Libanon wird viel mit Bargeld bezahlt. Die libanesische Lira hat in den letzten drei Monaten aber massiv an Wert verloren. Das Land ist deshalb gerade daran, sich zu dollarisieren. Bei der Bank können Sie als Privatperson aber keine Dollars abheben. Und auch die Kirchen müssen zunehmend andere Wege finden, an Bargeld zu kommen.

Und wie tun sie das?
In Syrien hat das Heks ein Büro, das offiziell registriert ist, dorthin sind Banküberweisungen möglich. Im Libanon sind viele Projekte hingegen zunehmend durch Bargeld finanziert, das Leute bei der Einreise mitbringen. Im Moment darf jede Person 15‘000 Dollars in bar in den Libanon mitnehmen, ohne es deklarieren zu müssen. Viele Partner sind regelmässig an Konferenzen in Europa und können ein Teil des Geldes mitnehmen.

Hatten die Mitglieder Ihrer Delegation ebenfalls Bargeld dabei?
Wir hatten alle Dollars dabei, zusätzlich zur Schokolade.