Flucht

«Wir müssen aufhören, alle Migrationsgeschichten über einen Kamm zu scheren»

Die Zürcher Pfarrerin Tania Oldenhage fragt in ihrem neuen Buch, was die Bibel zur Migrationsdebatte beitragen kann und wie man über Flucht spricht, ohne Schicksale zu banalisieren.
Jede Flüchtlingsgeschichte ist anders: Eine Aufnahme von Flüchtlingen am Grenzbahnhof Buchs. (Bild: Gian Ehrenzeller/ Keystone)

Tania Oldenhage, Sie haben ein Buch über Migration und Theologie geschrieben. Wie kam es dazu?
2015, zur Zeit des Krieges in Syrien, bin ich in die kirchliche Arbeit mit Geflüchteten eingestiegen. Damals geschah das an vielen Orten. Kirchen wollten einen Beitrag zur Willkommenskultur leisten. In meiner damaligen Kirchgemeinde Fluntern haben wir einen der grossen, kostenlosen Deutschkurse des Vereins Solinetz Zürich aufgebaut. Den gibt es bis heute. In dieser Arbeit hat die Bibel nie eine grosse Rolle gespielt. Aber als ich 2017 zusammen mit Geflüchteten aus Eritrea einen Gottesdienst für den Flüchtlingstag vorbereitet habe, kam die Frage auf: Welcher Bibeltext ist angemessen? Ist die Bibel überhaupt angemessen?

Eine wichtige Rolle im Buch nimmt die jüdische Schriftstellerin Else Lasker-Schüler ein, wieso?
Das ist auf die bewegende Geschichte der Kirche Fluntern zurückzuführen. In den 30er-Jahren gehörte das Gebäude der Stadt Zürich und wurde als Tanzstudio genutzt. Das ermöglichte es einem Verlegerpaar, deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach Zürich einzuladen, die vor dem faschistischen Regime aus Deutschland oder Österreich geflüchtet waren. Eine davon war Else Lasker-Schüler. Sie zeichnet sich aus durch eine sehr kreative, unkonventionelle Art, mit Bibeltexten umzugehen.

Warum wird das Buch jetzt, über acht Jahre nach diesem Gottesdienst, veröffentlicht?
Das Buch ist eine Nachbetrachtung, die während der Corona-Pandemie entstand. Nach dem Gottesdienst stellten sich mir weitere Fragen. Diese habe ich aufgearbeitet.

Was können die Leserinnen und Leser erwarten?
Es gibt grundsätzlich genügend Ressourcen, um Predigten mithilfe von biblischen Texten zu erstellen. Aber ich habe den Eindruck, dass viele Pfarrpersonen mit mir ein Unbehagen teilen. Biblische Texte sind sehr komplex und haben zum Teil eine schwierige Wirkungsgeschichte. Sie sind nicht einfach «Beweisstücke», die man zitieren und sagen kann: Und deswegen müssen wir uns für Geflüchtete engagieren. Wer sich dafür interessiert, was die Theologie zum Thema Migration zu sagen hat, so hoffe ich, findet in diesem Buch Inspiration und neue Erkenntnisse – auch aus der aktuellen bibelwissenschaftlichen Forschung.

Zur Person

Tania Oldenhage, 1969 geboren, ist Pfarrerin an der Johanneskirche in Zürich und Privatdozentin an der theologischen Fakultät der Universität Basel. Von 1992 bis 2003 studierte und unterrichtete sie als Bibelwissenschaftlerin in den USA. Danach arbeitete sie fast zwanzig Jahre als Redaktorin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA. Seit 2019 ist sie SRF-Radiopredigerin. (gab)

Das Thema Migration hat eine hohe Aktualität, in den USA werden Personen massenweise abgeschoben.
Ja und gerade dort gibt es viele Bibelforschende, die sich mit der Frage beschäftigen, wie biblische Texte unsere Sicht auf Migration entweder problematisieren oder uns helfen können, die Herausforderungen der Gegenwart mit neuen Augen zu sehen. Dabei geht es nicht darum, Parallelen zwischen dem Vergangenen und dem Heute zu ziehen. Es ist komplizierter. Aber die Bibel hilft uns, so meine ich, unsere Realität ein bisschen genauer wahrzunehmen. Nicht weil sie uns sagt, was wir über das grosse Thema Flucht denken sollen, sondern weil sie selber komplex ist. Da gibt es wunderbare neuere Zugänge.

In Ihrem Buch kommen beispielsweise die «Little Stories» des Bibelwissenschaftlers Jean-Pierre Ruiz vor. Was ist damit genau gemeint?
Wir Theologinnen und Theologen sind immer sehr schnell dabei, das grosse Bild zu zeichnen. Und da gibt es auch den Versuch, die eine Migrationstheologie zu entwerfen. Die Metapher der «Little Stories» sagt: Hört auf damit. Wir können nicht über jede Migrationsgeschichte sprechen, als passe sie ins selbe Muster. Damit banalisiert man die einzelnen Schicksale. Jede Flucht ist eine «Little Story» und wir müssen uns darauf einlassen. Es macht einen Unterschied, ob ich im Jahr 2017 mit geflüchteten Eritreern zusammenarbeite oder einige Jahre später mit jungen Männern aus Afghanistan. Wir müssen aufhören, alle Migrationsgeschichten über einen Kamm zu scheren. Wie ich die Bibel ins Spiel bringe, hängt von den spezifischen Umständen, Erfahrungen und Zeugnissen der Geflüchteten ab. Es lohnt sich, die «Little Stories» ganz genau anzuschauen. Auch die Bibeltexte sind solche.

Im Buch wird auch hinterfragt, welche Bilder unsere Sicht auf den «Orient» geprägt haben.
Ja, wieso trägt Jesus selten bunte Kleider und nie einen Turban auf den Bildern, aber die Männer um ihn herum schon? Der Kolonialismus und der Orientalismus sind Themen im öffentlichen Diskurs. Wenn die Kirche sich da raushält, schafft sie auch ihre Relevanz ab.

Das geht in eine Ausdifferenzierung hinein. Wie kann man trotzdem eine starke Botschaft platzieren?
Ich denke, dass es eine wichtige Aufgabe der Theologie ist, Schuldverstrickungen anzusprechen und zu verarbeiten. Dies führt auch zu neuen Erkenntnissen. Das Schöne an der Arbeit mit den eritreischen Deutschschülern war, dass ich zum Beispiel mit der reichhaltigen biblischen Tradition aus dem Gebiet des heutigen Äthiopien und Eritrea in Kontakt kam. Orte, wo die Kirche eine sehr reiche Geschichte hat.

Engagieren Sie sich in Ihrer aktuellen Gemeinde, der Johanneskirche, weiterhin in der Flüchtlingsarbeit?
Ja, wir arbeiten mit der Organisation «Welcome to School» zusammen. Dies ist eine Schule für junge geflüchtete Menschen, die nicht mehr schulpflichtig sind. Meine Kirche co-leitet jede Woche ein Modul dieser Schule. Viele Freiwillige machen da mit, ich leite auch eine Gruppe. Wir spielen, reden und wenden uns diesen jungen geflüchteten Leuten zu. Und wir lernen sicherlich genauso viel von ihnen wie sie von uns.

Die Buchvernissage «Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag» findet am Mittwoch, 29. Oktober, um 18.30 Uhr in der Johanneskirche in Zürich statt.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema