«Die Wut auf die politische Elite ist gross»

Rund zwei Monate nach der verheerenden Explosion in Beirut kehrt der Alltag nur allmählich in die Stadt zurück. Serge Fornerod war für die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) im September fünf Tage vor Ort. Die Menschen seien depressiv und ohne Hoffnung, sagt er im Interview.

Gedenktafeln in Beirut erinnern an die Opfer der Explosion vom 4. August. Bei dem Unglück sind mindestens 190 Menschen um Leben gekommen. (Bild: Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz)

Herr Fornerod, die Bilder des zerstörten Hafenviertels von Beirut gingen um die Welt. Wie sieht es in der Stadt heute aus?
Das Gebiet um den Hafen ist immer noch komplett verwüstet und unbewohnbar. Entlang der Autobahn erinnern Gedenktafeln mit den Namen der Opfer an das Unglück. Ansonsten sind die meisten Strassen inzwischen gesäubert und die Trümmer weggeräumt. In der Stadt ist es ruhiger als sonst. Es hat weniger Verkehr und weniger Menschen in den Strassen. Auch sind viele Läden geschlossen.

Wie geht es den Menschen in Beirut?
Es geht ihnen schlecht. Sie sind depressiv und ohne Hoffnung. Die Explosion war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Schon zuvor hatte der Libanon mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Ganz zu schweigen von der politischen Misere. Die Wut über die Unfähigkeit und Korruption der politischen Elite ist gross. Die Menschen haben keine Perspektive und verlassen das Land in Scharen.

Wenige Tage nach der Explosion ist die Regierung zurückgetreten – hat sich dadurch etwas zum Besseren gewendet?
Nein, überhaupt nicht. Es ist alles noch genauso chaotisch wie vorher. Zum Beispiel gibt es immer noch keine Untersuchungskommission für die Explosion. Es scheint, dass keine Partei ein Interesse daran hat, das Unglück aufzuklären. Und die Menschen haben inzwischen resigniert. Sie sind überzeugt, dass sie die Ursache nie erfahren werden. Das ist natürlich ein Nährboden für Gerüchte und Verschwörungstheorien.

Welche zum Beispiel?
Es gibt Spekulationen, dass die Detonation durch eine Bombe ausgelöst wurde. Andere behaupten, die Explosion gehe auf einen Angriff Israels zurück. Während meines Aufenthaltes gab es im Süden des Landes eine weitere ungeklärte Explosion, die ein halbes Dorf zerstörte. Ich bin mit solchen Theorien aber vorsichtig, denn eigentlich hilft die Katastrophe in Beirut keiner Partei.

Rund 300’000 Menschen sind durch die Katastrophe obdachlos geworden. Was ist mit ihnen geschehen?
Die Schweizer Botschafterin in Beirut sprach von über 50’000 Menschen, die weiter obdachlos sind und auf der Strasse leben. Die anderen sind entweder zu Verwandten aufs Land gezogen oder sie leben in ihren zerstörten Häusern. Bis jetzt ging das einigermassen, weil die Temperaturen mild waren. Niemand weiss, wie die Situation im Winter sein wird.

Die Explosion hat die Situation unserer Partnerkirchen noch verschärft, weil viele der von ihnen betriebenen Schulen zerstört wurden. Dieses Geld fehlt den Kirchen nun, um die Pfarrlöhne zu zahlen.

Die internationale Hilfsbereitschaft unmittelbar nach der Katastrophe war gross. Sind die Hilfswerke noch vor Ort?
Ja, es sind nach wie vor zahlreiche Hilfswerke und NGOs in der Stadt. Allein auf unserer Besichtigung der Hafenregion sind wir Vertretern von rund zehn verschiedenen Organisationen begegnet. Auch das Heks leistet weiter humanitäre Hilfe, indem es die Menschen mit Geld unterstützt oder bei der Reparatur der beschädigten Wohnungen hilft.

Auf Ihrer Reise haben Sie insbesondere auch die Partnerkirchen der EKS besucht. Wie ist deren Situation?
Einige unserer Partnerkirchen sind von der Explosion hart getroffen worden. Die Geschäftsstelle der armenisch-evangelischen Kirche zum Beispiel wurde stark beschädigt. Ebenso das theologische Institut oder die unabhängige evangelische Gemeinde in der Altstadt. Dort ist man nun dabei, die zerstörten Türen und Fensterscheiben zu ersetzen. Trotzdem sind die Folgen der Explosion nicht das Hauptproblem der Kirchen.

Warum?
Schon vor der Katastrophe ging es den Kirchen schlecht. Viele stehen unmittelbar vor dem Bankrott. Eine der Haupteinnahmequellen für die Kirchen sind die von ihnen betriebenen Schulen. Aufgrund der Wirtschaftskrise können sich aber immer weniger Eltern die Gebühren leisten. Die Explosion hat die Situation noch verschärft, weil viele Schulen zerstört wurden. Dieses Geld fehlt den Kirchen nun, um die Pfarrlöhne zu zahlen. Umso bewundernswerter ist, dass sie sich trotzdem engagieren und zum Beispiel beim Einrichten von Suppenküchen helfen.

Es braucht eine politische Lösung im Libanon. Eine Idee wäre zum Beispiel, dass die Schweiz eine Mediation zwischen den verschiedenen Parteien anbieten könnte.

Sie haben sich in diesen fünf Tagen mit vielen Menschen unterhalten. Was hat Sie besonders berührt?
Am letzten Tag meiner Reise habe ich mich mit der Direktorin eines Zentrums für behinderte Kinder unterhalten. Sie hilft den Bedürftigen, indem sie Lebensmittelpakete aus der eigenen Tasche finanziert. Im Gespräch sagte sie mir, dass Veränderungen im Libanon nur möglich seien, wenn sich die Menschen wieder selbst lieben könnten. Damit wollte sie zum Ausdruck bringen, dass die Libanesinnen die Hoffnung und den Glauben an sich selbst verloren haben. Das hat mich sehr berührt.

Wie hilft die EKS nun weiter?
Es braucht eine politische Lösung im Libanon. Eine Idee, die beim letzten Gespräch mit einem politischen Berater entstand, wäre zum Beispiel, dass die Schweiz eine Mediation zwischen den verschiedenen Parteien anbieten könnte, um in dem Chaos eine Übergangslösung zu finden. In der EKS überlegen wir derzeit, wie wir diesen Vorschlag beim Bundesrat oder im Parlament einbringen können.

Der Pfarrer Serge Fornerod (62) leitet den Bereich Aussenbeziehungen und Ökumene bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Über seine Reise in den Libanon hat er einen Blog geführt.
(Bild: Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz)