Einfrieren von US-Hilfsgeldern
«Die Auswirkungen sind dramatisch»
Herr Kerschbaum, das Heks muss in Äthiopien, im Kongo und in der Ukraine rund hundert Stellen abbauen. Wie ist es dazu gekommen?
Uns fehlen 7,5 Millionen Franken, das sind sechs Prozent unseres Budgets. Das Geld hätten wir von der amerikanischen Entwicklungsbehörde US-Aid erhalten sollen. 100 Menschen arbeiteten in diesen Projekten. Wie viele wir entlassen müssen, ist unklar. Wir versuchen, wo immer möglich Mitarbeitende bei anderen Projekten einzusetzen. Aber um alle weiter zu beschäftigen, fehlen uns die Mittel.
Wofür haben diese Angestellten gearbeitet?
Die Gelder waren überwiegend mit lebensrettenden Hilfsmassnahmen verbunden. Wir haben in entlegenen, sehr schwer zugänglichen Gebieten, die von Krisen und Konflikten belastet sind, Nothilfe geleistet. Unsere Mitarbeitenden haben Lebensmittel oder Hygienekits verteilt oder den Zugang zu sauberem Trinkwasser hergestellt. Es geht auch um die Wiederherstellung von Lebensgrundlagen – etwa durch Unterstützung in der Landwirtschaft – oder die Instandstellung von Infrastruktur, zum Beispiel durch Strassenbau.
Was bedeutet der Projektstopp für die Menschen, die dort leben?
In der Ukraine haben wir überwiegend in der Nähe von umkämpften Gebieten gearbeitet. Die Menschen sind über den Winter mit Heizmaterial versorgt worden, ihre Häuser wurden notdürftig repariert. Im Kongo bauten wir im Auftrag von US-Aid an einer Brücke in ein Gebiet, in dem mehr als 40'000 Menschen leben. Wir beantragen nun Mittel bei der EU oder der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, um sie fertig zu stellen. Es gibt dort keine anderen Hilfsorganisationen.
Hat Heks Reserven, um zu überbrücken, bis andere Organisationen Hilfe leisten können?
Mit Geldgebern wie der US-Aid oder europäischen Institutionen haben wir langjährige Vertragsbeziehungen. Es geht um Millionenbeträge. Wir können diese Projekte nicht auf eigene Rechnung fortführen. Hinzu kommt: Unsere finanziellen Reserven sind grösstenteils zweckgebunden.
Bernhard Kerschbaum arbeitet seit elf Jahren beim Heks, seit sieben Jahren leitet er den Bereich der globalen Zusammenarbeit. Der 52-Jährige ist Ökonom und hat für die Entwicklungsbank sowie eine Flüchtlings- und Nothilfeorganisation gearbeitet. Von 2006 an lebte er mit seiner Familie für einige Jahre in Afghanistan und Sri Lanka. Weltweit arbeiten für das Heks rund 800 Menschen in 30 Ländern, dazu kommen weitere Angestellte in Partnerorganisationen. (jow)
Bild: Esther Unterfinger
Wie soll das dann finanziert werden?
Wir erhöhen unsere Bemühungen im Fundraising und versuchen mit aller Kraft, die Finanzierungslücken zu schliessen. Wir hoffen, dass die reformierten Kantonalkirchen und Kirchgemeinden in die Bresche springen, damit die überlebensnotwendige Hilfe weitergeführt werden kann. Im Kongo sind aktuell über sechs Millionen Menschen auf der Flucht. Sie leben in Lagern unter prekären Bedingungen. Mein Dank geht an unsere Spendenden, verbunden mit dem Aufruf, uns besonders jetzt zu unterstützen. Wir haben Menschen Hilfe zugesichert. Sie nicht zu enttäuschen, ist unser Hauptanliegen.
Angenommen, die Trump-Regierung kürzt die Entwicklungsgelder weiter. Wären weitere Heks-Projekte gefährdet?
Wir hatten mit US-Aid nur drei Verträge, nämlich für Äthiopien, den Kongo und die Ukraine. Die Amerikaner sind aber weltweit der mit Abstand grösste Geldgeber für humanitäre Hilfe. Frieren sie ihre Gelder ein, ist das eine Gefahr für das gesamte humanitäre Hilfssystem. Millionen Menschen, die auf der Flucht sind in den grossen Krisenherden, sind davon betroffen. Auch die UN-Organisationen, zum Beispiel Unicef oder das UNHCR, sind davon abhängig. Mit ihnen haben wir ebenfalls Verträge. Es ist damit zu rechnen, dass sie die Einsparungen nach unten weitergeben müssen. Besonders die lokalen Hilfswerke vor Ort haben kaum finanzielle Polster. Sie sind durch die Kürzungen in ihrer Existenz bedroht.
Wie fragil macht das die Entwicklungszusammenarbeit weltweit?
Fallen die amerikanischen Gelder weg, hat dies dramatische Auswirkungen. Allgemein ist die internationale Zusammenarbeit sehr stark unter Druck. Auch in der Schweiz hat das Parlament Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit gekürzt und dafür das Armeebudget aufgestockt. Ich sehe die Schweiz in der Pflicht, die humanitäre Verantwortung für die Menschen in Not zu übernehmen. Als reiches Land können wir uns das leisten.
Sie haben für Hilfsorganisationen im Ausland gearbeitet und unter anderem in Afghanistan gelebt. Was bedeutet Ihnen persönlich die Streichung der Gelder?
Ich habe es verschiedentlich erlebt, dass wir Projekte einstellen mussten, weil Menschen geografisch nicht mehr erreicht werden konnten oder weil die Gelder ausgingen. Das war schlimm. Jetzt stehen wir aber an einem Scheideweg. Das ist eine ganz andere Dimension, die nicht nur mir grösste Sorgen bereitet. Weltweit sind so viele Menschen wie nie zuvor auf der Flucht und es gibt unzählige bewaffnete Konflikte. In solch einer Lage die humanitäre Hilfe zurückzufahren, ist unverantwortlich. Das geht mir unter die Haut.
Wie gelingt es Ihnen, Ihrer Arbeit dennoch optimistisch nachzugehen?
Ich habe Menschen gesehen, deren Rechte mit Füssen getreten wurden und die unter schwierigsten Umständen resilient blieben. Ich stehe in deren Schuld und fühle mich ihnen gegenüber verpflichtet. Für sie setze ich mich ein.