Reformierte Kirchgemeinde
Catherine McMillan wird pensioniert – die Pfarrerin, die Christoph Blocher widersprach
Catherine McMillan ist zurück aus den USA – ein Todesfall in der Familie führte sie in das Land, in dem sie mehrheitlich aufgewachsen ist. Bevor sie flog, so erzählt sie es bei einem Gespräch Anfang März, habe sie in den sozialen Netzwerken Beiträge gelöscht, um bei der Einreise nicht negativ aufzufallen. Als sie am Ziel in einer Kleinstadt in North Carolina ankam, fuhr sie an Demonstrationen gegen die Einwanderungsbehörde ICE vorbei.
«Die Menschen sind sehr besorgt und betrübt. Man wagt dennoch kaum, das Thema anzuschneiden. Sobald man es tut, merkt man: Alle leiden darunter», sagt McMillan. Die Fronten zwischen Trump-Anhängern und Gegnern seien verhärtet. «Das macht mich wütend. Aber ich kann nicht ständig wütend sein», sagt die reformierte Pfarrerin, «und ich bin auch nicht verzweifelt, weil ich noch Hoffnung habe.» Dennoch sei dieser Krisenzustand schwierig auszuhalten.
Für McMillan ist es wichtig, Widerstand zu leisten. Die Aufgabe, den Mächtigen zu widersprechen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. «Noch immer sage oder tue ich manchmal etwas, ohne zu überlegen, welche Konsequenzen es hat. Ich hoffe, etwas weiser geworden zu sein, aber ich scheue den Konflikt nicht.» Dass sie an ihrem allerersten Auftritt im Schweizer Fernsehen ausgerechnet dem damaligen SVP-Bundesrat Christoph Blocher widersprach? Für sie nur eine Konsequenz ihrer eigenen Geschichte.
McMillan wird im schottischen Edinburgh geboren. Als Baby zieht sie mit den Eltern in die USA und wächst in North Carolina auf. Ende der 1960er-Jahre erlebt sie Rassentrennung, Bürgerrechtsbewegung prägen sie. Sie pflegt Kontakt zu ihren schwarzen Mitschülerinnen: Sie malt die schwarzen Kinder, diese bringen ihr auf dem Schulhof Tänze bei. «Es machte mir nichts aus, die einzige Weisse zu sein.» Dank dieser Erfahrung habe sie stets gewusst, wie es sich anfühle, fremd zu sein – und sich für Minderheiten eingesetzt.
Im Dorf gelandet
Eigentlich wäre sie gerne Diplomatin geworden, erzählt die 65-Jährige, «oder Lehrerin.» Ihr Vater aber war Pfarrer und sah in ihr eine Nachfolgerin. Religion war ein Familienthema, aber keine Privatsache. Es sei immer auch darum gegangen, für kirchliche Werte öffentlich einzustehen. Frauen im Pfarrberuf gab es in den 80er-Jahren wenige, und «cool» fand Catherine McMillan die Profession auch nicht.
Sie studierte Anglistik in den USA und in Frankreich, in ihrer Freizeit besuchte sie kirchliche Jugendcamps. Bei einer internationalen ökumenischen Jugend-Zusammenkunft in Kanada tauschte sie sich mit Gleichaltrigen aus den Philippinen aus, sie erzählten ihr von den Gräueln im Vietnamkrieg. Aus diesen Gesprächen entstand das Bedürfnis, sich vertieft mit Theologie zu befassen.
McMillan begann ihr Theologiestudium – und verliebte sich in Frankreich in einen Deutschen, auch er angehender Pfarrer. Das junge Paar heiratete und zog nach Heidelberg. Die Friedensbewegung, Atomkraftgegner und später der Fall der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland prägten die Zeit.
Vor Studienabschluss hatte McMillan zwei Kinder, zwei weitere folgten. Die erste Pfarrstelle in Süddeutschland teilte sie mit ihrem Mann. Anfang 40 trennte sich das Ehepaar. Die zwei ältesten Kinder blieben beim Vater, mit den zwei Jüngsten zog McMillan ein paar Jahre nach der Trennung in die Schweiz. Das Trio landete in einem kleinen Dorf im Toggenburg.
Ein Kulturschock für die weltoffene Britin? Im Gegenteil, sagt McMillan. Sie wohnte in einem grossen Pfarrhaus, hinten grasten Kühe und Schafe, vorne plätscherte der Bach. «Der Empfang war sehr herzlich. Die Kultur und die Traditionen gewann ich schnell lieb.»
Wenige Kilometer vom Pfarrhaus entfernt war ein Durchgangsheim für Asylsuchende. Zu jener Zeit hatte der Bundesrat Nicht-Eintretensentscheide beschlossen, was dazu führte, dass Geflüchtete nur Nothilfe statt Sozialhilfe erhielten. «Mitten im Winter klopften junge Menschen aus Afrika an meine Türe. Ich kochte fortan nicht nur für meine Kinder, sondern auch für die Asylsuchenden», sagt McMillan.
Eine Aufgabe, die sie zunehmend überforderte. Aber McMillan wusste sich zu helfen: Sie nahm Kontakt auf zu Andreas Nufer, damals reformierter Pfarrer in der Stadt St. Gallen. Nufer liess die Geflüchteten im Gottesdienst ihre Geschichten erzählen und gründete das Solidaritätsnetz Ostschweiz, eine Organisation, die sich seit rund zwanzig Jahren für «menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik» einsetzt.
Aus jener Zeit, dem Jahr 2004, stammt auch McMillans erste TV-Erfahrung. Sie sass in der zweiten Reihe der «Arena» im Schweizer Fernsehen und hörte, wie Christoph Blocher sagte, es sei kein Problem, junge Frauen im selben Bunker mit jungen Männern unterzubringen. «Wie würden Sie sich fühlen, wenn das Ihre Tochter wäre?», sagte McMillan zu Blocher. «Damals wusste ich nicht, dass er selbst zwei Töchter hat.»
Für McMillan ist klar: Moral und Ethik gehören auch in die Politik. Deshalb würde sie sich wünschen, dass die reformierte Kirche dezidierter Stellung bezieht zu politischen Fragen, die Menschenwürde, Gewissensfreiheit oder Verantwortung für die Schöpfung betreffen. «Wir sollten Farbe bekennen, statt aus Angst zu schweigen, weil wir keine Mitglieder verlieren wollen.»
McMillan hielt mit ihrer Meinung nie zurück, auch nicht als Sprecherin beim «Wort zum Sonntag», das sie von 2016 bis 2018 sprach. Sie war Botschafterin für das Reformationsjubiläum sowie Beauftragte für Internationale Beziehungen in der Zürcher Landeskirche und hielt in diesem Rahmen Vorträge im In- und Ausland. Einladungen gab es nach London, Japan, Myanmar, Ungarn, Schottland, Südafrika oder den USA – die Pandemie verhinderte einige Reisen.
Einstehen für den Glauben
Eine Krise, so sieht es McMillan, könne immer auch eine Chance sein. Dabei denkt sie auch an den Mitgliederschwund der Kirche. Kaum eine andere Institution könne so stark zur Gemeinschaftsbildung beitragen, sagt die Pfarrerin. Die Kirche müsse der Isolierung und Individualisierung entgegentreten und sich für den Glauben wehren.
«Die politische Krise ist auch eine religiöse Krise. Wir müssen christlichen Nationalismus und islamischen Fundamentalismus abwehren.»
Erst einmal freut sich Catherine McMillan über mehr Zeit. Im Ruhestand will sie weniger produzieren und mehr lesen. Aus der Kirche auszutreten, wie eine Kollegin das nach der Pensionierung wohl tat, kommt für McMillan nicht in Frage. «Für mich ist die Kirche unvollkommen. Aber sie braucht uns alle – in jedem Alter.»