Die Bibel ist keine Waffe gegen Abtreibungen
Schwangerschaftsabbruch ist in Amerika künftig nicht mehr in allen Bundesstaaten legal. Das Oberste US-Gericht, der Supreme Court, hat am 24. Juni 2022 die bundesweite Regelung gekippt, die Abtreibung straffrei ermöglichte. Kaum hatte sich die Nachricht in den Sozialen Netzwerken verbreitet, wurde ich mit einer altbekannten Frage konfrontiert: Was sagt die Bibel zum Thema Abtreibung?
Schwangerschaftsabbruch war legal und sicher
Mich hat der Entscheid des US-Gerichts zurückversetzt in eine Zeit, in der ich als Theologin in den USA gearbeitet habe. Vor 12 Jahren leitete ich im Rahmen eines Frauenforschungsprogramms der Harvard Divinity School ein Seminar zum Thema «Schwangerschaft, Geburt und Bibel».
Die Studierenden kamen aus unterschiedlichen religiösen Traditionen. Einige waren jüdisch. Einige buddhistisch. Einige hatten Wurzeln in evangelikalen christlichen Gemeinschaften. Ich kam aus der Schweiz. Wir waren eine bunte Gruppe. Zusammen tauchten wir ein in ein neues und schnell wachsendes Forschungsfeld.
Meine Studierenden waren in eine Welt hineingeboren worden, in der der Entscheid Roe v. Wade Frauen das Recht garantierte, eine Schwangerschaft legal und sicher zu beenden. Manche von ihnen kamen aus Kirchen, in denen die Bibel als Waffe im Kampf gegen Abtreibung benutzt worden war. Manchen von ihnen war eingeschärft worden, dass Abtreibung der Bibel nach eine Todsünde sei. Manche hatten sich nach harten persönlichen Kämpfen von solchen Behauptungen befreit.
Die Studierenden waren froh, dass die christliche Pro-Life-Rhetorik in unserem Seminar keinen Platz hatte. Niemand von ihnen zweifelte daran, dass Frauen selbstbestimmt entscheiden sollten, eine Schwangerschaft fortzuführen oder zu beenden. Niemand war bereit, dieses hart erkämpfte Recht in Frage zu stellen. Und weil niemand es in Frage stellte, konnten wir eintauchen in eine vielstimmige, widersprüchliche und oft überraschende biblische Welt.
Religiöse Texte anders deuten
So setzten wir uns zum Beispiel mit der schillernden biblischen Figur der «unfruchtbaren Frau» auseinander und sprachen über den enormen Druck, der bis heute auf Frauen ausgeübt werden kann, weil sie keine eigenen Kinder haben. Wir untersuchten die seltsamen Geburtsbilder bei Paulus und versuchten zu verstehen, warum sich der Apostel mit einer stillenden Frau identifiziert: «Milch habe ich euch zu trinken gegeben, nicht feste Nahrung.» (1. Korinther 3,2).
Solche Verse waren von der androzentrischen Bibelwissenschaft lange ignoriert worden. Feministische Forscherinnen hatten sie zur Diskussion gestellt. Wir beschäftigten uns mit biblischen und rabbinischen Vorstellungen vom «ungeborenen Leben» und lasen Erzählungen über singende Föten im Leib ihrer Mütter. Ich erinnere mich, wie erfrischend es war, religiöse Texte zum «ungeborenen Leben» einmal nicht in den Zusammenhang von Pro-Life-Kampagnen zu stellen.
Energien freisetzen
Noch in den 1990er Jahren wäre es vermutlich undenkbar gewesen, ein bibelwissenschaftliches Seminar zum Thema «Schwangerschaft und Geburt» zu unterrichten. Zu gross wäre damals die Gefahr gewesen, allein durch die Themensetzung in ein reaktionäres Fahrwasser zu geraten: «Was sagt die Bibel zum Schwangerschaftsabbruch? Seid fruchtbar und mehret euch.» 2010 war es nicht mehr nötig, sich mit derartigen Aussagen zu befassen.
Stattdessen stand uns eine Fülle an neuen Forschungen zur Verfügung. Feministische Theologinnen waren nicht mehr gezwungen, ihre Energie in den politischen Kampf für reproduktive Selbstbestimmung zu investieren. Das Recht auf Abtreibung schien fest und sicher in der politischen Landschaft der USA verankert zu sein. Dadurch war eine grosse Freiheit entstanden, biblische Traditionen in all ihren Nuancen wahrzunehmen.
Fehl- und Totgeburten waren kein Tabu
So war es uns zum Beispiel möglich, über biblisch orientierte Seelsorge an Frauen nach einer Abtreibung nachzudenken, ohne aber Abtreibungen selbst zu verurteilen. Wir sprachen über Fehlgeburten und Totgeburten. Wir konnten diese schwierigen Erfahrungen in einen biblischen Kontext setzen, ohne sie theologisch auf eine bestimmte Weise deuten zu müssen.
Auch traumatische Geburtserfahrungen wurden zum Thema. Wir setzten uns mit der verstörenden Wirkungsgeschichte biblischer Texte auseinander und blickten auf eine Zeit zurück, in der Ärzte sich weigerten, bei einer Geburt Anästhesie einzusetzen, weil in der Bibel steht: Die Frau soll unter Schmerzen gebären. Allen war klar, dass es sich bei solchen Praktiken in allererster Linie um Machtmissbrauch handelte.
Wir konnten darüber streiten, warum sich die Propheten der Bibel in Krisensituationen ab und zu mit einer gebärenden Frau vergleichen: «Wehen haben mich gepackt wie die Wehen einer Gebärenden…» (Jesaja 21,2) Sind solche Sätze problematische Vereinnahmungen von Männern, die die lebensspendende Kraft einer gebärenden Frau nie am eigenen Leib erfahren hatten?
Oder klingt aus solchen Versen die Einsicht hindurch, dass Geburt und Tod eng beieinanderstehen? Hätte mich irgendjemand zu diesem Zeitpunkt gezwungen, biblisch-theologisch Stellung in der Abtreibungsfrage zu beziehen, dann hätte ich gesagt: Lest die Texte! Dann hört ihr die Stimmen von Menschen, die vor langer Zeit bereits wussten, in welche Krisen eine Schwangerschaft führen kann.
Heute - im Jahr 2022 - verfolge ich fassungslos die Ereignisse in den USA. Zur Sorge, dass unzählige Frauen durch den Entscheid des Supreme Courts in Notlagen gestürzt werden, stellt sich für mich auch die Sorge um die Zukunft der feministischen Forschung. Meine Sorge ist, dass feministische Theologinnen stark zurückgeworfen und zurückgebunden werden. Wer wird es sich noch leisten können, das Rätselhafte und Zwiespältige vieler biblischer Traditionen zu würdigen, wenn die Bibel unter Generalverdacht steht, Abtreibungen zu verurteilen?
Der Backlash gegen das Recht auf Abtreibung ist nicht zuletzt auch eine Katastrophe für die Bibel selbst. Wie viele Energien, wie viel Zeit wird in den nächsten Jahren in Aufklärungsarbeit investiert werden müssen, die ich noch vor zehn Jahren für erledigt hielt? Wer wird uns noch glauben, dass das Thema «Schwangerschaft und Geburt» in der Bibel viel interessanter und bewegender ist als es uns die Abtreibungsdebatte weis machen will?
Recht muss unantastbar bleiben
Der Entscheid des US-Gerichts hat Folgen auch für die reformierte Landschaft der Schweiz. Da ist sie wieder, die Frage danach, was die Bibel sagt zum Thema Abtreibung. Ich werde danach gefragt und fühle mich gezwungen, als reformierte Pfarrerin Antwort zu geben. Aus meiner Sicht gibt es kein schlüssiges biblisches Argument für oder gegen das Recht auf Abtreibung. Die Bibel ist keine Quelle für gesetzliche Regelungen.
Sie ist eine höchst einflussreiche Sammlung von literarischen Zeugnissen, die uns einen Eindruck vermitteln können, wie Menschen vor langer Zeit Schwangerschaft und Geburt erlebt haben. Auf keinen Fall dürfen wir an einem Recht rütteln, das wir nicht der Bibel, sondern politischen Kämpfen des 20. Jahrhunderts verdanken: das Recht von Frauen, über den eigenen Körper und damit auch über die Fortführung oder Beendigung einer Schwangerschaft zu bestimmen.
*Tania Oldenhage ist Lehrbeauftragte an der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Die Pfarrerin hat in den USA doktoriert und verfasst regelmässig Beiträge für die feministisch-theologische Zeitschrift «Fama».
Sie spricht zudem Predigten im Radio, eine Zusammenarbeit zwischen SRF, dem katholischen Medienzentrum und den Reformierten Medien, die auch das
Nachrichtenportal ref.ch betreiben.