Festival der Kulturen in Bern

«Die verschiedenen Kulturen gehören zur schweizerischen Realität»

In der Berner Heiliggeistkirche wird am Wochenende das «Festival der Kulturen» gefeiert. Andrea Meier, Geschäftsleiterin der Offenen Kirche, spricht im Interview über Barrieren, Aha-Momente und die Kraft der Begegnung.
Am «Festival der Kulturen» in der Berner Heiliggeistkirche treten verschiedene Gemeinschaften, hier aus Albanien, in einem künstlerischen Rahmen auf. (Foto: PD)

Frau Meier, was ist ihre Motivation, sich gegen Rassismus zu engagieren?

Ich finde Rassismus wahnsinnig ungerecht. Kürzlich habe ich mit einer ehemaligen Gymi-Kollegin gesprochen, die sich stark in einem Hindu-Tempel engagiert. Sie hat einen vergleichbaren Lebensweg wie ich, ist als Juristin beruflich erfolgreich und religiös. Ihre Religion wird vom Kanton Bern aber als «nicht anerkannt» bezeichnet. Das ist für mich ein Beispiel rassistischer Diskriminierung. Wer bestimmt, was anerkannt ist und was nicht? Das sind Momente, wo Betroffene spüren: Es gibt eine andere Definitionsmacht in deinem Leben.

Das Festival der Kulturen in Bern findet seit 2016 statt. Die offene Kirche Bern war von Anfang an dabei. Gab es für Sie in all den Jahren einen Aha-Moment?

Ja. Vor einigen Jahren waren weisse Privilegien ein Schwerpunktthema der Berner Aktionswoche gegen Rassismus. Dieser Ansatz wurde breit und auch kontrovers diskutiert. Aber ich finde ihn sehr interessant: Wenn ich beispielsweise ohne Billett Tram fahre, muss ich nie befürchten, beschimpft zu werden. Wenn ich eine Absage für eine Wohnung oder einen Job erhalte, muss ich mir nie überlegen, ob es an meiner Hautfarbe oder Religion gelegen hat. Es gibt also sehr viele Probleme, denen ich aufgrund meiner Herkunft gar nie begegne.

Sie sprechen strukturellen Rassismus an.

Ja, das stand in den letzten Jahren immer wieder im Fokus. Es sind nicht nur einzelne Personen, die rassistisch handeln, sondern oft sind es gesellschaftliche Strukturen, die zum Ausschluss von Menschen führen.

Darüber möchten wir im Rahmen eines öffentlichen Dialogs vertieft sprechen. Im Zentrum steht die Frage, was sich konkret verändern lässt. Häufig sind solche Strukturen nicht aus Böswilligkeit entstanden. Umso wichtiger ist es, darüber ins Gespräch zu kommen, einander zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen. Ich freue mich, dass in diesem Jahr die Sozialdirektorin der Stadt Bern an unserem Austauschabend teilnimmt.

Ein solcher Dialog ist auch für die Kirchgemeinden interessant, über das Rassismusthema hinaus. Weil man sich mit dem Abbau von Barrieren und besseren Zugängen beschäftigt.

Wie entstand das Festival der Kulturen?

Die zwei afrikanischen Diaspora-Organisationen Swiss African Forum und Ajere African Heritage gaben den Anstoss. Sie wollten ein Fest veranstalten, in dem verschiedene Kulturen sichtbar werden, die zur schweizerischen Realität gehören, und dabei die weissen Schweizerinnen und Schweizer erreichen. Es ist für die migrantischen Kulturschaffenden schwierig über die eigene Community hinaus ein Publikum zu gewinnen. So entstand die Idee eines Festivals mit verschiedenen migrantischen Gemeinschaften. Und etwas, das allen gemein ist, ist die Betroffenheit von Rassismus. Dabei kann die Kirche einen guten Boden bieten, um die Gemeinschaften zusammenzubringen.

Zur Person

Andrea Meier, 43-jährig, ist römisch-katholische Theologin und seit 2024 Geschäftsleiterin der Offenen Kirche Bern, ein interreligiös getragener Verein der Katholischen Kirche Region Bern, der Reformierten Gesamtkirchgemeinde, der Jüdischen Gemeinde und der Christkatholischen Kirche Bern.

Zugleich ist Meier Co-Leiterin des Fachzentrums Mensch und Gesellschaft der Katholischen Kirche Region Bern. Seit 2022 ist Meier SRF-Radiopredigerin. (gab)

Was kann das Festival konkret bewirken?

Ein Gewinn ist, dass man sich danach persönlich kennt. Das darf man nicht unterschätzen. Ich habe beispielsweise kürzlich erstmals eine sehbehinderte Person kennengelernt. Wenn man einen Tag mit Menschen verbringt, die ein komplett anderes Leben haben, wirkt sich das auf den eigenen Alltag aus.

Dieses Wochenende finden das muslimische Fastenbrechen und das kurdische Neujahrsfest statt. Als Information für die Gäste des Festivals habe ich Poster zu diesen Festen gestaltet. Durch meine Kontakte in diese Gemeinschaften konnte ich meine Entwürfe in einen Chat stellen und gegenchecken lassen. Da antworten mir Menschen, die diese Religion leben, ich habe die Information nicht aus einem Buch. Das macht viel aus.

Gibt es auch Kritiker Ihres Engagements?

Zumindest habe ich das nie mitbekommen. Aber bei Engagements für Migranten gerät man oft in die Polarisierungsdebatte: Ist das jetzt links? Uns ist es dann immer sehr wichtig zu betonen: Uns geht es um die Menschen. Um Inklusion, Teilhabe und Gerechtigkeit und nicht um Parteipolitik. Das Pflegen von Traditionen und Kulturen ist auch kein typisch linkes Anliegen. Auch in den migrantischen Gemeinschaften sind verschiedene politische Ausrichtungen vertreten.

Wie geht man mit der aktuellen Weltlage um, den Kriegen im Nahen Osten?

In der Vorbereitung haben alle betont, dass es am Festival um das gemeinsame, friedliche Zusammenleben in der sehr diversen Schweizer Gesellschaft gehen soll. Der Fokus liegt auf Frieden und Verständigung – nicht auf dem was uns trennt. Aber die Migrationsströme schlagen sich natürlich in unserem Festival nieder. Dieses Jahr haben wir viele ukrainische Beiträge, beispielsweise den Chor Rozany.

Das Festival der Kulturen findet am 21. März, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, statt. In der Heiliggeistkirche beim Bahnhof Bern führen verschiedene Gruppen Musik und Tanz auf, Werke der Ausstellung «here we are» werden in einem öffentlichen Wettbewerb prämiert. Am Mittwoch, 25. März, findet erstmals eine Dialogveranstaltung statt. Das Thema: Lebendiges Kulturschaffen – was brauchen migrantische Communities?

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