Glaube und Wirtschaft

«Wer nicht arbeitete, war für Luther ein Räuber»

Wie hängen Arbeit und christlicher Glaube zusammen? Sind Protestanten wirklich fleissiger? Der Arbeitsethiker Lucas Zapf kennt die Antworten.
Arbeit ist mehr als Geldverdienen. Sie kann sinnstiftend sein, indem man seinen Beitrag zur Gesellschaft leistet. (Bild: Christian Beutler/ Keystone)

Herr Zapf, Schweizerinnen und Schweizer gelten als arbeitssam, pflichtbewusst, pünktlich und wenig fähig, sich einmal locker zu machen und zu faulenzen – vor allem die Reformierten. Sind Luther und Zwingli Schuld daran mit ihrer Auffassung von Arbeit als gottgewollte Pflicht?
Aufgrund dieses Vorurteils könnte man das vermuten. Die Reformatoren meinten ja, die Arbeit zeichne den guten Christen aus, vor dem Genuss müsse man sich in Acht nehmen, weil er träge mache, und wer nichts zur Gemeinschaft beitrage, solle verjagt werden. Als zusätzlicher Kontrast zum Katholizismus wird ein weiteres Vorurteil bemüht: Durch die Beichte verliere man den inneren Ballast und sei frei fürs Feiern.

Aber?
Man muss unterscheiden. Was ich eben gesagt habe, gehört zur populistischen Deutung. Zwingli scheint diese Deutung zu bestätigen, wenn er beispielsweise schreibt, das Bürgerrecht solle nur für jene gelten, die ein Handwerk beherrschen. Dasselbe gilt für Calvins Prädestinationslehre. Mit ihr könnte man verstehen, dass von Gott bereits auserwählt ist, wer anständig Geld verdient und den sogenannten Verdorbenen oder Faulen ohnehin die Verdammnis blüht.

Damit ist man auf dem Holzweg?
Das sind zugespitzte Aussagen der Reformatoren, gewissermassen Teaser zu grösseren Themen. Die eigentliche theologische Bedeutung wird damit nur angedeutet. Wenn man einen Schritt zurückgeht, tönt es plötzlich viel weniger wirtschaftsfreundlich. Zwar setzt Luther den Tagedieb und müssigen Menschen, der mit seiner Untätigkeit anderen zur Last fällt, mit dem Räuber gleich. Das heisst aber noch lange nicht, dass man bis zum Umfallen arbeiten soll. Vielmehr geht es darum, wie man ein gottgefälliger Christ sein kann – und dazu ist die Arbeit eben ein Mittel.

Was meint Luther dann?
Arbeit hat für ihn nichts mit Geld oder Gier zu tun. Vielmehr ermöglicht sie den Menschen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und für das Gemeinwohl tätig zu sein. Die anderen Reformatoren teilen diese Ansicht. Bemerkenswert ist überdies, dass sie nicht nach unten treten, sondern nach oben zeigen. Auf eine wunderbar respektlose Art: Wenn sie die Faulen und Trägen kritisieren, zeigen sie nicht auf Handwerker und Bauern. Sondern auf Kleriker und Adlige, die es sich bequem eingerichtet haben und aus reformatorischer Sicht das Problem sind.

Heute stehen allerdings Arbeitnehmende in der Kritik der Politik – etwa, wenn sie Teilzeit arbeiten.
Ja, das ist eine interessante Umkehr. Stichwort «Lifestyle-Teilzeit». In Deutschland ist das gerade zu beobachten. Bundeskanzler Friedrich Merz macht ja den allgemeinen Vorwurf, es werde zu wenig gearbeitet. Eigentlich bemüht er bloss ökonomische Gründe. Es geht um das Wirtschaftswachstum. Aber die Befürworter seiner Kritik argumentieren oft emotionaler. Menschen, die Teilzeit arbeiten, seien mitschuldig an Wohlstandsverlusten. Das erinnert schon stark an die zugespitzten reformatorischen Aussagen: Wer arbeitet, trägt seinen Teil zum Gemeinwohl bei. Und wer das nicht tut, ist eben wie bei Luther ein «Räuber». Das Muster bleibt, die Richtung dreht sich: Die Reformatoren zeigten nach oben, heute zeigt man nach unten.

Zur Person

Der Arbeitsethiker und Autor Lucas Zapf beschäftigt sich mit der Rolle des Glaubens in der Wirtschaft. Darüber hat er diverse Bücher verfasst und er hält regelmässig Vorträge. An der Fachhochschule Nordwestschweiz arbeitet er als Dozent für Geistes- und Sozialwissenschaften. (dst)

Läuft die religiöse Aufladung von Arbeit nicht Gefahr, instrumentalisiert zu werden?
Nicht als bewusste Manipulation einzelner Akteure – eher strukturell. Wir bewegen uns ja im Bereich einer Spurensuche. Ich denke, die Spur führt eine Stufe höher. Bestimmte protestantische Residuen finden sich in unserem Wirtschaftssystem wieder. Der Kapitalismus ist ja zunächst ein organisatorisches Konzept ohne ethische oder emotionale Dimension: Der Markt regelt. Deswegen ist der Kapitalismus darauf angewiesen, Werte von aussen aufzunehmen, die ihm eine höhere Weihe verleihen. Sonst bleibt er zu abstrakt.

Manche bezeichnen den Kapitalismus als Religion. Können Sie den Gedanken weiter ausführen?
Ich sage es überspitzt: Wir sind total in die Marktwirtschaft eingetaucht. Es gehört zur täglichen Routine, die Entwicklung unserer ETFs zu checken. Oder auf einer Dating-App den eigenen Marktwert zu prüfen. Wir haben den Glauben daran, dass der Markt alles richtet. Woher kommt diese Verbindlichkeit? Da muss etwas dahinterstecken, das mehr Resonanz erzeugt als die kalten Zahlen und die nüchterne Logik der kapitalistischen Welt.

Können Sie das an einem Beispiel deutlicher machen?
Man hat einen Job, den man vielleicht nicht so gut findet. Trotzdem verbringt man damit zwei Drittel seiner wachen Zeit. Um morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, braucht man etwas, das einen motiviert. Das Gehalt am Monatsende ist natürlich zentral. Aber man tut es auch, um seinen Beitrag zu leisten, um eine Tagesstruktur zu haben und soziale Kontakte zu den Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz zu pflegen. Das verleiht dem Arbeiten Sinn. Und es sind Punkte, die man schon bei Luther findet. Der Kapitalismus vermittelt den Glauben, mit der eigenen Arbeit etwas Gutes zu bewirken.

Die Bereitschaft zu glauben ist ohnehin wichtig für die Wirtschaft, oder?
Alles, was ich nicht weiss, muss ich glauben. Und wir wissen ja oft zu wenig, gerade in der Wirtschaft. Das gilt nicht nur für das Arbeiten. Nehmen Sie den Kauf eines Gebrauchtwagens. Der Verkäufer rühmt dessen guten Zustand, aber ich kann die Aussagen nicht überprüfen und muss ihm Glauben schenken, wenn ich das Fahrzeug kaufen möchte. Je abstrakter es wird, desto wichtiger ist der Glaube.

Gilt das auch fürs Geld?
Sicher. Damit wir an den Wert von Münzen und Scheinen glauben, gibt es darauf sogar Zeichen, die uns dabei helfen sollen. Auf den Banknoten finden wir beispielsweise die Unterschriften der Nationalbank. Auf dem Fünfliber steht auf Latein «Gott wird für uns sorgen». Das schafft Vertrauen und erleichtert das Glauben.

Sie sind der Frage nachgegangen, ob die reformatorischen Werte zur Wirtschaft eine «Ressource für heute» sind. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Dass sie es in einer gewissen Weise sind, aber mit Einschränkungen. Die Gesellschaft ist heute so säkularisiert, dass es komisch wäre, zu seinem Arbeitgeber zu sagen: «Ich bin religiös und möchte das in meine Arbeit einbringen.» Die zitierte protestantische Ressource sehe ich an einem anderen Ort, nämlich dem Training der inneren Haltung.

Was verstehen Sie darunter?
Der Glaube gibt dem Einzelnen die Möglichkeit, sich für andere Ideen zu öffnen. Die ganze Woche über funktioniert man in der inneren Logik seiner Arbeit, seines Betriebes, der Ökonomie. Aber im sonntäglichen Gottesdienst, wo sich der Glaube manifestiert, entsteht plötzlich Raum für eine andere Logik. Gedanken über die Bedürfnisse von Schwächeren oder die eigenen Unzulänglichkeiten. Man trifft auch ganz andere Leute. Man nimmt einen anderen Blickwinkel ein. Wenn ich diesen Perspektivenwechsel oft genug übe, kann ich ihn auch im Arbeitsumfeld vollziehen. Und plötzlich eine andere Logik zulassen, wo sonst nur eine gilt.

Lucas Zapf spricht am Samstag, 26. September, an einer Kurztagung von «Eglise à venir» zum Thema Wirtschaft und Verantwortung, am Hirschengraben 50 in Zürich, 11-15.30 Uhr.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema