500. Todestag
Bei ihm gingen die Reformatoren in die Hebräisch-Nachhilfe
In seinem Heimatort Dinhard bei Winterthur erinnert eine Gedenktafel an ihn, auch ist eine Rebzunft nach ihm benannt. Ansonsten ist Jakob Wiesendanger oder «Ceporinus», wie er sich in humanistischer Tradition auf Latein nannte, weitgehend der Vergessenheit anheimgefallen. Viel Zeit, sich einen bleibenden Namen zu machen, hatte er auch nicht: Mit gerade einmal 25 Jahren starb der Philologe am 20. Dezember 1525 in Zürich.
Zwingli führte seinen Tod auf massive Überarbeitung zurück. Ein Mann von «monströsem Fleiss» sei Wiesendanger gewesen, schrieb der Reformator in einem Nachruf auf den jungen Kollegen.
Begabt für alte Sprachen
Ohne viel Arbeit wäre Wiesendangers Karriere tatsächlich kaum denkbar gewesen. Geboren um 1500 als Sohn eines Zieglers, zeigte er früh eine Begabung für alte Sprachen. Er besuchte die Lateinschule in Winterthur, später ermöglichte ihm das väterliche Vermögen Studien in Köln und Wien. Bereits dort erwarb er sich den Ruf eines ausgezeichneten Griechischlehrers.
In diesen Jahren legte er sich auch den Gelehrtennamen «Jacobus Ceporinus» zu, angelehnt an das griechische «keporos» für «Garten- und Wiesenaufseher» oder eben «Wiesendanger». Beim berühmten Humanisten Johannes Reuchlin in Ingolstadt vertiefte er schliesslich seine Hebräischkenntnisse.
Zu dieser Zeit musste Huldrych Zwingli auf den jungen Gelehrten aufmerksam geworden sein. 1522 hatte das Wurstessen die Reformation in Zürich eingeläutet, drei Jahre darauf gründete Zwingli die «Prophezey», jene Arbeitsgemeinschaft, die der Auslegung und Übersetzung der Bibel diente.
Der Mann fürs Hebräisch
Aufgrund seiner hervorragenden Hebräischkenntnisse sei Wiesendanger für Zwingli von Interesse gewesen, sagt Christoph Riedweg. Der emeritierte Professor für Klassische Philologie an der Universität Zürich hat sich in einem Aufsatz mit Ceporinus befasst. «Für die Reformatoren war zentral, die Bibel in ihren Ursprachen zu verstehen – da kam ihnen Wiesendanger mit seiner Doppelkompetenz in Hebräisch und Griechisch besonders gelegen», sagt er.
Zurück zu den Quellen – «ad fontes» – lautete auch in Zürich die Devise. Beinahe täglich versammelten sich die Geistlichen um Zwingli im Chorgestühl des Grossmünsters, um die Bibel zu übersetzen und auszulegen. Zwingli hatte Wiesendanger, dessen Gelehrsamkeit er pries, in erster Linie als Mann fürs Hebräisch nach Zürich berufen. «Seine Aufgabe in der «Prophezey» war, die Bibelstellen auf Hebräisch vorzulesen und anschliessend auf Latein zu deuten», sagt Riedweg.
Um den biblischen Urtext in all seinen Nuancen zu erfassen, scheute man keine Mühe. «Beispielsweise zog man auch altgriechische Literatur heran – etwa den Lyriker Pindar, dessen Werke von Wiesendanger neu herausgegeben wurden – um die Wortbedeutungen in der Bibel zu erhellen. Das war philologische Textarbeit auf höchstem Niveau», sagt Riedweg.
Noch bis ins 18. Jahrhundert bekannt
Aus den Lektionen der «Prophezey» sollte 1531 die Zwingli- oder Froschauerbibel hervorgehen. Ceporinus war zu diesem Zeitpunkt bereits tot, nur wenige Monate hatte er den Reformatoren seine Kenntnisse zur Verfügung stellen können. Seinen frühen Tod nahm Zwingli zum Anlass, die Jugend zu ermahnen, besser auf ihre Gesundheit zu achten. «In seinem Nachruf erzählt Zwingli, er habe Ceporinus oft davor gewarnt, sich nach dem Essen in anspruchsvolle Lektüre zu vertiefen – vergeblich», sagt Riedweg.
Sein Nachfolger für Hebräisch in der «Prophezey» wurde der Erasmus-Freund Konrad Pellikan. Für Griechisch wurde der Luzerner Rudolf Collinus engagiert. Schüler behielten den Namen Jacobus Ceporinus noch eine Weile im Gedächtnis: Seine griechische Kurzgrammatik blieb bis ins 18. Jahrhundert ein gebräuchliches Lehrmittel. Und auch die Gemeinde Dinhard erinnerte sich im 19. Jahrhundert an den Zieglersohn und errichtete ihm am Glockenturm der reformierten Kirche eine Gedenktafel.