Kirchenmusik
Manchmal sagte er zu Christoph Sigrist: «Hör auf zu predigen»
Herr Hufeisen, Sie sind wieder einmal mit einer Uraufführung in Zürich.
Mit Christoph Sigrist zeigte ich schon das Mysterienspiel zu Huldrych Zwingli und danach die Bonhoeffer-Messe im Grossmünster. Jetzt kommt das dritte Kapitel – eines, das mich lange bewegt hat.
Was bedeutet Ihnen das Grossmünster?
Ich reise als Musiker durch viele Länder und bin beeindruckt von Räumen, die ich dabei besuche. Ich war im Schatzhaus von Petra in Jordanien, im Petersdom in Rom, im Ulmer Münster – alles wunderbare Bauten. Das Grossmünster hat eine besondere Ausstrahlung. Ich nehme es als einen beseelten Ort wahr. So viele Menschen waren vor mir schon dort, ihre Gedanken sind präsent, es ist ein spiritueller Raum.
Im Vorwort zu Christoph Sigrists Buch über Niklaus von Flüe erwähnen Sie, dass auch der Raum in dem er lebte, etwas in Ihnen auslöste.
Ich habe seine Klause in Flüeli-Ranft schon häufiger besucht. Wenn ich dort sitze, fasziniert mich der Raum. Er ist so karg – wie kann man da einen Gedanken kriegen oder seine Seele baumeln lassen? Ich begann mich mit Bruder Klaus auseinander zu setzen. Er konnte weder lesen noch schreiben. Weshalb sind die Menschen zu ihm gepilgert? Sein Leben hat so eine Strahlkraft – ich fragte mich, wie es dazu kam.
Ohne Blockflöte kein Hufeisen: Der Musiker wuchs in einem evangelischen Kinderheim auf. Dort brachte ihm eine Erzieherin das Spielen auf der Blockflöte bei und liess ihn christliche Abendlieder üben.
Bei diesem Instrument blieb Hans-Jürgen Hufeisen. Er legte sein Konzertexamen ab, wurde schliesslich freischaffender Komponist und Musiker. Für den Deutschen Evangelischen Kirchentag kreierte er grosse Werke. Mit Margot Kässman und Anselm Grün ging und geht er auf Tournee – auch in der Schweiz.
2016 arbeitete er erstmals mit Christoph Sigrist zusammen für die «Akte Zwingli – ein Mysterienspiel». Der 70-jährige Deutsche wohnt seit langem in Zürich.
Hufeisens Oratorium «Bruder Klaus – den Frieden schauen» wird am Sonntag, 8.12., im Grossmünster in Zürich uraufgeführt. Der Anlass beginnt um 17 Uhr. Inspiriert wurde das Werk von Christoph Sigrists gleichnamigem Buch über Niklaus von Flüe. (dst)
Und haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Nein. Das sind ja alles Legenden. Was wir an schriftlichen Quellen haben, wurde für und über ihn geschrieben. Als Christoph Sigrist und ich am Buch arbeiteten, wollten wir nicht die Legende weiterschreiben.
Ein ambitionierter Vorsatz.
Wir haben auch lange gebraucht, um den Ansatz zu finden. Schliesslich gingen wir von dem Bild aus, das Bruder Klaus gezeichnet haben soll. Es zeigt ein Rad mit sechs Speichen in einem quadratischen Rahmen. Christoph Sigrist hat über die Bedeutung des Bildes und seiner Elemente geschrieben. Er hat auch das Libretto für mein Oratorium verfasst. Seine Formulierung «Den Frieden schauen» ist so treffend. Schauen ist mehr als sehen, es schliesst Vorstellungen und Visionen mit ein – wie Niklaus von Flüe welche hatte.
Christoph Sigrist und Sie sind beide wortmächtig – wie war der Arbeitsprozess in diesem gemeinsamen Projekt?
Ein reformierter Pfarrer und ein Musiker, der sich mit spirituellen Themen auseinandersetzt, rangen mit dem Stoff, um ihn in den Griff zu kriegen. Wir kennen uns schon lange und können uns klar sagen, was wir denken. Manchmal sagte ich zu ihm: «Hör auf zu predigen». Während der Arbeit am Oratorium sassen wir häufig in Zwinglis Klause in der Kirchgasse neben dem Grossmünster. Die Unterkunft ist einfach, aber das muss so sein: Für diese Art von Arbeit kann man nicht in ein Fünfsterne-Hotel gehen. Als wir die Grundzüge für das Oratorium festgelegt hatten, arbeiteten wir unabhängig voneinander: er am Text, ich an der Musik.
So klingt die Klanginstallation
Die Geschichte von Bruder Klaus ist ungeheuerlich: Er verlässt mit 50 Jahren seine Frau und die zehn Kinder, um fortan als Einsiedler zu leben. Dann suchen viele Menschen bei ihm Rat. Wie findet man Töne und Melodien dazu?
Indem ich nicht versuchte, sein Leben zu vertonen, sondern seine sechs Visionen. Es ist möglich, sie in Arien oder in Verbindung zu andere Werken zu setzen. Ich konnte das allerdings nur tun, weil es Christoph gelungen war, die Visionen in heutige Sprache und Verhältnisse zu übersetzen. Und aus Bruder Klaus’ Meditationsbild haben wir eine Klanginstallation gemacht. Ich zeichnete die Pläne für ein Objekt von je 2,6 Metern Höhe und Breite aus Holz und Metall. Jetzt können wir hören, wie der innere Kreis klingt. Die Speichen des Rades bestehen abwechslungsweise aus Holz und Metall – wie klingen sie? Und wie tönt der grosse Kreis aus Holz? Die Installation wird im Grossmünster aufgehängt.
Sie sagten, das Bruder Klaus-Oratorium sei das dritte Kapitel Ihrer Uraufführungen mit Christoph Sigrist im Grossmünster. Ist es das letzte oder sind weitere Kapitel geplant?
Im Augenblick ist alles offen. Christoph ist nicht mehr Pfarrer am Grossmünster – also wird es andere Räume für uns geben. Aber Bruder Klaus wird sicher nicht das letzte Projekt mit ihm gewesen sein.