Reformierte Pfarrer protestieren gegen Ehe für alle – und ernten Kritik

In einem Schreiben haben sich reformierte Pfarrpersonen gegen die Ehe für alle ausgesprochen. Darin kündigen sie an, homosexuellen Paaren den Ehesegen zu verweigern. Die Reaktionen darauf sind harsch.

Die Ehe für homosexuelle Menschen komme einem «Missbrauch» von Gottes Namen gleich, schreiben die Gegner der Ehe für alle. (Bild: Keystone)

In den reformierten Kirchen formiert sich Widerstand gegen die Ehe für alle. Nachdem sich im Sommer reformierte Landeskirchen und der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, deutlich für die Ehe für alle ausgesprochen haben, wenden sich nun 50 Pfarrpersonen mit einer öffentlichen «Erklärung» dezidiert gegen das Vorhaben.

Der Ton im Schreiben ist entschieden: Man werde «das Vorgehen und die Verlautbarungen kirchlicher Leitungsgremien rund um die kirchliche Diskussion zur Ehe für alle nicht akzeptieren», ebenso gefällte «Beschlüsse nicht anerkennen.» Diese müssten zwingend «biblisch-theologisch» begründet werden, heisst es weiter, und nicht «einem gesellschaftlichen Mainstream folgen». Die Ehe für homosexuelle Menschen zu öffnen sei nichts anderes, als ein «Segen ohne Segenzusage Gottes» — und das komme einem «Missbrauch» von Gottes Namen gleich. Die Erklärung unterzeichnet haben 45 Pfarrer und 5 Pfarrerinnen; mehrheitlich stammen sie aus den Kantonen Aargau, St. Gallen, Thurgau und Zürich.

Kritik auf Twitter

Die Kritik auf die Erklärung erfolgte prompt. Matthias Zeindler, Leiter Bereich Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, schreibt auf Twitter: «Kirchliche Trauung für alle: Ich versuche die zu verstehen, die sie ablehnen. Was ich nicht akzeptiere: Dass man mir die Treue zur Bibel abspricht. Und mir den Kniefall vor dem Zeitgeist unterstellt. So kommen wir nicht weiter!» Und auch Thomas Schaufelberger, Pfarrer und Leiter Kirchenentwicklung der reformierten Kirche Kanton Zürich, findet im sozialen Netzwerk klare Worte: «Dass diese Kollegen – nebst der unhaltbaren inhaltlichen Argumentation – die Diskussion nicht führen wollen, sondern alle mit anderer Meinung verteufeln, führt zu Gesprächsabbruch und zu Kirchenspaltung.»

Bei Facebook relativiert der Pfarrer Michael Wiesmann die Anzahl Pfarrpersonen, die an die Öffentlichkeit getreten sind, mit der Gesamtzahl aller Pfarrerinnen und Pfarrer in der Schweiz. «Schweizweit ist diese Zahl – mit Verlaub – ein Witz», schreibt er, und warnt zugleich: «Diese Haltung ist schädlich. Für uns als Kirche, vor allem als Volkskirche. Damit haben die Urheber*innen gezeigt, warum eine solche Geisteshaltung – wenigstens so geäussert – keinen Platz in unserer Kirche haben darf. Immerhin nicht unter angestellten/bezahlten Amtsträger*innen.»

Entscheid an der Abgeordnetenversammlung

Wie die Reformierten über die Ehe für alle befinden werden, entscheidet sich an der Abgeordnetenversammlung des Kirchenbundes am 4. und 5. November. Dort kommen die Delegierten aller reformierten Landeskirchen in der Schweiz zusammen und befinden über die Ehe für alle.

Die Unterzeichner der Erklärung fordern die Abgeordneten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes auf, sich an der kommenden Abgeordnetenversammlung nicht für die kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren auszusprechen. Unterstützung erhalten sie von einer Gruppe aus der Romandie, die ebenfalls ein Manifest gegen die Ehe für alle verfasst hat.

Geht es nach dem Ratspräsidenten Gottfried Locher, entspricht auch Homosexualität Gottes Schöpfungswillen. Zudem sei die Ehe keine Grundfrage des Glaubens, die Kirche könne nach einer allfälligen zivilrechtlichen Öffnung der Ehe auch die kirchliche Trauung vollziehen.