Säkularisierung

Viel mehr Austritte als Todesfälle

Die evangelisch-reformierten Landeskirchen verlieren seit Jahren Mitglieder. Für eine detaillierte Aufschlüsselung fehlen die Zahlen – einen bemerkenswerten Trend gibt es jedoch.
Der fehlende Nachwuchs und die Austritte sorgen für eine Überalterung unter den Kirchenmitgliedern. (Bild: Gaëtan Bally)

Jedes Jahr sind es weniger. So viel wissen die evangelisch-reformierten Landeskirchen, wenn sie in einen Blick auf ihre Mitgliederstatistik werfen. Im medialen Fokus stehen dabei die Austritte. 2023 waren es mit schweizweit über 39'000 so viele wie noch nie. Dabei handelt es sich nur um einen von mehreren Faktoren für den Mitgliederrückgang. Der Religionssoziologe Jörg Stolz vermutete jüngst im Interview, dass die Kirchen mehr Mitglieder durch Todesfälle als durch Austritte verlieren.

Eine Umfrage bei den grössten evangelisch-reformierten Landeskirchen in der Schweiz zeigt: Überprüfen lässt sich die Vermutung nur teilweise. Den meisten Landeskirchen fehlen die nötigen Daten dazu.

Grundsätzlich gilt, dass sich Geburten, Eintritte im Erwachsenenalter und Zuzüge positiv auf die Mitgliederzahlen auswirken und Todesfälle, Austritte und Wegzüge negativ. Während die Kantonalkirchen die Eintritts- und Austrittszahlen kennen, befinden sich die restlichen Daten in den Händen der Einwohnergemeinden. Ein automatischer Austausch findet nicht statt – oder nur auf der Ebene der Einwohnergemeinden und Kirchgemeinden.

Fehlende Verknüpfung von Daten

Von den Kantonen erfahren die Landeskirchen in der Regel nur, wie viele Mitglieder sie (noch) haben. Zwar sind die Kantone über die Zahl der Geburten und Todesfälle in der Bevölkerung informiert, sie erfassen diese aber nicht nach Konfession, wie die statistischen Ämter auf Anfrage erklären.

Der Sprecher der Zürcher Landeskirche, Nicolas Mori, verweist dazu auf die Zahl der Taufen und Abdankungen, die von der Kirche erhoben werden. Auch wenn sie nicht exakt mit den Geburten und Todesfällen übereinstimmten, würden sie Aufschluss über deren Grössenordnung geben.

Ein Rechenbeispiel aus dem Kanton Zürich scheint ihm recht zu geben. Von 2022 bis 2023 hat die Zürcher Kantonalkirche rund 12'400 Mitglieder verloren. Der Saldo von Taufen, Eintritten, Bestattungen und Austritten ergibt ein Minus von 12'100. Nur ein kleiner Teil des Mitgliederrückgangs lässt sich somit nicht nachvollziehen. Es handelt sich dabei um das unbekannte Verhältnis von tatsächlichen Geburten und Todesfällen sowie Zu- und Wegzügen.

Kasualien nehmen ab

Trotzdem ist beim Vergleich der Abdankungen mit den tatsächlichen Todesfällen Vorsicht geboten, wie das Beispiel der Landeskirche Aargau zeigt. Als einzige der angefragten Kantonalkirchen verfügt sie neuerdings auch über die genauen Zahlen zu den Geburten und Todesfällen ihrer Mitglieder.

«Im Aargau hat die Synode im September 2020 die Einführung einer obligatorischen Mitgliederdatenbank für alle Kirchgemeinden beschlossen», sagt Kommunikationsleiterin Claudia Daniel-Siebenmann. Für das Jahr 2024 konnten erstmals Daten daraus erhoben werden. So hat die Landeskirche etwa festgestellt, dass letztes Jahr nur rund 65 Prozent der verstorbenen Mitglieder eine kirchliche Abdankung in Anspruch genommen hätten.

«Es sieht aus, als ob sich die Austritte beschleunigen»
Jörg Stolz, Religionssoziologe an der Universität Lausanne

Die Beobachtung der Landeskirche Aargau steht für einen allgemeinen Trend. Denn die Zahl der Kasualien sinkt in den Statistiken der Landeskirchen teils schneller als diejenige der Mitglieder. Das hat laut Nicolas Mori damit zu tun, dass selbst Mitglieder vermehrt auf die Dienste ihrer Kirchgemeinden in Form von Taufen und Trauungen verzichten – auch wenn die Zahl der Abdankungen in Zürich relativ stabil bleibe, wie er sagt.

Aktivere Säkularisierung als erwartet

Damit zurück zur Annahme, dass die Todesfälle die Austritte überwiegen. Genau lässt sie sich nur bei der Landeskirche Aargau überprüfen – und auch dort nur für das Jahr 2024. Bei den Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn, Zürich und St. Gallen lässt sich die Zahl der Austritte nur mit derjenigen der Abdankungen vergleichen, die bekanntlich unter derjenigen der Todesfälle liegt.

Trotzdem lässt sich aus den Statistiken der vier Landeskirchen ein klarer Trend ablesen. Seit einigen Jahren überwiegt die Zahl der Austritte diejenige der Abdankungen – und damit wohl auch der Todesfälle – deutlich.

«1971 gab es erstmals mehr Abdankungen als Taufen»
Nicolas Mori, Leiter Kommunikation der Zürcher Landeskirche

Im Kanton Aargau ist das bereits seit den 1990er Jahren der Fall, in St. Gallen seit 2014 und in Zürich sowie bei refbejuso seit 2019. Danach ist die Schere zwischen Austritten und Abdankungen in diesen Kantonen weiter auseinander gegangen. 2023 verzeichnete die Landeskirche Zürich knapp 9400 Austritte, während es noch rund 4600 Abdankungen gab (siehe Grafik).

Stolz zeigt sich auf Anfrage überrascht darüber. «Es sieht aus, als ob sich die Austritte beschleunigen», sagt er. Er verweist zudem auf die versteckten Austritte – wenn reformierte Eltern ihre Kinder gar nicht mehr bei der Kirchgemeinde anmelden oder taufen lassen – als weiteren Treiber für den Mitgliederschwund.

Laut Nicolas Mori lag der Fokus der Zürcher Landeskirche bisher mehr auf dem Anteil der Austritte am sogenannten «Wanderverlust» – den Bilanzen aus Geburten und Todesfällen, Zu- und Wegzügen sowie Ein- und Austritten – als auf einem Vergleich der Austritts- und Todeszahlen. Bei dieser Perspektive lägen die bedeutenden Umbrüche bereits etwas zurück. «1971 gab es erstmals mehr Abdankungen als Taufen», sagt er. Und 1979 sei die Mitgliederzahl ein erstes Mal gesunken.

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