Wie die Welschen zur Ehe für alle stehen

Zeigt sich bei der Abstimmung über die Ehe für alle innerhalb des Kirchenbundes ein Röstigraben? Das Onlineportal «Protestinfo» hat bei den welschen Delegierten nachgefragt.


Am 4. und 5. November treten die Delegierten der einzelnen Landeskirchen zur Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) zusammen. Wichtigster Punkt auf der Traktandenliste: Die Ehe für alle, also die Öffnung der Ehe für Homosexuelle.

Das Thema beschäftigt die Reformierten schon lange. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Diskussion aber, seit Gottfried Locher im August seine Unterstützung für die Ehe für alle öffentlich machte. In einem Interview mit dem Tagesanzeiger sagte der Ratspräsident des SEK, dass auch Homosexualität Gottes Schöpfungswillen entspreche. Da die Ehe zudem keine Grundfrage des Glaubens sei, könne die Kirche eine allfällige Öffnung mittragen.

Im gleichen Interview kündigte Locher an, dass der Rat bereits im Herbst der Abgeordnetenversammlung (AV) einen entsprechenden Antrag vorlegen werde. Dieser wurde zwei Wochen später publiziert.

«Verdutzt» bis «irritiert»

Nicht überall traf das Vorgehen allerdings auf Zustimmung. In einem Artikel von Protestinfo vom 8. Oktober sagte der Walliser Pfarrer Gilles Cavin: «Ich finde die Methode sehr unbekümmert. Die persönliche Positionierung des Ratspräsidenten in den Medien lässt mich verdutzt zurück.» Das Onlineportal befragte welsche Delegierte zur bevorstehenden Abstimmung und zu ihrer Haltung gegenüber einer Öffnung der Ehe.

«Mit der grössten Überraschung und einer gewissen Irritation» blicke er auf die kommende AV, sagte auch Jean-Marc Schmid von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Er habe den Eindruck, dass die Entscheidung, die während der letzten Versammlung im Juni getroffen wurde, nicht berücksichtigt worden sei.

Damals beschlossen die Delegierten, das Thema Ehe für alle noch nicht abzuschliessen. Sie einigten sich aber – sozusagen als kleinsten gemeinsamen Nenner – auf eine Passage zur Sexualität: «Wir sind von Gott gewollt, so wie wir geschaffen sind. Unsere sexuelle Orientierung können wir uns nicht aussuchen. Wir nehmen sie als Ausdruck geschöpflicher Fülle wahr.» Für Schmid ist klar, dass es zuerst eine neue Reflexion zum Thema braucht, bevor über einen konkreten Antrag abgestimmt werden kann.

Laurent Zumstein, Delegierter der Waadtländer Kirche, sagte dagegen, er sei «glücklich mit der jüngsten Position des Rates». Der Abstimmung gelassen entgegen blickten laut Protestinfo auch die Waadtländerin Marie-Claude Ischer, die Freiburger Delegierten Franziska Grau-Salvisberg und Peter Schneider oder der Neuenburger Christian Miaz. Emmanuel Fuchs aus Genf wiederum sagte, die Entscheidung hätte ohnehin irgendwann getroffen werden müssen.

Spaltungspotenzial?

Interessant ist dieses Spektrum der Stimmen vor allem deswegen, weil beim Thema Ehe für alle gemeinhin ein Röstigraben vermutet wird: Hier die deutschschweizer Kirchen, die dem Thema gegenüber offen eingestellt sind; dort die welsche Schweiz, wo eher eine ablehnende Haltung vorherrscht. Tatsächlich sind Zeremonien für gleichgeschlechtliche Paare in der Romandie lediglich in Freiburg und im Waadtland möglich, wie Protestinfo schreibt. Es sei zudem festgelegt, dass diese Rituale sich klar von denen zwischen Mann und Frau unterscheiden müssten.

Auf das Spaltungspotenzial der Frage wies denn auch Gilles Cavin hin: «In der Waadtländer Kirche gab es nach dem Entscheid der Synode grosse Spannungen. Wahrscheinlich sind sie bist heute noch zu spüren.» Auch der Neuenburger Christian Miaz sagte, er kenne Leute, die die Kirche verlassen würden, wenn Segensfeiern für homosexueller Paare eingeführt würden.

«Weniger geteilt als vielmehr plural»

Andere Delegierte wiesen auf die reformierte Tradition, mit unterschiedlichen Ansichten umzugehen, hin. So sagte SEK-Ratsmitglied Pierre-Philippe Blaser, aus seiner Sicht seien die Reformierten in der Schweiz weniger geteilt als vielmehr plural. «Wir haben nicht die gleiche Meinung, aber wir bleiben einander wohlgesinnt und hören einander immer wieder zu.»

Ob in der Frage tatsächlich ein Röstigraben besteht, wird sich am 5. November zeigen: Die Abstimmung über den Antrag des Rates, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu befürworten, erfolgt durch Handzeichen. Eine geheime Abstimmung bräuchte die Zustimmung von einem Viertel der anwesenden Abgeordneten. (vbu)