Grossmünster

Der Mann mit 100’000 Ideen

Als neuer Pfarrer am Grossmünster kennt Christian Walti nur einen Bruchteil der Gottesdienstbesucherinnen. Das macht ihn für viele zur Projektionsfläche.
An der zweiten Mini-Tavolata zeigte sich auch die Sonne. (Bild: Christian Merz/ Altstadtkirchen Zürich)

Christian Walti steht auf dem Hirschenplatz im Zürcher Niederdorf und wartet auf den Tisch, das Essen und die Leute. Es ist kalt und der Blick in den grauen Himmel verspricht wenig Gutes. Kein Problem für den neuen Pfarrer des Grossmünsters. «Dann wird es eben ein Testlauf», sagt er. Nach dieser «Mini-Tavolata» sollen noch fünf weitere folgen – sechs, wenn die letzte grosse Tavolata im Grossmünster mitgezählt wird.

Bei der Tavolata handelt es sich um etwas vom Ersten, das der neue Grossmünster-Pfarrer organisiert hat: Wer will, darf sich an den gedeckten Tisch setzen, etwas essen und mit anderen Menschen diskutieren. Die Idee dafür hatte Walti gemeinsam mit seinem Pfarrkollegen Martin Rüsch. Noch während Walti im Sabbatical in den USA weilte, tauschten sich die beiden aus.

Für Walti ist es eine Gelegenheit, den Puls seiner alten Heimat zu spüren – «die Fühler auszustrecken», wie er sagt. Lange war die Stadt sein Lebensmittelpunkt. Dann wurde Walti Pfarrer in Bern, wo er mit seiner Familie wohnt. 15 Jahre später ist er wieder zurück in Zürich.

Vertraute Heimat, neue Töne

Seine Stelle hat Walti im Februar angetreten. Im Grossmünster, wo er einst mit seiner Schulklasse auf Einladung des damaligen Grossmünsterpfarrers Werner Gysel übernachtet hat, predigt er gerne. «Es fühlt sich leichter an als an anderen Orten», sagt er. Der Bau sei ein unglaublicher Klangkörper. Trotzdem bezeichnet der 42 -Jährige es als eine Herausforderung, den richtigen Ton zu treffen.

Zum einen ist da die Akustik, die es Walti zwar angetan hat, die aber auch zur Folge hat, dass seine Stimme hallt. Zum anderen sind es die vielen neuen Gesichter auf den Bänken. «Zwei Drittel der Menschen im Gottesdienst kenne ich nicht», sagt er. Das Wahrzeichen der Stadt Zürich zieht zahlreiche Menschen an, darunter solche aus dem ganzen Kantonsgebiet oder Touristinnen. Dadurch sei schwieriger einzuschätzen, welche Wirkung seine Predigten und Worte bei den Anwesenden hätten, so Walti.

« Ich muss Sigrist weder nachmachen noch übertreffen. »
Grossmünsterpfarrer Christian Walti

Als Pfarrer der Kirche, die als Ausgangspunkt der Reformation im Kanton Zürich und der Deutschschweiz gilt, verfügt er zudem über eine grosse mediale Reichweite. Die Folge davon: «Es gibt mehr Menschen, die mich nur oberflächlich kennen und sich eine Meinung über mich gebildet haben», sagt Walti. Als Beispiel erwähnt er ein Gespräch, das er kürzlich mit einer Person hatte, die er kaum kannte. «Sie war sich sicher zu wissen, welche Parteien ich wähle.» Auch würden sich die Menschen fragen, ob er jetzt der neue Zwingli sei. «Das bin ich nicht – ausser, jemand braucht das unbedingt», sagt Walti. Dann könne er diese Rolle natürlich übernehmen.

Ein Bad in der Menge

Walti kann gut damit umgehen, Projektionsfläche zu sein. Vergleiche mit seinem bekannten Vorgänger Christoph Sigrist nimmt er locker. Sigrist habe sehr gute Arbeit geleistet und sei sehr präsent gewesen. Der Kontakt zu den Rändern der Gesellschaft, etwa zu obdachlosen Menschen, oder zu den politischen Entscheidungsträgerinnen würden ebenfalls zu seinen zentralen Aufgaben gehören, sagt Walti. «Ich muss Sigrist aber weder nachmachen noch übertreffen.» Wichtig sei ihm, so viele Menschen wie möglich kennenzulernen, damit sie nicht abwanderten und der Kirche den Rücken kehrten.

« Mein Pfarrherz ist schon ganz nach Zürich umgezogen. »
Grossmünsterpfarrer Christian Walti

Das sollte ihm kaum schwerfallen, wie eine Liste vergangener und aktueller Engagements des Pfarrers zeigt. In Bern war Walti überaus aktiv – etwa im «Haus der Religionen», als Co-Leiter des soziokulturellen Restaurants Dock8 oder an zahlreichen Quartierveranstaltungen. Auch in den sozialen Netzwerken meldet sich der Pfarrer fleissig zu Wort.

Bis vor Kurzem betreute er zudem noch eine Klasse mit Konfirmandinnen und Konfirmanden. Dass sich der Abschied aus Bern und der Start in Zürich überschneiden, sei emotional zwar anstrengend, sagt Walti. «Mein Pfarrherz ist aber schon ganz nach Zürich umgezogen.»

Am Sechseläuten ist der Grossmünsterpfarrer der Einladung einer bürgerlichen Zunft gefolgt. «Nur Männer, ein Fleischmenü und Trachten», beschreibt Walti den Anlass. Er habe die Leute und ihr Engagement sehr geschätzt. Auf eine Einladung an einen Match des FCZ warte er noch, so der Fussballagnostiker.

« Ich bin mit 100'000 Ideen nach Zürich gekommen. »
Grossmünsterpfarrer Christian Walti

Die Tage des Grossmünsterpfarrers sind lang. An der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sich laut ihm nicht viel geändert. «Auch in Bern war ich an Arbeitstagen selten zu Hause.» Dafür könne er seine freie Zeit nun ganz mit der Familie verbringen.

Zuweilen müsse er sich aber schon etwas bremsen, erzählt Walti. «Ich bin mit 100'000 Ideen nach Zürich gekommen.» Nach dem ersten Monat habe er gemerkt, dass er erst einmal Raum schaffen und zuhören müsse – wie etwa an den Tavolatas.

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