Gesellschaft
«Zwangsheiraten finden auch in der Schweiz statt»
Christoph Hochuli sitzt für die EVP im Grossen Rat der Stadt Basel. Er stellte eine schriftliche Anfrage an den Regierungsrat, um unter anderem zu erfahren, wie viele Zwangsheiraten in der Stadt gemeldet wurden seit 2014.
Der Polizist hatte aus der Zeitung von dem Phänomen erfahren. Er schreibt in der Anfrage, dass sich in den Sommerferien jeweils bis zu 15 Betroffene pro Woche aus der ganzen Schweiz bei der Fachstelle Zwangsheirat.ch melden würden. Erfahrungsberichte auf der Website der Fachstelle schildern, wie Betroffene während den Ferien im Heimatland der Eltern ein Formular unterschreiben, das sie nicht verstehen – und das sich später als Heiratsurkunde herausstellt. Oder die Verwandten üben Druck aus, so dass es zu einer Zwangsheirat kommt.
Solche Eheschliessungen werden statistisch nicht erfasst. Die Fachstelle ist gleichzeitig Anlaufstelle für Betroffene, Sensibilisierungs- und Weiterbildungsorgan. Im Jahr 2024 hat sie 337 Fälle bearbeitet. Am meisten Zwangsheiraten wurden im Kanton Zürich gemeldet
(89), dahinter folgten die Kantone Basel-Stadt (36), St. Gallen (22) sowie Bern und Luzern (je 21).
Das dürfte allerdings nur die Spitze des Eisbergs sein. «Die Dunkelziffer ist hoch», sagt Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat, auf Anfrage von ref.ch. Denn: «Die Hindernisse der Betroffenen, sich gegen ihre Familien rechtlich zu wehren, sind hoch.» Meist hätten die Zwangsverheirateten Angst und fürchteten, ihre Situation könnte sich noch verschlechtern, wenn sie sich zur Wehr setzten, wie die Juristin erklärt.
Eine Folge davon ist, dass es kaum zu Anzeigen oder Strafverfahren kommt, obwohl Zwangsheiraten strafbar sind. «Sie werden mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe und einem Landesverweis von 15 Jahren geahndet», sagt Sivaganesan.
Auch Grossrat Christoph Hochuli vermutet: «Der grösste Teil wird wohl nie gemeldet oder angezeigt.» In der Stadt Basel wurden seit 2013 nur zwei Personen wegen Zwangsheirat verurteilt. Diesen Wert bezeichnet der Polizist als «sehr tief».
Von Zwangsheirat betroffen sind vorwiegend Frauen (86 Prozent) und vorwiegend Personen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind. Menschen, die Asyl beantragt haben oder durch einen Familiennachzug ins Land gekommen sind, stellen 40 Prozent der Betroffenen. Das geht aus Erhebungen der Fachstelle Zwangsheirat.ch hervor.
Die Betroffenen haben ihre Wurzeln meist in der Türkei, Nordmazedonien und Kosovo sowie in Sri Lanka. Eine deutliche Zunahme von Anfragen stellen die Expertinnen seit 2022 unter Afghaninnen fest. (dst)
Der Politiker sagt: «Um gesetzeswidrige Vermählungen – teilweise auch mit Minderjährigen – zu verhindern, braucht es eine gewisse Überwachung oder Kontrollen.» Juristin Sivaganesan hat Verständnis für die Forderung, setzt aber zuerst auf Sensibilisierung und Weiterbildung. Wenn dies nicht Früchte trage, sollten als ultima ratio Überwachungen, Kontrollen und auch strafrechtliche Massnahmen folgen.
Viele dieser Verbindungen werden im Ausland geschlossen, aber nicht nur: «Hier in der Schweiz finden ebenfalls Heiraten und Verlobungen unter Zwang statt», sagt Sivaganesan. Im Berner «Haus der Religionen» wurden sie auch vorgenommen, wie 2022 bekannt wurde. Auch Minderjährige würden durch informelle, religiöse Rituale vermählt. Vor dem Schweizer Gesetz gelten diese Verbindungen zwar als «Nicht-Ehen» ohne rechtliche Wirkung. «Für die betroffenen Personen und ihre Familien sind sie aber verbindlich», sagt die Expertin. Ab dem 1.1.25 wird auch die religiöse Zwangsheirat strafbar sein. Das begrüsst Sivaganesan.