Wirtschaft und Ethik

Wie Schweizer Kirchen ihre Millionen anlegen

Kirchen in Deutschland haben mit einem riskanten Immobilienfonds Millionen verloren. Eine Umfrage bei reformierten Landeskirchen in der Schweiz zeigt: Die angefragten Kirchen verfolgen vorsichtigere Anlagestrategien.
Ein Mann betrachtet die Börsenkurse die an einer LED-Wand an der Zürcher Börse angezeigt werden. (Bild: Michael Buholzer/ Keystone)

Mehrere kirchliche Institutionen in Deutschland haben Geld mit dem Immobilienfonds Verius verloren. Dieser hatte Geld für Immobilienprojekte gesammelt und ging Konkurs. Laut Medienberichten verloren Anleger hunderte Millionen Euro, vor allem Krankenkassen mussten sehr viel Geld abschreiben (ref.ch berichtete).

Sandro Bugmann, der im Finanzbereich arbeitet und in einem Podcast Anlagetipps gibt, wäre angesichts der versprochenen Rendite bei Verius schon skeptisch geworden, sagt er im Gespräch mit ref.ch. «Wenn jemand 15 Prozent pro Jahr in Aussicht stellt, gehen bei mir die Alarmglocken an.» Da gelte es die dahinterstehenden Risiken genau zu hinterfragen, so Bugmann, der im Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) sitzt.

Immobilienfonds wegen dieses einen Falls grundsätzlich zu verteufeln, hält er aber für die falsche Reaktion. «Man muss man sich die Frage stellen, wie man Investments auswählt und sie kontrolliert.» Eine breite Streuung könne die Folgen einzelner Ausfälle begrenzen, ersetze aber keine sorgfältige Prüfung.

Laut Medienberichten war das Verius-Geschäftsmodell sehr riskant, gleichzeitig geben Geschädigte an, über die Risiken getäuscht worden zu sein. Erste Verhandlungstermine vor Gericht sind für Ende Jahr vorgesehen.

Aber aktuell verliert Geld, das auf dem Konto bleibt, laufend an Wert, durch Gebühren, Negativzinsen oder Inflation. Deshalb seien gerade im Milizsystem klare Anlagegrundsätze und fachliche Unterstützung wichtig, sagt Bugmann.

Obligationen statt Aktien

Ref.ch hat mehrere reformierte Landeskirchen angefragt, wie sie ihr Geld anlegen. Die Antworten sind ziemlich einheitlich. Sichere und nachhaltige Investitionen werden hoher Rendite und Risiko vorgezogen.

Dass die Kirchen beim Anlegen eher vorsichtig vorgehen, bestätigt eine Studie der Universität Basel und des Vermögensverwalters Invethos aus dem Jahr 2024. Dafür wurden 75 Kirchen und kirchennahe Organisationen in der Deutschschweiz befragt, darunter auch katholische Institutionen und Pensionskassen.

Zusammen verwalteten sie ein Anlagevermögen von rund 5,5 Milliarden Franken. Die Kirchen hielten im Durchschnitt gut 20 Prozent ihrer Wertschriften in Aktien, rund 28 Prozent in flüssigen Mitteln und knapp 33 Prozent in Obligationen.

Besonders vorsichtig agiert die Reformierte Kirche Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso). Ihre Vermögensanlage sei auf «langfristigen Werterhalt mit geringem Risiko» ausgerichtet, sagt Sprecher Markus Dütschler zu ref.ch. Aktien seien grundsätzlich nicht vorgesehen. Das Geld werde vor allem kurzfristig und risikoarm angelegt.

Dass damit keine hohen Gewinne möglich sind, nimmt die Kirche bewusst in Kauf. Die Renditen seien tief und sollten in erster Linie die Auswirkungen der Inflation ausgleichen. «Die Sicherheit der Anlagen und der Schutz der uns anvertrauten Gelder der Steuerzahlerinnen und -zahler bleibt für unsere Landeskirche oberstes Gebot.»

Aargau begrenzt Risiken ausdrücklich

Ähnlich vorsichtig investiert die Reformierte Landeskirche Aargau. «Wir haben eine sehr zurückhaltende Policy, was Investitionen angeht», sagt Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg. Direktanlagen in Aktien seien nicht erlaubt. Investiert werde unter anderem in Festgelder, Obligationen und den ESG-Fonds der Aargauischen Kantonalbank. Das Kürzel steht für Umwelt (Environmental), Soziales und Unternehmensführung (Governance) und bewertet Staaten und Firmen nach diesen Kategorien.

Die Rendite habe sich «entlang, eher unterhalb» des Marktes bewegt, sagt Weber-Berg. Diese wegen des hohen Anteils an Festgeldern und Obligationen. Das Hoch an den Aktienmärkten im letzten Jahr habe sich nicht auf die Aargauer Anlagen ausgewirkt.

Die Anlagerichtlinien schreiben vor, dass das Geld zu marktüblichen Konditionen und risikoarm angelegt werden muss. Als Ziele nennt die Aargauer Landeskirche einen marktkonformen Ertrag, ausreichende Risikoverteilung, Liquidität und Sicherheit.

Über die Anlagen entscheidet ein Anlageausschuss im Auftrag des Kirchenrats. Er überprüft die Einhaltung der Richtlinien mindestens zweimal jährlich und berichtet dem Kirchenrat mindestens einmal im Jahr. Die Geschäftsprüfungskommission könne zudem jederzeit Einsicht in die Details nehmen, sagt Weber-Berg.

St. Gallen lässt mehr Aktien zu

Etwas mehr Spielraum hat sich die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen gegeben. Ihre seit 2020 geltenden Anlagerichtlinien erlauben einen Aktienanteil von bis zu 40 Prozent. Bei den Obligationen gibt es diesbezüglich keine Einschränkungen.

Auch hier ist das Ziel aber keine möglichst hohe Rendite. Laut Zentralkassier Herbert Weber betrug sie seit Umsetzung der neuen Richtlinien zwei Prozent bei den Aktien und 0,8 Prozent bei den Obligationen.

Die Wertschriftenbewirtschaftung gehöre nicht zum Kerngeschäft der Zentralkasse, hält der Kirchenrat fest. Investiert werden dürfe nur freie Liquidität. Die Finanzierung der kirchlichen Arbeit müsse auch auf lange Sicht gesichert bleiben. Um Schwankungen an den Märkten abzufedern, wurden Reserven für schlechte Jahre aufgebaut.

Hinzu kommen mehrere Sicherheitsvorgaben. Die Wertpapiere müssen börsenkotiert sein – das war bei Verius nicht der Fall – sie sind dadurch also strenger reguliert und transparenter. Mehrere externe Vermögensverwalter kümmern sich um die Investitionen. Zweimal jährlich kontrolliert der Kirchenrat die Einhaltung der Anlagekriterien und die Rendite.

Die Zürcher Landeskirche verteilt ihre Wertschriftenanlagen auf vier Vermögensverwalter. Grundlage ist ein 2019 verabschiedetes Anlagereglement, das Bandbreiten für die einzelnen Anlagen sowie das Verhältnis zwischen Rendite und Risiko vorgibt.

«Die Anlagen müssen ausgewogen sein, grosse Einzelpositionen gibt es nicht», sagt Finanzchef Dieter Zaugg. Über Kauf und Verkauf entscheiden die beauftragten Vermögensverwalter. Zusätzlich kontrolliert eine externe Partnerin, ob sich die Vermögensverwalter an das Reglement halten. «Die Renditen haben sich unterschiedlich entwickelt, gesamthaft gesehen bewegen sie sich aber am Markt», sagt Zaugg.

Nachhaltigkeit ist zentral

Alle angefragten Kirchen verbinden ihre finanzielle Strategie mit ethischen oder nachhaltigen Vorgaben.

Beim nachhaltigen Investieren nehmen kirchliche Institutionen eine besondere Stellung ein. Laut der Basler Studie berücksichtigten 86 Prozent der 43 befragten Organisationen mit Wertschriften Nachhaltigkeitskriterien. Gemessen am investierten Vermögen waren es sogar 97 Prozent. Damit lagen die kirchlichen Anleger deutlich über dem damaligen Durchschnitt des Schweizer Finanzmarkts.

Klassischerweise wird in die bereits erwähnten ESG-Fonds investiert. Bugmann weist dabei aber auf eine Problematik hin: «Die Bezeichnung ESG allein sagt noch nicht, welche Anlagen ausgeschlossen sind. Entscheidend sind die konkreten Kriterien.» Normalerweise biete die Bank ein Paket mit entsprechenden Firmen oder Staaten an. Beim ESG-Rating werde teilweise ein «Best-in-Class»-Ansatz verfolgt, der den nachhaltigsten Titel eines Sektors auswählt. «Im Ölsektor können damit auch Firmen wie Shell oder im Bausektor beispielsweise Holcim in diesen ESG-Fonds landen.» Dieses Risiko von Greenwashing müsse man im Hinterkopf haben.

Dem kann man mit sogenannten Ausschlusskriterien entgegenhalten. Besonders detailliert sind diese in St. Gallen und Aargau. In der Ostschweiz sind Unternehmen aus den Bereichen Rüstung, Kernenergie, Kohle, Glücksspiel und Pornografie ausgeschlossen. Zusätzlich sollen Unternehmen bevorzugt werden, die soziale oder ökologische Ziele besonders gut erfüllen.

Die Aargauer Landeskirche will nicht in Unternehmen investieren, die systematisch Menschenrechte verletzen, sogenannt kontroverse Waffen produzieren oder stark mit fossilen Energieträgern verbunden sind.

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