Konfliktzone Friedhof
Friedhöfe dienen längst nicht nur als Orte der Trauer und Andacht. Das prominenteste Beispiel ist der Friedhof Sihlfeld in Zürich. Dort wird «gesünnelet», gepicknickt und gejoggt. Das ist vielen ein Dorn im Auge. Ein Friedhofgänger hat sich gar auf juristischem Weg zur Wehr gesetzt, weil ihm die Ruhe zum Trauern fehlte.
Der Kläger und andere Angehörige von Toten stören sich vor allem daran, dass nächtliche Partys für Lärm und Littering sorgen. Zudem hatten in der Dunkelheit Homosexuelle in den Friedhofstoiletten Sex, und die Ruhestätte wurde als Drogenumschlagplatz genutzt. Als Reaktion auf die Klage wies der Zürcher Bezirksrat den Stadtrat an, den Friedhof ab 20 Uhr zu schliessen. Doch das Verwaltungsgericht befand, die aktuellen Massnahmen genügten. Die Anlage bleibt nachts offen, wie Medien berichteten.
Auch Anwohner waren empört über die Geschehnisse auf dem Friedhof. Sie forderten, dass die Totenruhe respektiert wird. Altbundesrichterin Brigitte Pfiffner macht in einem Artikel in der «NZZ» gar geltend, dass die Stadt eine staatliche Achtungspflicht für Tote und deren Angehörige hat. Diese gründet auf dem Persönlichkeitsschutz.
Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich ist der Ansicht, man habe die Situation gegenwärtig im Griff mit verstärkten Kontrollen der Stadtpolizei, der Schliessung der WC-Anlagen und Signalisationen, die auf ein angemessenes Verhalten hinweisen. «Wir bedauern, wenn die Gefühle der Friedhofsbesucherinnen verletzt werden, und ergreifen alle nötigen Massnahmen, um den Friedhof als Ort der Einkehr und Trauer für Hinterbliebene zu schützen», sagt Sprecher Lukas Wigger auf Anfrage von ref.ch.
Als «gruseliger Unort» bei Jugendlichen beliebt
Nicht nur in Zürich werden Friedhöfe für Partys missbraucht. Während der Corona-Zeit feierten Junge auf dem Friedhof Hörnli in Riehen (Basel-Stadt) wilde Nächte. Laut «20 Minuten» tranken sie Alkohol und inhalierten Lachgas, eine beliebte Partydroge. Am nächsten Morgen begegnete die Stadtgärtnerei Bergen von Abfall. Auf Facebook lösten die Friedhof-Partys einen Sturm der Entrüstung aus. Feiern auf dem Friedhof, «das ist eine totale Schweinerei», kommentierte ein User.
«Jugendliche finden es zum Teil cool, im geschlossenen Friedhof zu verweilen, es ist verboten und sie denken, dass es spukt», sagt Anja Bandi, Leiterin Friedhöfe in Basel. Laut Bandi begrenzt sich das Problem allerdings auf eine bestimmte Jahreszeit. Die Partys fänden im Sommer statt, wenn es warm ist und die Tage lang sind. Die Stadt habe keine Freude an den nächtlichen Exzessen, begrüsse aber eine alternative Nutzung des Friedhofs.
«Wir wollen, dass dieser als Erholungsort entdeckt wird und dass die Leute ihre Ängste abbauen.» Während der Corona-Pandemie, als es wenig Möglichkeiten gab wegzugehen, hätten die Leute den Friedhof als grüne Oase entdeckt. Das sei so geblieben. «Der Friedhof soll kein Park sein, wo Ball gespielt oder gejoggt wird, kann aber als Ort der Ruhe für Spaziergänge und zum Lesen genutzt werden», sagt Bandi.
Theater neben den Gräbern sorgt für Ärger
Noch weiter geht die Nutzung in der Stadt Bern. Diese hat aktiv Teile der Friedhöfe zu Parks umgewandelt. So dient ein ehemaliges Grabfeld nun als Liegewiese. Die Stadt Luzern sucht in einer Ausschreibung nach einer neuen Nutzung für das alte Krematorium und die umliegenden Grünflächen.
Mehrere Privatpersonen und Organisationen haben sich mit Projektideen gemeldet, doch die Behörden haben noch keiner alternativen Nutzung zugestimmt. Laut Cornel Suter, Leiter von Stadtgrün, ist gegenwärtig die Hälfte der Fläche mit Gräbern besetzt. Es störe nicht, wenn auf dem restlichen Platz Gastronomie- oder Unterhaltungsangebote entstünden.
Man habe bereits zwei Theatervorstellungen organisiert, die gut besucht gewesen seien. Doch auch hier sorgt die Umnutzung der Ruhestätte für rote Köpfe. «Wenige Personen fanden das neue Angebot voll daneben», sagt Suter. Man müsse ausprobieren, wie viel Betrieb der Ort ertrage. «Eine stille, dem Friedhof angebrachte Nutzung hat für uns Priorität», sagt Suter.
Erdbestattungen nehmen ab, Platz wird frei
Die Umnutzung von Friedhöfen ist in den meisten Schweizer Städten im Trend, weil die freien Grabflächen immer mehr zunehmen. Im Friedhof Sihlfeld in Zürich etwa sind siebzig Prozent der Flächen nicht mit Gräbern belegt. Der Grund: Erdbestattungen nehmen ab. Die Leute bevorzugen eine Kremation, weil die Kosten geringer sind und mehr Varianten der Bestattung möglich sind.
Auch brauchen Urnen- und Gemeinschaftsgräber weniger Platz, so dass immer mehr Flächen frei werden. Mit dem steigenden Bedürfnis nach mehr Grünflächen, das in vielen immer dichter bebauten Städten herrscht, ist es naheliegend, dass die Behörden Friedhöfe auch als Freizeitort freigeben. Ohnehin waren viele Parks früher Friedhöfe, die aufgehoben wurden.