Demokratie

«Wir dürfen nicht zu Trittbrettfahrern werden» 

Weltweit erstarken Autokratien. Kirchliche Akteure müssten Position beziehen, ohne sich von der Politik vereinnahmen zu lassen, sagt der Theologe Lukas Amstutz.
Wie einstehen für demokratische Werte? Darüber machen sich auch kirchliche Vertreter Gedanken. Die Aufnahme zeigt einen Brunnen in einer Stadt in Hessen. (Bild: Michael Brandt/ Keystone)

Herr Amstutz, Umfragen zufolge leben über die Hälfte der Menschen weltweit in autokratisch regierten Ländern. Machen Sie sich Sorgen um die Demokratie? 
Ich bin sehr besorgt ob der Tendenz, dass die Demokratie von anti-demokratischen Ausprägungen gekapert wird. In den USA zeigt sich das sehr prominent, aber wir sehen es auch in Russland oder vor dem Machtwechsel in Ungarn.

Autokratische Politiker stehen oftmals auch ein für einen christlich-religiösen Nationalismus. Wie beurteilen Sie das? 
US-Präsident Donald Trump hat kürzlich ein KI-generiertes Bild veröffentlicht, das ihn als angeblichen Jesus zeigt – nach Kritik sagte er, er habe sich ‘bloss’ als Arzt dargestellt. Das zeigt, wie Religion pervertiert werden kann. So wird die Demokratie ad absurdum geführt. 

Sollte die Kirche einstehen für die Verteidigung demokratischer Werte? 
In erster Linie sollten wir Demokratie nicht als etwas sehen, das immer da ist, und mit dem sich spielen lässt, wenn einem etwas nicht passt. Aus historischer Sicht dürfen wir nicht vergessen, dass sich die Kirche manchmal anti-demokratisch verhalten hat. Manchmal war das Christentum aber auch Impulsgeber für demokratische Prozesse. Wir sollten uns darauf besinnen, dass christliche Werte zentral sind für die Demokratie.

Welche Werte meinen Sie? 
Ich denke an die Menschenwürde. Der Schöpfungsgeschichte nach ist jeder Mensch wertvoll. Jede Person hat das Recht, sich zu äussern. Als Mennonit ist mir bewusst, was passiert, wenn eine Gemeinschaft – wie in unserem Fall die Täufer – in eine Minderheiten-Position gedrängt wird. Aus dieser Erfahrung heraus ist Religionsfreiheit ebenfalls ein zentraler Wert. Es muss eine Meinungspluralität geben, die dazu dient, sich in demokratische Prozesse einzubringen. Es darf nicht eine Person geben, die alles bestimmt. Wir brauchen ein kritisches Gegenüber. 

Die Mennoniten sind eine kleine Glaubensgemeinschaft. Was entgegnen Sie Kritikern, die monieren, eine Einzelperson richte sowieso nicht viel aus? 
Nur weil wir klein sind, sind wir nicht minder divers. Und eine kleine Gemeinschaft ist zwar eine Minderheit, kann aber dennoch einen massgebenden Beitrag leisten. Es besteht weniger der Anspruch, das gesamtgesellschaftliche Gefüge unter Kontrolle zu haben. Vielmehr sehe ich die Möglichkeit, als Laboratorium für die ganze Gesellschaft demokratische Prozesse beispielhaft anzustossen.

Wie stellen Sie sich das vor?
Es geht nicht um ein theologisches Lehramt, sondern davon losgelöst darum, trotz unterschiedlicher Positionen miteinander einen Weg zu finden. Bei den Mennoniten ist daran ein Friedenszeugnis gebunden. Wir lernen, gut zu streiten. Das kann ein Schaufenster im Kleinen sein, von dem die Gesamtgesellschaft lernen könnte und das – bei allem Scheitern – funktionieren könnte. Ich denke zum Beispiel an den Umgang mit unterschiedlichen Positionen zu ethischen Themen.

Die Frage, ob sich kirchliche Akteure wie Pfarrpersonen politisch äussern sollten, bewegt immer wieder die Gemüter. Wie sehen Sie das? 
 
Kirche ist per se politisch.  Wir äussern uns zum Leben und sind deshalb mit politischen Fragen konfrontiert. Es braucht kein politisches Programm, dem wir folgen. Ich erlebe Kirche parteiübergreifend, raumöffnend für Begegnungen mit Andersdenkenden. 

Zur Person

Lukas Amstutz ist Theologe und Dozent. Der 52-Jährige leitet das Bildungszentrum Bienenberg in Liestal (BL) und beschäftigt sich dort mit Friedenstheologie und -ethik. Er ist Co-Präsident der Konferenz der Mennoniten in der Schweiz und lebt in Läufelfingen. (red)

Bild: Eric Braun


Wo sehen Sie Grenzen?
Die Gefahr besteht darin, dass die Politik die Kirche zu vereinnahmen droht. Wir müssen wach genug bleiben, um uns nicht vor einen Karren spannen zu lassen. Manchmal erscheinen einem gewisse Strömungen kompatibler, aber auch da müssen wir aufpassen, nicht zu Trittbrettfahrern zu werden. Räumen politische Akteure der Kirche eine Sonderstellung ein, ist die Versuchung gross, weniger kritisch hinzuschauen. In der Schweiz schätze ich dieses Risiko als nicht so hoch ein. Riskanter ist es in den USA, wo Allianzen mit ungesunden Machtideen geschmiedet werden. Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen und sagen: «Bei uns kann das nie passieren.» 

Kirchliche Tagung

Unter dem Motto «Demokratie unter Druck» diskutieren am 2. Mai 2026 in Aarau verschiedene christliche Vertreterinnen und Vertreter an einer Tagung Strategien für einen respektvollen politischen Austausch. Neben Lukas Amstutz sind die Religionswissenschaftlerin Vanessa Kopplin und der EVP-Nationalrat Marc Jost als Gäste geladen.  (jow)

Wie engagieren Sie sich persönlich für eine starke Demokratie? 
Als Bürger beteilige ich mich an Abstimmungen und Wahlen. Ich sehe dieses Recht nicht als selbstverständlich an und pflege es aktiv. Meine kirchliche Arbeit ist eine Arbeit für das gesellschaftliche Zusammenleben. Es ist ein bewusster Versuch, mich der Tendenz zu verweigern, mich in Blasen gleichen Denkens einzuschliessen. Ich suche den Kontakt zu und den Austausch mit Menschen, die nicht meiner Meinung sind, und versuche zu verstehen, was sie bewegt. 

Fällt Ihnen das leicht? 
Ich stelle eine gewisse Müdigkeit fest, eine gemeinsame Grundlage zu finden. Das ist anspruchsvoll. Aber ich würde es nicht aufgeben. Denn ohne dies, fürchte ich, drohen wir als Gesellschaft auseinanderzudriften. Wir sehen andere Gruppen als Feind an, den wir besiegen müssen. Den biblischen Leitgedanken «Alles das, was ihr von anderen erwartet, solltet ihr ihnen gegenüber also auch tun», halte ich – auch im Hinblick auf das politische Miteinander – für einen weisen Ratschlag.

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