Porträt

Der Freund des Grossmünsters

Christoph Schneider weiss, wie man Kirchenferne in die Kirche lockt. Mit dem «Freundeskreis Grossmünster» hat er eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe lanciert. Sein Vorgehen: Nach klassisch betriebswirtschaftlicher Manier.

Christoph Schneider hat im Zürcher Grossmünster (im Hintergrund) eine neue Lebensaufgabe gefunden. (Bild: Fabio Baranzini)

Bis vor einigen Wochen war der «Freundeskreis Grossmünster» wohl nur wenigen bekannt. Das änderte sich, als «Mr. Corona» Daniel Koch zu Gast im Wahrzeichen der Stadt Zürich war. Just als Koch nach dem Anlass das Grossmünster verlassen wollte, wurde er von Corona-Skeptikern bedrängt. Videos davon landeten in den sozialen Medien und sorgten national für Schlagzeilen.

Koch ist längst nicht die einzige Berühmtheit, die Christoph Schneider in die Kirche im Niederdorf locken konnte. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch, TV-Star Kurt Aeschbacher und auch Komiker Viktor Giacobbo waren schon zu Gast. In den Grossmünster-Gesprächen «Persönlich» mit Pfarrer Christoph Sigrist unterhalten sich die Gäste jeweils über Gott und die Welt sowie Höhen und Tiefen ihres Lebens. Gegen 300 Gäste fanden vor Corona den Weg in den Kirchenraum.

Mit seinen Anlässen, zu denen neben den Abendgesprächen auch Konzerte, Führungen oder der erste ökumenische Raver-Gottesdienst gehören, will Schneider die Kirche auch für jene attraktiv machen, die eher ein distanziertes Verhältnis zu ihr haben. Oder wie er sagt: «Jene, die nicht am Sonntagmorgen in den Gottesdienst gehen.» Für die stellt der 72-Jährige vierteljährlich ein Programm zusammen, das er mit seinem «Freundeskreis Brief» an die über 2000 Mitglieder verschickt – gut 1700 via E-Mail, rund 300 per Brief.

Prestige und Marketing

Schneider gibt sich bescheiden, wenn es um den Erfolg seiner Veranstaltungen geht. Das Grossmünster habe allein schon wegen seines Prestiges und seiner Geschichte Anziehungskraft; eine kleinere Dorfkirche hätte es da schwerer, meint er. Doch das ist nur eine Erklärung. Eine andere ist er selbst: Christoph Schneider, der Freund des Grossmünsters in Personalunion, ist durch und durch Unternehmer und deshalb bestens mit den Methoden erfolgreichen Marketings vertraut.

«Ich frage mich immer zuerst, was die Kunden wollen. Danach entwickle ich das Angebot.»

Vor seiner Pensionierung arbeitete Schneider als Betriebswirtschafter in verschiedenen Firmen. Er hat ein Nahrungsmittelunternehmen aufgebaut, in einem Unternehmen Management-Seminare konzipiert und erfolgreich seinen eigenen Betrieb gegründet. Schneider konnte nur überleben, weil er wusste, wie man Kunden gewinnt. Diesem Prinzip ist er beim Freundeskreis, den er als offenes Forum für alle Konfessionen und alle Kulturen versteht, treu geblieben. «Ich frage mich immer zuerst, was die Kunden wollen. Danach entwickle ich das Angebot.» Beim Grossmünster sei schnell klar gewesen, dass er dafür einfach sich selbst befragen muss. Denn Schneider ist erst seit Kurzem wieder ein enger Freund der reformierten Kirchen. Deshalb kann er sich mit seiner Zielgruppe, den distanzierten Kirchenmitgliedern, bestens identifizieren.

Vor 25 Jahren trat Schneider aus der reformierten Kirche aus. Nach einem Schicksalsschlag fühlte er sich von ihr im Stich gelassen. «Ich hätte gehofft, dass der Dorfpfarrer sich wenigstens mal nach mir erkundigt. Aber nichts passierte», sagt Schneider. Er fragte sich, wofür die Pfarrer eigentlich da sind. «Die sitzen in ihren schönen Pfarrhäusern, aber Halt geben können sie einem nicht. So dachte ich damals.»

Nach über 20 Jahren wieder eingetreten

Die Diakonie, das, was die Kirche Gutes für andere tut, das habe ihm ohnehin immer imponiert, sagt Schneider. Und so fasste er den Entschluss, auf den 1. Januar 2015 wieder einzutreten. «Zum grossen Erstaunen des Pfarrers.» Den Schritt habe er bis heute nicht bereut. «Ich habe die Gemeinschaft gefunden, die ich gesucht habe». Dennoch setze er sich kritisch mit der Kirche und der Bibel auseinander. Wer die Schrift zu wörtlich nimmt, bereite ihm Mühe.

Lange vermisste Schneider die Kirche nicht. Das änderte sich erst mit der Pensionierung. Schneider, kinderlos, sehnte sich nach einer Gemeinschaft. «Ich bin in keinem Verein, lange war die Arbeitswelt der Ort, an dem ich Anerkennung bekam und mich zugehörig fühlte. Das fehlte nun.» Auch habe er sich intensiver mit der Endlichkeit des Lebens auseinandergesetzt. Ihm sei klar geworden, dass er einmal christlich beerdigt werden möchte.

«Hätte mir vor Jahren jemand gesagt, dass ich im Grossmünster mal Gastgeber eines Podiumsgesprächs mit der Zürcher Stadtpräsidentin sein werde, hätte ich nur den Kopf geschüttelt.»

Kritische Auseinandersetzung wünscht er sich auch für die Gespräche im Freundeskreis. Schneider könnte sich zum Beispiel vorstellen, jemanden wie den deutschen Autor Erik Flügge einzuladen, der mit seinem Buch «Die Kirche verreckt an ihrer Sprache» 2016 für Furore sorgte.

Wenn Schneider über den «Freundeskreis Grossmünster» spricht, schwingt immer auch ein bisschen Ehrfurcht mit. «Hätte mir vor Jahren jemand gesagt, dass ich im Grossmünster mal Gastgeber eines Podiumsgesprächs mit der Zürcher Stadtpräsidentin sein werde, hätte ich nur den Kopf geschüttelt.» Schneider gibt auch zu, dass ihm die Anerkennung, die er dabei erfährt, schmeichelt. Doch es gehe ihm um mehr als um sich selbst. Bei der Begrüssung an den Abendgesprächen sage er immer: «Der Freundeskreis ist dazu da, dass die Menschen das Grossmünster nicht nur von aussen, sondern auch von innen sehen.»

Vom Fleck weg engagiert

Ihn selbst spülte der Zufall in die Kirche Zwinglis. An einem Freitagabend im Mai 2015 schlenderte er durch die Altstadt, als er beim Grossmünster eine kleine Gruppenführung bemerkte. Er ging näher und hörte zu. «Pfarrer Christoph Sigrist erzählte spannende Details zur Geschichte der Kirche. Das interessierte mich.»

Schneiders Interesse blieb bei Sigrist nicht unbemerkt. Er lud ihn spontan ein, an der Nachtführung teilzunehmen. «Ich war über so viel Offenheit überrascht und habe mich gleichzeitig sehr gefreut.» Noch verblüffter sei er gewesen, als er im Anschluss zusammen mit der Gruppe vom Karlsturm auf das nächtliche Zürich hinunterschauen konnte.

«Im Präsenzdienst beantworten wir Fragen rund ums Münster und hören den Leuten, die ein Gesprächsbedürfnis haben, auch gerne zu.»

Oben sei er mit Sigrist ins Gespräch gekommen. Schneider erzählte, dass er ganz frisch wieder Mitglied der reformierten Kirche sei, gerade pensioniert worden war und nun nach einer sinnvollen Beschäftigung suche. «Das musste ich Pfarrer Sigrist, der Gelegenheiten gerne beim Schopf packt, nicht zweimal sagen.»

Bereits am Montagmorgen sass er in Sigrists Büro. Eine Woche später war er für den Präsenzdienst im Grossmünster eingeteilt. Seine Aufgabe: Gastgeber sein und zum Rechten schauen. «Wir beantworten Fragen rund ums Münster und hören den Leuten, die ein Gesprächsbedürfnis haben, auch gerne zu», sagt Schneider. Je nachdem werden die Besucher auch an eine Pfarrperson weiter verwiesen.

Verankerung nach der Fusion

Nach zwei Jahren im Präsenzdienst bat ihn Sigrist erneut in sein Büro. Die beiden kamen auf die Stadtzürcher Kirchenfusion zu sprechen und auf die Frage, wie man der Bevölkerung auch in Zukunft im Grossmünster einen Heimathafen bieten könnte. Denn die Befürchtung war, dass durch die Fusion ein Stück Identität verloren geht. «Die übrigen Altstadtkirchen haben alle ihre eigenen Vereine. Etwas ähnliches fehlte beim Grossmünster», sagt Schneider. Daraus ist das offene Forum des Freundeskreises entstanden. Einen eigenen Verein wollte er explizit nicht gründen, «weil der grosse administrative Aufwand den Mitgliedern schlussendlich nichts bringt.»

«Ich bin keiner, der einfach zu Hause sitzt und nicht weiss, was mit sich anfangen.»

Die Stunden, die Schneider für den Freundeskreis arbeitet, zählt er nicht. Von der Kirchgemeinde erhält er eine kleine Entschädigung. «Gratis hätte ich es nicht gemacht», sagt er. Denn Geld sei auch eine Form von Wertschätzung. Auch wenn er sich gerne aus voller Überzeugung für den Freundeskreis engagiert, hat er auch noch ein Leben daneben. Schneider bewegt sich gerne draussen, joggt täglich im Wald und ist ein begeisterter Wanderer. Auch setzt er sich öfters mal an den Stammtisch in der Beiz, geht in die Oper, ins Kino, ins Theater.

Er sei keiner, der einfach zu Hause sitze und nicht wisse, was er mit sich anfangen solle, sagt Schneider von sich selbst. Nein, er ist ein Macher, ein Extrovertierter. Er sucht Strukturen, die er gestalten, und Orte, wo er Verantwortung übernehmen kann. All das hat er im Freundeskreis Grossmünster gefunden. In der vielleicht vierten Firma seines Lebens.

Hinweis: Wer dem «Freundeskreis Grossmünster» beitreten möchte, kann dies kostenlos und ohne Verpflichtung unter freunde@grossmuenster.ch tun.