500 Jahre Bauernkrieg
Ein kurzes Aufflackern der Freiheit
Im Sommer 1525 hatte der Maler Albrecht Dürer einen Traum: Er sah, wie gewaltige Wassermassen auf die Erde stürzten – die Sintflut. Für die Landbevölkerung im Südwesten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hatte die Apokalypse zu dieser Zeit bereits Gestalt angenommen. Im Kampf um mehr Rechte und Freiheiten waren Zehntausende Bauern brutal niedergemetzelt worden.
In einer bildgewaltigen Graphic Novel hat sich der italienische Zeichner Giulio Camagni der komplexen Vorgänge rund um den Bauernkrieg angenommen. Detailgetreu schildert «1525 – Der Aufstand», wie sich damals grosse Teile der Landbevölkerung – befeuert von den Ideen der Reformation – gegen die Obrigkeit erhoben. Ihr Zorn richtete sich gegen die ständig wachsenden Steuern und Abgaben an Kirche und Adel, gegen Leibeigenschaft und Frondienste.
Der Bauernkrieg war aber weit mehr als ein Aufstand gegen die wirtschaftliche Not. In den sogenannten «Zwölf Artikeln», niedergeschrieben im März 1525 in Memmingen, formulierten die Bauern grundlegende Freiheits- und Menschenrechte – lange vor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.
Als Freiheitsgeschichte gegen die Willkürherrschaft der Obrigkeit schildert auch Camagni die Aufstände. Seine Aquarellzeichnungen holen die Ereignisse von damals nahe heran. Der Aufruhr der Zeit spiegelt sich in der ausdrucksstarken Mimik der Protagonisten – etwa im harten Blick des Georg Truchsess von Waldburg-Zeil, der als Feldherr der Obrigkeit die Bauernrebellion mit unbarmherziger Brutalität niederschlägt.
Viel Raum gibt Camagni dem Einfluss der reformatorischen Ideen auf das Gedankengut der Bauern. Er schildert, warum Martin Luther die Bauernunruhen verdammte, obwohl sie wichtige Impulse von ihm empfingen, und wie die friedliche Reformation in Zürich zum Vorbild für die Aufständischen wurde.
Eine tragende Rolle spielt der St. Galler Reformator Christoph Schappeler, der einer der Wortführer in Memmingen war und die «Zwölf Artikel» mitverfasst haben soll. Anders als vielen anderen Rädelsführern, die hingerichtet wurden, gelang Schappeler nach der Niederschlagung des Aufstands die Flucht. Er konnte sich in seiner Heimatstadt St. Gallen in Sicherheit bringen.
Camagni ist selbst Historiker und hat die Geschichte des Bauernkriegs sorgfältig recherchiert. Für eine Graphic Novel enthält sein Buch ungewöhnlich viel Text und Hintergrundinformationen. Das macht die Lektüre teilweise anspruchsvoll, verhindert aber auch, dass die Geschichte zu eindimensional erzählt wird. Vielmehr zeigt das Buch, wie komplex und chaotisch die Ereignisse waren.
Der Bauernkrieg endete im Sommer 1525 in einer – wie der Autor schreibt – «totalen und vernichtenden Niederlage». Rund 100‘000 Aufständische waren in den Schlachten ums Leben gekommen. Zum 500. Jahrestag erinnert Canagni am Schluss seines Buches daran, wie schwer demokratische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmtheit errungen werden mussten. Und: «Vergessen wir nie, dass wir ihrer jederzeit beraubt werden können.»
Giulio Camagni: «1525 – Der Aufstand». Bahoe books, Wien 2024; 114 Seiten; 41.90 Franken.