Säkularisierung
«Die religiösen Versprechen der Reformierten sind unklar»
Herr Stolz, die Ergebnisse Ihrer jüngsten Studie zur Religionslandschaft in der Schweiz bestätigen den Säkularisierungstrend. Überrascht hat Sie nur, dass auch nicht anerkannte christliche Gemeinschaften davon betroffen sind. Weshalb?
Häufig lautet die Erzählung in den Medien, dass die anerkannten, grossen Kirchen zwar Probleme hätten, evangelikale Gemeinschaften aber wachsen würden. Von den 1970er bis in die 1990er Jahre gab es ein solches Wachstum tatsächlich. Unsere Studie zeigt jedoch, dass im jüngsten untersuchten Zeitraum auch die Freikirchen schrumpfen – jedenfalls gemessen an der Zahl der Menschen, die regelmässig an einem Gottesdienst teilnehmen.
Der Dachverband Freikirchen Schweiz hat sich in einer Medienmitteilung über die stabilen Zahlen bei den Gottesdienstbesuchern und Gemeinschaften gefreut.
Die Frage ist immer, wie man die Dinge betrachtet. Im Vergleich zu den grossen Kirchen stehen sie schon besser da. Tatsächlich ist die Zahl der pfingstlichen Gemeinschaften, die wir als charismatisch-evangelikal bezeichnen, stabil geblieben. Bei den klassischen und konservativen evangelikalen Gemeinschaften haben wir hingegen eine Abnahme der Anzahl Gemeinschaften festgestellt. Wenn wir den Blick auf die Zahl der Personen richten, die regelmässig einen Gottesdienst besuchen, gab es bei allen drei Richtungen einen Rückgang. Für den Dachverband kann das eigentlich kein Grund zur Freude sein.
Woher kommt dieser «relative» Erfolg der charismatischen Gemeinschaften?
Sie verfügen – um es in den Worten des Soziologen Max Weber zu sagen – über starke Heilsgüter, bieten emotionalere und dramatischere Heilsversprechen. Das sind Dinge, die vor allem junge Leute interessieren. Ausserdem wachsen charismatische Gemeinschaften auch weltweit. Somit erhalten die Gemeinden in der Schweiz noch Zuwachs durch die Migration.
Auffällig ist unter den charismatisch evangelikalen Gemeinden die hohe Fluktuation – rund 240 neue Gemeinschaften sind seit 2008 entstanden, fast genau so viele sind aber wieder verschwunden. Woran liegt das?
Charismatische Gemeinschaften sprechen in diesem Zusammenhang gerne von «church planting». Ihrer Ansicht nach ist es einfacher, eine neue Gemeinschaft zu gründen, als eine schon bestehende zum Wachstum zu bewegen. Gerade junge und kleine Gemeinschaften verschwinden dabei schnell wieder. Wenn eine Gemeinschaft beispielsweise nur aus 20 Personen besteht und zwei Familien wegziehen, kann das schon ihr Ende bedeuten. Insofern kommt es eher zu einer Fluktuation als zu einem Wachstum.
Wie lauten die Gründe für den Wechsel von einer Freikirche zu einer anderen?
Wechsel kommen recht oft vor. Die Anlässe sind sehr unterschiedlich, etwa, wenn es eine neue Gemeindeleitung gibt oder es zu einem Konflikt kommt. Häufig wechseln jüngere Mitglieder zu Gemeinden, die attraktivere Angebote für sie haben. Davon profitieren oft charismatisch evangelikale Gruppen.
Am stärksten vom Säkularisierungstrend betroffen sind nach wie vor die evangelisch-reformierten und die katholischen Landeskirchen. Was geht ihnen zuerst aus: das Geld, die Mitglieder oder das Personal?
Darauf habe ich keine klare Antwort. Es findet eine gleichzeitige Abnahme statt. Klar ist: Der Mitgliederrückgang ist viel stärker auf Todesfälle als auf Austritte zurückzuführen. Auf den Personalmangel können die Landeskirchen dagegen mit gewissen Strategien reagieren. Sie können etwa Personal aus dem Ausland rekrutieren, Passerellen für Quereinsteiger anbieten, Diakonieämter aufwerten oder Abschlüsse evangelikaler Hochschulen anerkennen. Es wurden häufig auch Stellen gestrichen. Schon als ich meine Stelle vor 22 Jahren angetreten habe, hiess es, dass der Pfarrmangel in den nächsten 5 Jahren akut werde.
Die reformierten Landeskirchen haben ausserdem zunehmend Mühe, ihre politischen Ämter zu besetzen. Wie geht es da weiter?
Es passt zwar zu den Reformierten, dass sie Parlamente haben. Aber wenn die Leute fehlen, müssen die Strukturen redimensioniert werden. Manchmal wirkt der Apparat mit Legislativen, Exekutiven und Kommissionen ohnehin etwas gross für die Entscheidungen, die getroffen werden müssen.
Laut Ihrer Studie sind die orthodoxen Gemeinschaften in der Schweiz gewachsen, vor allem aufgrund der Migration aus Ländern wie Eritrea, Äthiopien oder Syrien. Seit 2022 entstanden auch mehrere ukrainisch-orthodoxen Gemeinden. Rechnen Sie mit einem nachhaltigen Wachstum?
Ob es sich um einen längerfristigen Trend handelt, wird sich mit der nächsten Studie zeigen. Wenn die gesellschaftliche Integration gut funktioniert – und das tut sie in der Schweiz – rechne ich aber auch bei den orthodoxen Christen längerfristig mit einer Säkularisierung. Das hat viel mit den Möglichkeiten zu tun, die den Menschen offenstehen. Ein grosses Freizeitangebot, gute Bildungschancen und der Wohlfahrtsstaat machen die Menschen unabhängiger von ihren Familien und religiösen Gemeinschaften. Das geschieht aber nicht in fünf oder zehn Jahren.
Die Studie «Säkularisierung und Inklusivität. Die Entwicklung lokaler religiöser Gruppen in der Schweiz, 2008-2022» beruht auf einem Studiendesign aus den USA und wurde von den Universitäten Lausanne und Basel zum zweiten Mal in der Schweiz durchgeführt. Sie basiert auf einer Zählung der religiösen Gruppen in der Schweiz sowie Interviews mit spirituellen Leitungspersonen. Zu den untersuchten Gemeinschaften gehören reformierte Protestanten, Katholikinnen, Evangelikale, orthodoxe Christinnen, andere Christen, Jüdinnen, Muslime, Buddhistinnen, Hindus und alternative oder neue Religionen.
Die Autoren der Studie halten fest, dass die Zahl der lokalen religiösen Gruppen in der Schweiz im untersuchten Zeitraum um sieben Prozent zurückgegangen ist. Ausserdem sank der Anteil der Bevölkerung, der regelmässig an Gottesdiensten teilnimmt, von 11,6 auf 9,5 Prozent. Gleichzeitig stieg das durchschnittliche Alter der Gottesdienstbesucher und der spirituellen Leitungspersonen. (pef)
Wie stark hilft die gesellschaftliche Öffnung gegenüber Frauen und sexuellen Minderheiten den religiösen Gruppen, den Mitgliederschwund etwas abzuschwächen?
Intuitiv könnte man meinen, dass die gesellschaftliche Öffnung einer religiösen Gemeinschaft hilft, zu wachsen. Das lässt sich aber nicht beobachten. Gemeinschaften, die sich zu stark anpassen, haben eher Mühe, zu überleben. Ein Paradebeispiel sind die Reformierten. Sie gleichen in ihren Werten und Ansichten sehr stark der Gesellschaft im Allgemeinen. Die religiösen Versprechen der Reformierten sind undeutlich, was sich etwa am fehlenden Glaubensbekenntnis zeigt. Wenn jedoch nicht mehr klar ist, wie man sich von der Gesellschaft unterscheidet, fällt auch der Grund weg, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein.
Dann hätten doch gerade konservative Freikirchen gar keinen Anreiz, sich gesellschaftlich zu öffnen – tun sie laut Ihrer Studie aber. Weshalb?
Da man es mit dem Konservatismus auch übertreiben kann. Wer zu fundamentalistisch ist, erreicht die Menschen ebenfalls nicht mehr. Und gerade in Bezug auf Ansichten zu den Rechten der Frauen und sexuellen Minderheiten ist der gesellschaftliche Druck gross, sich anzupassen.
Andere Religionswissenschaftler weisen die Säkularisierungstheorie zurück und sprechen stattdessen von einem Wandel der Religiosität und Spiritualität. Was bedeuten die Ergebnisse Ihrer Studie für diese Debatte?
Unsere Studie weist die Säkularisierung auf der Ebene der Gemeinschaften nach. Wie es um die individuelle Religiosität oder Spiritualität der Menschen steht, lässt sich damit nicht sagen. Dazu gibt es jedoch viele andere Studien, die keine Zunahme alternativer Formen von Spiritualität feststellen können.