Freiwilligenarbeit
«Die Schweiz soll einen Freiwilligenurlaub einführen»
Herr Stokholm, Sie sind nach 27 Jahren, in denen Sie andere Berufe ausübten, wieder im Pfarramt tätig. Wie hat sich die Situation der Freiwilligen in der Kirche verändert?
Die Zahl der Freiwilligen in der Kirchgemeinde, die sich engagieren, ist in etwa gleichgeblieben. Ich würde sogar sagen, dass die Motivation dieselbe geblieben ist. In der Kirche ist weniger der Spassfaktor entscheidend, das Verantwortungsgefühl ist wichtiger. Es geht eher um Dankbarkeit. Beispielsweise bei Leuten, die sich für eine Kirchenpflege einspannen lassen. Sie sagen ganz oft: Ich will der Gemeinschaft etwas zurückgeben.Ist Engagement eine Zeitgeist- oder Altersfrage?
Aspekte wie Dankbarkeit sind sicher mit dem Alter verbunden. In jungen Jahren ist er Spassfaktor sicher der grössere Antrieb. Wenn ich sehe, in wie vielen Vereinen junge Menschen als Sportler, Musikerin oder Schauspieler vertreten sind, muss ich sagen, ich habe nicht den Eindruck, dass sich Junge weniger engagieren.
Zur PersonDer 59-jährige Anders Stokholm ist seit Sommer 2024 Präsident der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Der in Dänemark geborene Theologe war von 1991 bis 1998 als Pfarrer in Stein am Rhein tätig, danach begann er seine politische Karriere.
Zuerst als Gemeindepräsident von Eschenz TG (1999 bis 2007), später war er Stadtpräsident von Frauenfeld (2015 bis 2025), für die FDP politisierte er im Thurgauer Kantonsparlament und war Präsident des Schweizer Städteverbands. Seit diesem Sommer ist er wieder als Pfarrer tätig. Diesmal in Erlenbach ZH. Dort hatte schon Stokholms Vater gepredigt. (gab)
Der ewige Vorwurf, dass die Jungen zu wenig leisten, ist aus Ihrer Sicht also nicht haltbar?
Nein. Mit der Umkehrung der Alterspyramide steigen die Ansprüche gegenüber den Jungen stark an. Und all diesen Ansprüchen können sie gar nicht gerecht werden. Da überfordern wir die Jungen schnell einmal. Wir Älteren müssen uns da ein bisschen an der Nase nehmen.Wieso ist die Zivilgesellschaft in der Schweiz so stark ausgeprägt?
Bei uns halten wir die staatlichen Strukturen in einer Form, die stark vom Volk bestimmt sind. Wir haben hohe Mitgestaltungsmöglichkeiten. Der Impuls ist: Man muss nicht alles dem Staat überlassen, sondern kann vieles auch selber machen. Die Eigenverantwortung ist wohl auch hoch, weil wir nicht eine zentralistische Struktur haben. Die kleinen Einheiten machen es überschaubarer und direkter.Fast neun von zehn Schweizerinnen engagieren sich mindestens einmal jährlich freiwillig. Gleichzeitig hört man vom Vereinssterben und der zunehmenden Individualisierung. Wie passt das zusammen?
Freiwilliges Engagement findet informell statt: Etwa innerhalb der Familie, wenn Grosseltern die Enkel hüten oder Bekannte bei der Pflege helfen. Heute gibt es nicht mehr zwei oder drei Vereine pro Dorf, sondern zwanzig bis dreissig. Da kommt es zu Verschiebungen.Wenn sich die Bevölkerung auf immer mehr Vereine verteilt, leidet der gesellschaftliche Zusammenhalt?
Er verändert sich zumindest. Das Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen in einer grossen Gemeinschaft nimmt ab. Die Gemeinschaften verändern sich, tendenziell kommt man mehr mit Gleichgesinnten zusammen. Die Frage ist, wie man dem entgegenwirken kann.Wie zeigt sich der gesellschaftliche Zusammenhalt, wenn man sich freiwillig engagiert
Hauptsächlich im Willen der Individuen, sich für ein grösseres Ganzes einzusetzen. Einen Nutzen zu generieren, der anderen zugutekommt. Dieser Antrieb ist weiterhin da und zahlt auf den Zusammenhalt ein. Darin steckt auch die Gefahr, wenn das erodieren würde.Untersuchungen zeigen: Die Motivation sich zu engagieren, hat sich verändert.
Ja, die Sinnfrage ist wichtiger geworden, das Pflichtgefühl nimmt ab. Dieses Engagement ist wohl das Echtere. Es darf auch Spass machen.Die Schweizerische Gemeinnützige GesellschaftDie 1810 gegründete Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) mit Sitz in Zürich setzt sich für eine aktive Zivilgesellschaft, sozialen Zusammenhalt und eine lebendige Demokratie in der Schweiz ein. Im 19. Jahrhundert prägte sie die liberale Schulreform und die Entstehung des Bundesstaates 1848 und lancierte nationale Hilfsaktionen bei Naturkatastrophen. 1859 kaufte die SGG das Rütli, um ein Hotelprojekt auf der Wiese zu verhindern und schenkte es darauf der Schweizerischen Eidgenossenschaft.
Im 20. Jahrhundert initiierte die SGG Sozialwerke wie Pro Juventute, Pro Senectute und die Schweizer Berghilfe und wirkte an der AHV-Entstehung mit. Heute fördert die SGG soziale Projekte, unterstützt armutsbetroffene Menschen und engagiert sich für Freiwilligenarbeit sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Institution ist politisch, wirtschaftlich und religiös neutral. (gab)
Langfristige Verbindlichkeiten werden unbeliebter. Wie gehen die Organisationen damit um?
Es wird je länger je mehr projektbezogen gearbeitet. Darum ist es schwierig, Leute zu finden für einen Vorstand, wo über Jahre etwas aufgebaut werden soll. Für einen einmaligen und klar definierten Anlass, wie ein Konzert, ist es wiederum einfacher.Wie gelingt es dennoch, Freiwillige zu finden?
Gemeinschaften müssen gegenüber Interessierten vermehrt einen Nutzen aufzeigen. Man lernt in einem Verein vieles, das im Beruf oder Privatleben wichtig werden kann. Auch potentielle Arbeitgeber achten darauf, ob sich jemand in seiner Freizeit für etwas einsetzt. Aber es wäre gut und wichtig, wenn das in der Wirtschaft noch einen höheren Stellenwert einnehmen würde.Was sind nebst Sinnhaftigkeit und Pflichtgefühl weitere Gründe für ein Engagement?
Eine der Entwicklungen, die wir beobachten, ist: Innerhalb der Freiwilligenarbeit nimmt das Ehrenamt zu, wenn es eine gewisse Vergütung gibt. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Leute auf ein kleines Zusatzeinkommen angewiesen sind, gerade die ältere Generation.Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wird es wegen der KI und der Veränderung in der Arbeitswelt vielleicht zu mehr Zeit für freiwilliges Engagement kommen?
Tatsächlich könnte sich die Freiwilligenarbeit durch KI verändern. Den grösseren Einfluss sehe ich aber beim demografischen Wandel. Der Teil des Lebens in dem wir nicht berufstätig sind, dauert immer länger. Und wir werden auch gesünder älter als früher. Das heutige 80 ist das frühere 70. Deshalb glaube ich, dass der Freiwilligenanteil in den älteren Generationen so schnell nicht abnehmen wird. Freiwilligenarbeit lebt vom Zwischenmenschlichen, deshalb hat KI wohl weniger einen Einfluss als die Demografie. Wenn KI auf den Arbeitsmarkt so wirkt, dass wir mit einer 30-Stunden-Woche durchs Leben kommen, wächst der Teil der zeitlichen Möglichkeiten.Die Service-Citoyen-Initiative die für alle einen Dienst an der Gesellschaft fordert, wird laut Umfragen klar abgelehnt. Was könnte man aus Sicht der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) tun, um die Zivilgesellschaft zu stärken?
Die Schweiz soll einen Freiwilligenurlaub einführen. Jeder und jede soll jährlich zwei unbezahlte Wochen Ferien beziehen können, um sich zu engagieren. Dies angelehnt an den bestehenden Jugendurlaub, der allen Menschen bis 30 eine unbezahlte Woche Ferien erlaubt, um sich beispielsweise in einem Pfadilager zu engagieren. National- und Ständerat haben kürzlich beschlossen, diese Massnahme für Jugendliche auf zwei Wochen auszudehnen.