500 Jahre «Prophezey»
Zwinglis Multiplikator
Es wurde debattiert, um die Auslegung einzelner Bibelstellen gerungen und zuweilen auch heftig gestritten: Was heute nur noch im Theologischen Seminar stattfindet, spielte sich vor 500 Jahren in Zürich mitten in der Öffentlichkeit ab. Am 19. Juni 1525 gründete Huldrych Zwingli mit Mitstreitern wie Heinrich Bullinger und Leo Jud die «Prophezey». Die Arbeitsgemeinschaft traf sich fast täglich im Chor des Zürcher Grossmünsters, um die Heilige Schrift zu interpretieren und ins Deutsche zu übersetzen.
Das Ergebnis war nicht nur die erste vollständige Bibelübersetzung, die sogenannte Froschauer-Bibel. Die Diskussionsrunden in der «Prophezey» eröffneten auch eine neue Ära der Bildung und legte den Grundstein für die spätere Universität.
Von hier aus fanden die Ideen des Schweizer Reformators Verbreitung – nicht nur in Zürich und der Eidgenossenschaft, sondern in vielen europäischen Ländern. Möglich wurde dies durch den neu erfundenen Buchdruck, der den Austausch von Ideen und Informationen revolutionierte. In Zürich war es Christoph Froschauer, der die Schriften der «Prophezey» druckte und so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte.
Tausende Bibeln in ein paar Monaten
Die Druckereien legten damals schon ein beachtliches Tempo vor, erklärt Urs Leu, Buchhistoriker und Leiter der Abteilung Alte Drucke in der Zürcher Zentralbibliothek. «Froschauer konnte in ein paar Monaten rund 3000 Bibeln drucken, im Mittelalter brauchte ein Mönch für eine einzige Bibelabschrift rund ein Jahr».
Meist erschienen die Werke, zu denen neben Bibelübersetzungen und theologischen Schriften auch Lehrbücher gehörten, in Auflagen von bis zu 1500 Exemplaren. Nicht nur die berühmte Froschauer-Bibel von 1531, auch andere reformatorische Texte aus dem Umkreis der «Prophezey» wurden zu regelrechten Bestsellern. Damit trug die Reformation massgeblich zur Alphabetisierung der Bevölkerung bei, sagt Leu. «Von Zwingli stammt der bekannte Spruch, dass selbst Kuh- und Gänsehirten inzwischen gelehrter als die Theologen seien».
In Neapel gelesen
Der aus Bayern stammende Christoph Froschauer war mit Zwingli befreundet und sympathisierte mit den reformatorischen Ideen. 1522 tauchte er an der Seite Zwinglis beim legendären Wurstessen auf. In den folgenden Jahren wurde Froschauers Geschäft so etwas wie die Hausdruckerei der Zürcher Reformation. Es verfügte über mehrere Pressen, eine eigene Buchbinderei und hatte zeitweise bis zu 30 Angestellten. «Froschauer war überaus geschäftstüchtig, manche hielten ihn gar für geizig. Anderseits hat er seine Autoren immer fair entlöhnt», sagt Leu.
Gefürchtet war Froschauer bei den Autoren der «Prophezey» hingegen wegen seines Arbeitstempos. Eingereichte Manuskripte wurden in kürzester Zeit gesetzt und die Korrekturfahnen an den Autor zurückgeschickt. «Bullinger beklagte sich in mehreren Briefen darüber, wie sehr er im Stress war, weil Froschauer den nächsten Teil des Manuskripts verlangte», sagt Leu. Auch andere Autoren berichteten davon, dass sie sich von Froschauer unter Druck gesetzt fühlten.
Zum 500-Jahr-Jubiläum der «Prophezey» sind bis Oktober dieses Jahres zahlreiche Veranstaltungen geplant. Am 19. Juni findet in der Aula der Universität Zürich ein Festakt statt, bei dem unter anderem der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr und die reformierte Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub ein Grusswort sprechen. Eine Übersicht über alle Veranstaltungen gibt es hier.
Im TVZ-Verlag ist zudem der Sammelband «500 Jahre reformierte Theologie in Zürich» erschienen, in dem die Schulgeschichte und die Vermittlung akademischer Theologie aufgearbeitet werden. Ein eigenes Kapitel ist auch dem Thema Hohe Schule und Buchdruck gewidmet. (no)
Rund 1600 Titel umfasste das Druckvolumen im 16. Jahrhundert in Zürich, ein grosser Teil davon lief über Froschauers Pressen. Die Limmatstadt stieg damit zu einem Druckereizentrum mit europäischer Ausstrahlung auf. Über die grossen Buchmessen in Frankfurt oder Lyon wurden die Froschauerdrucke breit gestreut. «So kam es, dass Zwingli beispielsweise auch im katholischen Neapel gelesen wurde», sagt Leu.
Für weitere 500 Jahre gemacht
Als besonders einträglich erwiesen sich dabei die Aufträge aus dem Schulbetrieb und der «Prophezey». Die deutsche und die lateinische Schule sowie die Hohe Schule hatten einen grossen Bedarf an Lehrbüchern für den Unterricht. Die Hohe Schule wiederum liess viele dünne Dissertationen, die ab Ende des 16. Jahrhunderts gedruckt erschienen, bei den Zürcher Druckern publizieren. «Das war lukrativ und ermöglichte beispielsweise Froschauer, aufwendigere Werke wie die illustrierte Tiergeschichte von Konrad Gessner zu finanzieren», sagt Leu.
1564 starb Christoph Froschauer an der Pest. In den folgenden Jahren führte sein Neffe, Christoph Froschauer der Jüngere, die Druckerei an der Froschaugasse weiter – allerdings mit mässigem Erfolg. Das Unternehmen wechselte in der Folge mehrfach den Inhaber, bis es Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz der Zürcher Familien Orell und Füssli überging.
Froschauers Drucke sind heute über die ganze Welt verstreut, ein bedeutender Bestand befindet sich in der Zentralbibliothek. Viele dieser Werke zeichnen sich durch aussergewöhnliche künstlerische und handwerkliche Qualität aus, wie Leu betont. So entwickelte Froschauer eigene Schrifttypen und verwendete besonders hochwertiges Papier. «Diese Bücher werden problemlos noch weitere 500 Jahre überdauern», sagt Urs Leu.