Zwingli

Dieser Mann erzählt der Welt, wer Zwingli war

Bruce Gordon, Yale-Professor und Historiker, gilt als der beste Zwingli-Kenner weltweit. Er ist als junger Doktorand nach Zürich gekommen, um die Archive zu durchforsten. Zwingli fasziniert ihn noch immer, aber er sagt, lernen könne man vom Reformator nichts.
Die Reformation habe Fragen aufgeworfen, von denen viele bis heute nicht beantwortet seien, sagt Bruce Gordon, Zwingli-Experte und Yale-Professor. (Bild: Yale Divinity School)

Der, der Zwingli wahrscheinlich am besten kennt, ist ein Historiker, der in Kanada aufwuchs, in Schottland studierte, in Zürich doktorierte und nun an der Yale Divinity School der Universtät Yale in den USA eine Professur für Kirchengeschichte hat. Bruce Gordon hat die Bücher geschrieben, mit denen Menschen in der englischsprachigen Welt Zwingli und die Reformation in der Schweiz verstehen.

Für das Interview trifft man sich – passenderweise – vor dem Zürcher Grossmünster. Gordon ist in der Stadt für ein Gespräch mit Grossmünsterpfarrer Christian Walti über Zwingli und ein Buch, das nun auch auf Deutsch erhältlich ist: «Zwingli. Gottes bewaffneter Prophet».

«Zwingli war kein Held, aber auch kein Teufel», sagt Gordon, «er war ein Mensch, der sehr eigen war und einen grossen Einfluss auf die Stadt und die Welt hatte.» Dazu passt, was Peter Opitz in einer Rezension über das Zwingli-Buch geschrieben hat: «Gordons Zwingli-Biographie ist keine Beschreibung einer einsamen, souverän handelnden ‹grossen Persönlichkeit› im Sinne der Historiographie des 19. Jahrhunderts.»

Der Historiker will nichts beschönigen, wohl deshalb, weil er förmlich mit den Reformatoren am Tisch sass und an ihren Diskussionen und Auseinandersetzungen teilnahm. Und das kam so: Als Gordon an der St. Andrews-Universität studierte, wollte er über die schottische Reformation doktorieren. «Doch mein Doktorvater sagte, ich müsse bei der Reformation in der Schweiz anfangen», sagt er.

Lange Tage im Archiv

Also zog er mit Mitte zwanzig in die Stadt an der Limmat. Er hatte vor, die Reformation in der Schweiz zu verstehen und er nahm es genau. «Jeden Tag verbrachte ich im Archiv», erinnert er sich. Er lächelt, während er erzählt, wie er Briefe und Protokolle von 1519 und den folgenden Jahren durchgearbeitet hat. Manche würden die Aufzeichnungen von politischen Debatten und theologischen Diskussionen trocken finden. Oder langweilig. Doch Gordon sagt: «Es war total faszinierend.»

Die Tage verbrachte er zwischen historischen Dokumenten und versuchte, das alte Deutsch zu verstehen. Häufig brauchte er dabei Hilfe, obwohl er gut und fliessend Deutsch spricht. Gegen Abend verliess er das Archiv und spazierte nach hause – durch die Zürcher Altstadt, die vieles aus Zwinglis Zeiten bewahrt hatte. «Ich konnte sehen, wo die Familien wohnten, über deren Auseinandersetzungen ich den ganzen Tag gelesen hatte», erinnert er sich. Er bekam ein Gefühl für die Enge der Stadt – «Nichts war privat», sagt Gordon – und liess seine Fantasie beflügeln.

In Zürich wohnte man dicht an dicht, wie es der sogenannte Murer-Plan von 1567 darstellt. (Bild: ETH-Bildarchiv)

An den Wochenenden, wenn das Archiv geschlossen war, unternahm er Ausflüge in die umliegenden Gemeinden. Er sah, wie nah die Dörfer an der Stadt liegen, und wie weit die Dorfpfarrer und -bevölkerung in ihren Ansichten entfernt waren von den Ideen Zwinglis und den übrigen Reformatoren innerhalb der Stadtmauern.

In der Stadt hiess es: «Wesentlich ist der Glaube – und der ist nicht sichtbar.» Auf dem Land drückte sich das religiöse Leben noch in Ritualen, Sakramenten und Symbolen aus. Gordon fragt: «Wie startet man eine neue Kirche? Wie verbreitet man seine Überzeugungen?» Zwinglis Vorhaben sei riskant gewesen, sagt Gordon, er habe etwas unternommen, für das es keine Anleitung, keine Erfahrungswerte gab.

Reformation und Mauerfall: Wie gestaltet man das Neue?

Einen Teil der Faszination machte für den Historiker auch aus, dass er just dann nach Zürich kam und im Archiv den Umbruch durch die Reformation nach-erlebte, als der Eiserne Vorhang fiel. «Die Zukunft war total offen, alles schien möglich, aber gleichzeitig auch so unsicher. Niemand konnte sagen, wie sich Europa weiterentwickeln würde», erinnert er sich. 1519 und 1989 – Gordon spricht von einem vagen Gefühl der Koinzidenz, das sich damals in ihm ausbreitete.

Ulrich Zwingli um 1531, portraitiert von Hans Asper (Bild: Wikicommons)

Wenn es diese zufällige Parallele gibt: Was kann man denn von Zwingli lernen? «Nichts», sagt der Biograf. «Ich finde seine Schriften inspirierend, aber sie sind keine Lehrbücher für heute.» Was man allerdings für die heutige Zeit mitnehmen könne, seien die Fragen zu Gemeinschaft, Gesellschaft und Religion. «Sie wurden in der Reformation sichtbar und sind noch nicht gelöst», meint Gordon.

Dazu sagt Christoph Sigrist, ehemaliger Grossmünsterpfarrer, der ebenfalls ein Buch über Zwingli veröffentlicht hat: «Die gesellschaftlichen Transformationen damals im europäischen und eidgenössischen Kontext sind ein Resonanzraum gewesen für die reformatorischen Aufbrüche und Nährboden auch für die theologischen Umbrüche.» Zu offensichtlich sei seinerzeit «der Sprung in der Schüssel der Kirche» gewesen.

Mit dem Blick eines Aussenstehenden

Gerade jedoch den eidgenössischen Kontext vermisste der Doktorierende Gordon, als er nach Zürich kam. An den Universitäten seien die reformatorischen Ereignisse in der jeweils unmittelbaren Umgebung erforscht worden. So kam es, dass der auswärtige Forscher das erste Buch schrieb, das die Reformation in der ganzen Schweiz behandelte.

Er sagt bescheiden: «Ich war ein Aussenseiter. Ich konnte andere Fragen stellen und andere Perspektiven einnehmen.» Sein Buch «The Swiss Reformation» («Die Schweizer Reformation») von 2002 gilt als Standardwerk für den englischen Sprachraum. Es kann als Katalysator bezeichnet werden für eine übergreifendere Forschung in der Schweiz.

Walti: «unglaublich sorgfältig und differenziert»

Christian Walti, Pfarrer am Grossmünster, sagt, er sei beeindruckt von Gordons Zwingli-Biografie. Er gehe «unglaublich sorgfältig und differenziert vor» und zeichne ein menschliches Bild von Zwingli. «Bruce Gordon erinnert daran, dass der christliche Glaube Menschen und Menschlichkeit braucht, keine Glaubenshelden.» Der Historiker habe im Buch dargestellt, dass Zwingli weder Volksheld noch Buhmann gewesen sei.

Walti sagt: «Vielmehr ist der Reformator eine künstlerisch begabte, getriebene und emotionale Person, die wie viele Menschen jener Zeit keinen Unterschied zwischen der eigenen Überzeugung und der eigenen Meinung machen konnte.»

Er habe innert elf Jahren die Religion und das gesellschaftliche Leben Zürich «komplett umgebaut» und seine Überzeugungen mit Gewalt gegen Andersgläubige verteidigt. «Zwingli ist somit sowohl ein Vorbild für reformatorischen Mut als auch eine Mahnfigur für den Übermut und den Horror eines radikalen Glaubens.»

Keine «Figuren», sondern Menschen

Die Ambivalenz Zwinglis nutzt Geschichtsprofessor Gordon, um seinen Studentinnen und Studenten aufzuzeigen, dass sie es in den Quellen nicht mit historischen «Figuren» zu tun haben, sondern mit Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben. Sie seien vielschichtig gewesen und die Probleme, vor denen sie standen waren laut Gordon «genau so heikel wie heute».

Er selbst hat an jenem Tag keinerlei schwierige Fragen mehr zu klären. Er hat ein paar Treffen vereinbart mit Zürcher Freunden, die er noch aus der Studienzeit kennt. «Hier habe ich die besten und tiefsten Freundschaften geknüpft», sagt er.

So oft es geht, besucht er Zürich. Dann gehört jeweils ein Gang durch die Altstadt auf Zwinglis Spuren zum Programm und – wenn es das Wetter erlaubt – wie früher ein Bad im Zürichsee.

Gordon, Bruce: «Zwingli. Gottes bewaffneter Prophet», Schwabe Verlag, Basel/Berlin

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