Taufen in der Natur werden immer beliebter
Dass ein Kind getauft wird, war früher ein festes Ritual. In der Kirche um den Segen zu bitten und mit den Paten zu feiern, war in den meisten Familien üblich. Mit den sinkenden Mitgliederzahlen sind jedoch auch Tauffeiern seltener geworden. 1963 verzeichnete die reformierte Kirche schweizweit rund 42'000 Taufen. Zehn Jahre später waren es noch 29'000. Die Zahl ging weiter zurück. Im vorletzten Jahr dokumentiert die Statistik noch rund 8600 Taufen.
Daniela und Stefan Hossmann aus Schleitheim (SH) legen Wert auf Bräuche und Traditionen. Sie haben kirchlich geheiratet und ihre Tochter traditionell taufen lassen. «Das gehört einfach dazu», sagen sie. Ihr Kind soll mit dem christlichen Glauben aufwachsen, aber dereinst selbst entscheiden, ob es sich konfirmieren lassen will. «Sereina sollen alle Wege offenstehen.»
Im Mai haben Familie, Verwandte und Freunde in der Dorfkirche gefeiert. Kinder des kirchlichen Unterrichts und eine Sängerin haben am Gottesdienst mitgewirkt; die Eltern sind in einem Vorgespräch einbezogen worden und konnten etwa den Taufspruch auswählen. Daniela Hossmann äussert sich rundum zufrieden: «Es ist schön, dass unsere Tochter nun zur Gemeinschaft gehört.»
Redaktionelle Anmerkung: Auch die Taufen in der katholischen Kirche sind zurückgegangen: Von 22'000 (2012) auf 12'000 (2022).
Auch für Martina und Martin Jucker aus Winterthur (ZH) war klar, dass ihre Kinder in der Kirche getauft werden sollen. «Wir wollen ihnen die christlichen Werte weitergeben», sagt Martina Jucker und spricht von einem «schönen Ritual». Gerade weil die Eltern nicht jeden Sonntag den Gottesdienst besuchen, stand für sie eine freiere Form – beispielsweise in der Natur – nie zur Diskussion.
Mit dem reformierten Pfarrer Mike Gray haben sie sich im Vorfeld ausgetauscht. Sie haben zudem einen Holzfisch gestaltet, der als Teil eines Schwarms in der Winterthurer Stadtkirche hängt und den die Täuflinge nach einer Erinnerungsfeier nach Hause nehmen.
Sonntagsgottesdienst-Gemeinde nicht repräsentativ
Wie und wo Kinder getauft werden, hat sich in den letzten Jahren geändert. Taufen finden nicht mehr ausschliesslich im sonntäglichen Gottesdienst, sondern auch an anderen Tagen oder Orten statt. «Bei uns wünscht sich etwa die Hälfte der Eltern eine individuellere Form», sagt Mike Gray.
Er hat schon im Wald, im Stadtpark und in einem historischen Städtchen Taufen durchgeführt. In einem kleineren Rahmen könne er die Tauffamilie persönlicher ansprechen. Diese befasse sich bewusster mit ihren eigenen Glaubenshaltungen und könne die Zeremonie stärker mitgestalten, sagt Gray.
In der reformierten Kirche hätten die unterschiedlichsten Menschen und Bedürfnisse Platz, betont der Winterthurer Pfarrer. «Mit Leuten in Kontakt zu kommen, die nicht besonders religiös sind, ist immer eine tolle Chance.» An der traditionellen Taufpraxis schätzt er, dass eine breitere Gesellschaft anwesend ist.
Konservative Stimmen betonen denn auch, dass ein Täufling nur in diesem Rahmen in die weltweite Kirche aufgenommen werden könne. Gray relativiert dieses Argument. An anderen Plätzen bestehe auch eine gewisse Öffentlichkeit. Und: Die Mitglieder, die sonntags anwesend seien, repräsentierten sowieso nur einen Teil der christlichen Gemeinschaft.
Gegenseitige Anerkennung
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hielt 2009 in einer Studie fest, dass für die meisten Täuflinge und ihre Familien die eigene Lebenssituation zentral sei für den Entscheid, ob, wo und wie sich jemand taufen lässt. Der Rat der EKS beschreibt es als Herausforderung, zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen zu vermitteln.
Pfarrpersonen falle die Rolle zu, «bei aller Offenheit für die individuellen Deutungen und Gestaltungswünsche des Täuflings beziehungsweise der Familie Anwalt zu sein für das Beständige, Überlieferte, Wiedererkennbare der Taufe.»
Wie in der Reformierten Kirche wird auch in der katholischen Kirche grundsätzlich nur einmal im Leben getauft. Das katholische Ritual ist stark an Traditionen gebunden und kann weniger frei gestaltet werden. Auf die Taufe folgt im Primarschulalter die Erstkommunion, an der die Kinder einen weiteren Schritt in den Kreis der Gläubigen machen.
An der Erstkommunion wird die Taufkerze angezündet und das Taufversprechen erneuert. An der Firmung wird ebenfalls an die Taufe erinnert: die Gläubigen werden mit Heiligen Ölen gesalbt. 1973 haben die evangelischen, die katholischen und die christkatholischen Kirchen der Schweiz vereinbart, ihre Taufen gegenseitig anzuerkennen.
Vielfältige Alternativen
Martina und Markus Gibel aus Schwarzenburg (BE) haben ihre Tochter auf einer Alp im Naturpark Gantrisch taufen lassen. «Wir haben nach Alternativen zur Kirche gesucht», erzählen sie. Die Möglichkeit, in der Natur zu feiern, hat ihnen am meisten zugesagt.
Die jungen Eltern sind selbst getauft, jedoch nicht besonders religiös aufgewachsen. Ihr Kind wollen sie ebenfalls mit einer offenen Haltung begleiten. Die Taufe verstehen sie als Willkommensfest. «Lena soll den Glauben und die Rituale der Kirche kennenlernen; wir wollen ihr aber nichts aufzwingen», sagen sie. In einem Vorgespräch mit der Pfarrerin Sonja Gerber konnte das Paar seine Wünsche einbringen.
Gerber ist Pfarrerin in der Kirchgemeinde Johannes in Bern und führt über eine Ritualagentur individuelle Kasualien durch (ref.ch berichtete). Sie hat Kinder schon in Parkanlagen und an einem Brunnen getauft. «Die Plätze haben für die Familien eine besondere Bedeutung», sagt sie.
Die Taufe sei eine der zentralen Stationen in einer Biografie, fährt sie fort. Damit liessen sich besonders Menschen ansprechen, die zwar kirchlich sozialisiert seien, aber einen eigenen Weg suchten, ihren Glauben zu leben und weiterzugeben. «Sie setzen sich sehr differenziert mit der Taufe auseinander.»
An Taufen, die freier gestaltet würden, stehe meist der Wunsch im Vordergrund, ein Kind willkommen zu heissen und zu segnen. Weniger Gewicht habe der Gedanke, dass das Kind in eine weltweit vernetzte Gemeinschaft aufgenommen werde. Auch Hochzeiten würden individueller gefeiert, sagt Sonja Gerber. Dass sich manche Familien bei Taufen ebenfalls andere Formen wünschten, sei nur eine logische Folge.