Designierter Grossmünster-Pfarrer

«Ich kann gut damit leben, beobachtet zu werden»

Christian Walti soll am Zürcher Grossmünster die Nachfolge von Christoph Sigrist antreten. Der 42-Jährige will sich von ihm abheben und ist sich bewusst, dass seine Wahl nicht nur gut ankommt. Mit seinem neuen Arbeitsort verbindet den Zürcher eine besondere Geschichte.

Das Grossmünster, hier in einer Innenaufnahme, ist weit über Zürich hinaus bekannt. (Archivbild: Alexandra Wey/ Keystone)

Christian Walti, Sie leben seit fünfzehn Jahren in der Stadt Bern – sind aber in Zollikon, einem Vorort der Stadt Zürich, aufgewachsen. Nun wollen Sie am Grossmünster eine der bekanntesten reformierten Schweizer Pfarrstellen übernehmen. Als Jugendlicher sollen Sie dort übernachtet haben – was verbindet Sie mit dieser Kirche? 
Ich komme aus einer kirchenfernen Familie und war kein kirchennaher Mensch. Als Gymnasiast lernte ich den damaligen Grossmünsterpfarrer Werner Gysel kennen – er war unser Religionslehrer. Gysel lud traditionell Klassen ein, in einem der beiden Grossmünstertürme zu übernachten. Er öffnete uns die Türe, zeigte uns den Schlafplatz und überliess einem Dutzend Vierzehnjährigen den Raum. Der riesige, leere Raum mitten in der Stadt, das Licht, das durch die Fenster fiel – diese mystische Atmosphäre war toll. Das war meine erste Begegnung mit dem Grossmünster. Als ich Jahre später unsicher war, ob Theologie die richtige Studienwahl wäre, habe ich das Gespräch mit Werner Gysel gesucht und wir konnten an das damalige Erlebnis anknüpfen. Im Studium besuchte ich Andachten in der Zwölf-Boten-Kapelle, dort habe ich meine ersten kurzen Predigten gehalten.

Sie kehren also zurück zu Ihren Wurzeln. Was hat Sie motiviert, sich zu bewerben? 
Nach zehn Jahren an der Friedenskirche in Bern spürte ich, dass die Zeit reif war für einen Wechsel. Ich hatte viele Projekte erfolgreich umgesetzt und vieles erreicht. Ich war in einer Art Midlifecrisis und fragte mich, was nun noch kommen kann. Ich suchte das Gespräch mit dem ehemaligen Pfarrer am Grossmünster Christoph Sigrist, aber er hielt sich sehr bedeckt und wollte nicht über seine Nachfolge sprechen. Das Stelleninserat hat mich überrascht und kam zu Unzeiten, denn ich hatte bereits ein Sabbatical in New York geplant. Dennoch hat es mich interessiert, also sprach ich mit meiner Frau und meinen Kindern über die Idee, mich zu bewerben. Am Grossmünster steht man auch in Austausch mit Akademikerinnen, die theologische Fakultät liegt praktisch nebenan. Ich habe als Wissenschaftler gearbeitet und freue mich darauf besonders. Die Stelle ist massgeschneidert, auch wenn weder die Pfarrwahlkommission noch Christoph Sigrist an mich gedacht haben.

«Ich habe einzelne Theologinnen angerufen, die ich für sehr fähig halte und sie nach ihrer Meinung zu meiner Bewerbung gefragt.»
Christian Walti, designierter Grossmünster-Pfarrer

Zwischen Christoph Sigrist und Ihnen gibt es einige Parallelen. Sie sind beide über Zürich und Bern hinaus bekannt, beide starke Persönlichkeiten und diakonisch engagiert. Sind Sie ein Sigrist 2.0? 
Ich glaube nicht an die Duplikation von Menschen. Ich kenne Christoph Sigrist lange und bin ihm in meiner beruflichen Laufbahn immer wieder begegnet. Ich habe ihn aber nie als mein Vorbild oder eine Vaterfigur wahrgenommen. Ich bin urbaner geprägt, gehöre einer anderen Generation an und definiere Diakonie anders – nämlich als Tätigkeit, die Begegnungen ermöglicht und Barrieren überwindet. 

Bisher war mit Käthi La Roche zwischen 1999 – 2011 erst eine einzige Frau Pfarrerin am Grossmünster. Mit Ihnen kommt ein «mittelalter weisser Mann». Was entgegnen Sie Kritikerinnen, die gern eine Frau an der Stadtkirche gesehen hätten? 
Ich verstehe diese Kritik und kann gut damit leben, beobachtet zu werden. Ich stelle mich der Tatsache, dass es Menschen geben wird, die mich an meinem Geschlecht messen – zumal ich eine symbolträchtige Stelle besetze. Es haben sich auch Frauen beworben, wer meine Konkurrenz war, weiss ich nicht. Ich habe einzelne Theologinnen angerufen, die ich für sehr fähig halte und sie nach ihrer Meinung zu meiner Bewerbung gefragt. Sie alle sagten, sie bewerben sich nicht. Das hat mir eine relative Selbstsicherheit gegeben. Als ich die Zusage erhielt, fragte ich zuerst, wie sich das begründen lässt – schon wieder ein Mann. Martin Rüsch, mein Pfarrkollege, steht wenige Jahre vor der Pensionierung. Ich warte darauf, dass die Kolleginnen, die ich angerufen habe, sich dann bewerben. Mir ist es ein Anliegen, mich für Diversität stark zu machen. Mit Cornelia Camichel und Priscilla Schwendimann beispielsweise gibt es starke Persönlichkeiten im Team der Altstadtkirchen. Niemand muss zurückstehen.

«In Bern war ich ein «Prophet in fremden Landen», in Zürich bin ich eine Art Sohn.»
Christian Walti, designierter Grossmünster-Pfarrer

Ihnen eilt der Ruf als Teamplayer voraus. Wie wichtig ist Ihnen eine gute Zusammenarbeit innerhalb der Altstadt-Kirchen? 
In Bern versuchten wir, Projekte zu kreieren, in denen mindestens zwei Personen verantwortlich waren. Das will ich beibehalten und ich habe den Eindruck, die Kolleginnen und Kollegen sind offen für Veränderungen. Gebietszuteilungen und starre Zuständigkeiten schaden der Kirche. Agilität und Lockerheit sind mir wichtig. Es müssen nicht alle ein Gesicht werden, wie es Christoph Sigrist war. Ich will nicht der Pfarrer sein, zu dem alle Menschen kommen. Wer in der ersten oder zweiten Reihe steht, das soll wechseln. 

Zur Person

Christian Walti hat an der Universität Zürich Theologie studiert und in Liturgiewissenschaften doktoriert. Seit 2014 ist er als reformierter Pfarrer an der Friedenskirche sowie im «Haus der Religionen» in der Stadt Bern tätig. Zudem engagiert er sich im «Dock 8», einem sozio-kulturellen Treffpunkt im Süden Berns.

Der 42-Jährige tritt seine Stelle am Grossmünster voraussichtlich am
1. Februar 2025 an, ausstehend ist noch die Zustimmung des Kirchgemeindeparlaments. Zuvor reist Walti für einen Studienaufenthalt nach New York. Er ist mit der Theologin und ehemaligen Berner Münsterpfarrerin Esther Schläpfer verheiratet, das Paar hat zwei Kinder. (jow)

Bild: Ruben Hollinger

Ihre Frau und Ihre Kinder bleiben in Bern, während Sie in Zürich ein Zimmer nehmen. Ist Ihr Engagement ein kurzes Intermezzo? 
Wir wagen das Experiment «Fernfamilie». Meine Frau und die Kinder tragen das mit und finden es gut, wenn ich nicht immer nur Zuhause bin – das war bereits jetzt so. Meine Frau ist eine eigenständige Theologin, es kann sein, dass sie nach Zürich wechselt, dann müssen wir mit den Kindern sprechen, aber es kann auch sein, dass alle in Bern bleiben möchten. Das sehen wir nicht als problematisch. Mein Lebensmittelpunkt wird sich nachhaltig nach Zürich verschieben, das muss den Bernern bewusst sein. 

Dann schlägt Ihr Herz stärker für Zürich?  
In Bern war ich ein «Prophet in fremden Landen», in Zürich bin ich eine Art Sohn. Sage ich etwas, kommt niemand auf die Idee, ich sei keiner von ihnen – in Bern höre ich das ständig. Ich bin neugierig darauf, Zürich neu zu entdecken – die Stadt ist nicht mehr dieselbe, die sie vor 15 Jahren war. YB oder FCZ? Ich war nie so richtig YB-Fan, vielleicht kann mich jetzt jemand überzeugen, für den FCZ zu jubeln.

Würden Sie, wie das Werner Gysel bei Ihnen tat, Jugendlichen über Nacht das Grossmünster überlassen? 
Das ist eine tolle Idee, das machen wir. Ich hoffe, der Hausdienst willigt ein.