Armut

«Die Schweiz tut zu wenig für Working Poor»

Die Krankenkassenprämien steigen, die Löhne nicht. Das verschärft die Situation von Working Poor in der Schweiz. Erwerbsarmut sei ein chronisch unterschätztes Problem, sagt Aline Masé von Caritas im Interview. Immer mehr Menschen würden nicht mehr über die Runden kommen.
In Caritas-Märkten können Menschen mit knappem Budget Produkte des täglichen Bedarfs zu reduzierten Preisen kaufen. (Bild: Stefan Bohrer / Keystone)
Zur Person

Aline Masé ist seit Januar 2026 Leiterin Grundlagen und Politik und Mitglied der Geschäftsleitung bei Caritas Schweiz. Davor leitete die promovierte Historikerin die Fachstelle Sozialpolitik der Organisation. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sie sich bei verschiedenen Organisationen im Bereich Bildung und Sozialpolitik. (eba)

Warum macht Caritas zu seinem 125-Jahr-Jubiläum ausgerechnet auf die Probleme von Working Poor aufmerksam?
Die Mehrheit der Menschen, die zu Caritas in die Beratung kommen, sind Working Poor. Schweizweit verdienen fast 360'000 Menschen nicht genug, um über die Runden zu kommen. Zählt man alle Personen dazu, die im selben Haushalt leben und von diesen Einkommen abhängig sind, sind es sogar über 820'000 Menschen. Das Problem wird in der Schweiz chronisch unterschätzt. Vom Staat erhalten Working Poor kaum Unterstützung. Unsere Armutspolitik ist nicht auf diese Gruppe zugeschnitten. Die Schweiz tut zu wenig für Working Poor.

Warum vergessen wir, dass auch Erwerbstätige arm sein können?
Möglicherweise, weil diese Menschen nicht auf dem Radar der Behörden auftauchen. Viele von ihnen beziehen keine staatlichen Leistungen. Wer nichts verlangt, den sieht man nicht. Eine zweite Erklärung ist das verbreitete Gefühl, dass Erwerbstätige nicht armutsbetroffen sein können. Doch Armut hat eben verschiedene Formen.

Vielleicht denken die Leute auch: «Immerhin haben sie Arbeit. Anderen geht es noch schlechter.»
Ja, das ist möglich. Die meisten Menschen sind tatsächlich lieber Working Poor als abhängig von der Sozialhilfe. Es ist ihnen wichtig, ihre Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung zu bewahren, auch wenn ihr Budget stets sehr knapp ist. Denn es ist nicht so einfach, wieder aus der Sozialhilfe rauszukommen. Bis man Anspruch hat, muss das eigene Vermögen auf rund maximal 6000 Franken aufgebraucht werden. Man hat also keine Reserven mehr. Und Sozialhilfe muss in vielen Kantonen zurückbezahlt werden. Das führt oft dazu, dass die Leute lange noch in der Prekarität gefangen bleiben, nachdem sie sich von der Sozialhilfe abgelöst haben. Es ist deshalb wichtig, Working Poor zu unterstützen, bevor sie in eine prekäre Situation kommen. Es braucht oft gar nicht so viel.

Wie kann diese Unterstützung aussehen?
Wir müssen Hürden abbauen, welche Menschen daran hindern, ein genügend hohes Einkommen zu erwirtschaften. Es braucht eine faire Entlöhnung, also einen gesetzlichen Mindestlohn, wie es ihn in manchen Kantonen bereits gibt. Dieser alleine genügt aber noch nicht. Es gibt zum Beispiel alleinerziehende Frauen, die in der Pflege zwar einen ordentlichen Lohn haben, aber wegen eines tiefen Pensums trotzdem nicht genügend Geld verdienen. Oder Personen, die auf Abruf arbeiten und je nach Monat nur wenige Stunden Einsatz erhalten.

Woran denken Sie?
Es braucht unterschiedliche Instrumente, weil ja auch die Betroffenen unterschiedliche Hintergründe haben. Fangen wir bei den Familien an. Das ist eine wichtige Gruppe, denn in rund der Hälfte der Haushalte von Working Poor leben Kinder. Hier könnten Familienergänzungsleistungen helfen, wie wir sie schon von der AHV und IV her kennen. Fünf Kantone haben solche eingeführt, in einem weiteren ist die Einführung geplant. Es braucht aber auch Kita-Plätze, die bezahlbar und den Bedürfnissen der Betroffenen angepasst sind – etwa für Eltern, die Schicht arbeiten oder unregelmässige Arbeitszeiten haben. Viele Familien brauchen vor allem in den Jahren Unterstützung, wenn die Kinder sehr klein sind und die Betreuung intensiv.

125 Jahre Caritas

Caritas Schweiz entstand am 23. September 1901 im Nidwaldner Dorf Beckenried. Auf Initiative des Kapuzinerpaters Rufin Steimer wurde nach deutschem Vorbild ein Verband zur «planmässigen Förderung der christlichen Nächstenliebe» gegründet. Dies in einer Zeit, in der staatliche Strukturen zur sozialen Absicherung kaum existierten. In der Folge waren es Frauen wie Dora Stockmann, die den Erfolg der ersten Initiativen der neu gegründeten Caritas verantworteten. Stockmann baute als erste kantonale Fürsorgerin in allen Gemeinden Obwaldens Anlaufstellen für Menschen in finanzieller Not auf und initiierte weitere Beratungsstellen.

Ab Mitte der 1930er-Jahre und Hitlers Machtergreifung setzte sich Caritas für Flüchtlinge ein – wenn zunächst auch nur für katholische. In den 1990er-Jahren entwickelte sich Caritas Schweiz zur politisch engagierten NGO. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Caritas-Märkte und der Kulturlegi.

Heute zählt Caritas Schweiz rund 1500 Mitarbeitende und unterstützt nach eigenen Angaben rund 500’000 Menschen weltweit.

Im Inland unterstützt Caritas Schweiz gemeinsam mit den 16 unabhängigen regionalen Caritas-Organisationen Menschen in prekären Lebensverhältnissen. Zusammen verfügen sie über 350 Angebote, etwa Schuldenberatung, Caritas-Märkte oder Kurse für digitale Kompetenzen. Im Ausland ist Caritas Schweiz in rund zwanzig Ländern tätig und setzt Projekte in den Bereichen Armut, Migration, Katastrophenhilfe und Klima um. (eba)

Kürzlich wurde bekannt, dass die Krankenkassenprämien im kommenden Jahr um weitere fünf Prozent steigen. Die steigenden Lebenshaltungskosten dürften das Problem der Working Poor verschärfen.
Auf jeden Fall. Die Prämien sind bei Caritas in fast jeder Beratung ein Thema, genauso wie die Wohnungsmieten. Das sind die beiden grössten Budgetposten. Natürlich erhalten Working Poor oft Prämienverbilligung, doch die Belastung durch die Prämien ist in vielen Kantonen immer noch zu gross. Die Ausgaben steigen, während viele Löhne, gerade in Tieflohnbranchen wie Gastgewerbe, Reinigung oder Detailhandel, in letzter Zeit stagnieren.

Was könnte man dagegen tun?
Grundsätzlich sollten Arbeitgebende schauen, dass sie existenzsichernde Arbeitsmodelle anbieten. Bei Arbeit auf Abruf wäre wichtig, dass im Arbeitsvertrag ein monatliches Mindestpensum festgelegt wird, damit Planbarkeit möglich ist.

Was tun Sie bei Caritas gegen Erwerbsarmut?
Wir bieten Sozial- und Schuldenberatungen an. Das Budget von Betroffenen zu optimieren ist oft schwierig, denn diese Menschen haben häufig schon alles versucht. Wir prüfen auch, ob Anspruch auf staatliche Leistungen besteht und unterstützen in manchen Fällen finanziell. Ausserdem machen wir auf unsere Angebote wie die Caritas-Märkte oder die Kultur-Legi, aber auch auf die Angebote von anderen Organisationen, aufmerksam.

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