Erinnerungen an die Pandemie
«Ob es etwas gibt, das ich aus dieser Zeit vermisse? Oh Gott, nein»
Chatrina Gaudenz
«Wir bekamen mehrere böse Briefe und Anrufe»
Der Beginn der Pandemie ist bereits fünf Jahre her – ich habe vieles von dem vergessen, was geschehen ist. Aber ich weiss noch, wie schwierig es war, mit den Mitgliedern der Kirchgemeinde in Kontakt zu treten. Beim Ausbruch der Pandemie war ich gerade neu als Pfarrerin in Zürich-Fluntern eingesetzt worden. Der Schwatz auf der Strasse oder im Laden war kaum möglich und alle hatten Masken an – das hatte etwas Befremdliches.
Die Corona-Vorschriften bedeuteten für uns einen grösseren Aufwand bei der Organisation von Veranstaltungen. Ich erinnere mich an das Krippenspiel an Heiligabend 2020. Es konnten jeweils 50 Personen in die Kirche kommen und wir führten das Krippenspiel mehrmals nacheinander auf. Die Besuchenden mussten sich anmelden, sagten aber zum Teil ab oder kamen zur falschen Zeit – es war kompliziert.
Weil wir uns an die Vorschriften hielten, bekamen wir mehrere böse Briefe und Anrufe. Eine Person trat deswegen sogar aus der Kirche aus. Auf der anderen Seite gab es auch schöne spontane Aktionen: Menschen kauften füreinander ein, wir boten Telefonseelsorge an oder Briefkontakt.
Ich habe das Gefühl, durch die Pandemie hat einerseits die Vereinzelung der Menschen weiter zugenommen und andererseits sehnen sie sich nach Gemeinschaft. Es ist paradox und wir versuchen, damit einen Umgang zu finden.
Wenn ich zurückblicke, finde ich, wir haben als Gesellschaft die Situation gut gemeistert. Mit einer Ausnahme: Wir liessen Menschen alleine und isoliert sterben. Das darf nicht mehr geschehen.
Ich habe mich damals für ein «Wort zum Sonntag» mit der herrschenden Angst und der Unsicherheit auseinandergesetzt sowie mit der Frage, ob man sich in dieser Lage nur für sein eigenes Wohl interessiert oder für jenes der Gemeinschaft mitentscheidet. Wenn mich einmal jemand danach fragen sollte, wie es während der Pandemie war, schicke ich der Person den Link zum Video.
Chatrina Gaudenz ist reformierte Pfarrerin in Zürich-Fluntern
Caroline Schröder Field
«Die Situation löste eine Kreativitätswelle aus»
Ganz am Anfang war ich fasziniert von der Stille in der Stadt und den Nachrichten über eine Natur, die sich erholt, wenn der Mensch sich zurückzieht. Ich glaube, ich hatte gehofft, die globale Gesellschaft könne dies als einen «Ruf zur Umkehr» vernehmen. Ich erinnere mich daran, wie plötzlich die Pandemie kam, welche Solidaritätswelle sie auslöste und wie schnell die Menschen aber der Einschränkungen überdrüssig wurden. Man sah, wie sich eine Gesellschaft spalten kann.
Es schien mitunter, als würden sich die Menschen gegenseitig nicht mehr als Menschen sehen, sondern als potentielle Bedrohung. Es wurde ein Graben aufgerissen zwischen denen, die sich ohne Hemmungen impfen liessen und jenen, die den Impfungen misstrauten und sich verweigerten. Auch Menschen, die sich nahegestanden hatten, wurden dadurch zu ideologischen Gegnern.
Bei uns löste die Situation aber auch eine Kreativitätswelle aus. Gemeindemitglieder vermissten den Gottesdienst im Basler Münster. Also zeichneten wir Kurzgottesdienste auf und veröffentlichten sie auf unserer Website. Sie erreichten Menschen über unsere Region hinaus. Wer nur die Predigt nachhören wollte, konnte dies über eine Telefonnummer tun, die wir extra dafür eingerichtet hatten. Dieses Angebot haben wir bis heute beibehalten.
Die Pandemie bedeutete für viele Sorgen und Leid. Ich erinnere mich daran, wie schwer es auf Angehörigen von Verstorbenen lastete, dass Beerdigungen nur im kleinsten Kreis stattfinden konnten und die Abschiedsfeiern auf einen Zeitpunkt nach Ende der Massnahmen verschoben werden musste. Junge Menschen litten unter der anhaltenden Isolation und das Leiden alter Menschen oder Patientinnen und Patienten in den Spitälern war zu einem grossen Teil nicht wieder gutzumachen.
Ich spielte selbst mit dem Gedanken, zu meinen betagten Eltern nach Deutschland zurückzukehren.
Caroline Schröder Field ist reformierte Pfarrerin am Basler Münster
Sibylle Forrer
«Eine Seniorin kam an die Konfirmation ihrer jungen Brieffreundin»
Die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben den gewohnten Alltag praktisch von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt.Es durften keine Veranstaltungen mehr stattfinden – nur Beerdigungen im kleinsten Kreis waren noch erlaubt. Die Verunsicherung war riesig.
In Kilchberg haben wir alle Menschen unserer Kirchgemeinde angerufen, die über 75 Jahre alt waren. Mit den Jugendlichen kommunizierten wir vor allem via WhatsApp. Sitzungen führten wir online durch. Konfirmandinnen und Konfirmanden kauften für Seniorinnen und Senioren ein. Oder sie schrieben Karten für Menschen im Altersheim – daraus sind einige längere Brieffreundschaften entstanden. Eine Seniorin kam dann auch an die Konfirmation ihrer jungen Brieffreundin.
Jeden Tag um 18 Uhr läuteten die Glocken unserer Kirche als Zeichen der Verbundenheit. Vor allem um den Jahreswechsel 2020/21 hatten wir überdurchschnittlich viele Beerdigungen. Alle diese Menschen waren an Covid-19 erkrankt.
Durch die Pandemie bekam die Digitalisierung einen massiven Schub. Vieles verlagerte sich innerhalb kürzester Zeit in den digitalen Raum. Wir streamten Gottesdienste, Chinderchile, Krippenspiel, Konzerte und Angebote der Erwachsenenbildung. Gottesdienste und ausgewählte Veranstaltungen streamen wir bis heute und manches stellen wir eigens als Online-Format her. Auch Sitzungen finden teilweise immer noch online statt.
Rückblickend ermöglichte die Pandemie auch eine Entschleunigung. Als Familie hatten wir viel gemeinsame Zeit. Mein Mann ist Gastronom und durfte nicht mehr arbeiten. Die Kinder waren so klein, dass wir kein Home Schooling machen mussten. Der Familienalltag war ruhiger. Wir verbrachten damals viel Zeit in unserem Ferienhaus in den Bergen. An vielen Tagen konnte ich von dort arbeiten und mein Mann hatte Abstand von den seit Monaten geschlossenen Restaurants.
Es ist erstaunlich, wie rasch der gewohnte Alltag nach der Pandemie wieder eingekehrt ist. Ich war kurz danach auf einem Konzert, an dem man eng zusammenstand. Was davor während zwei Jahren unmöglich war, fühlte sich wieder komplett normal an. Ich hatte die Hoffnung, die Pandemie bringe verbesserte Arbeitsbedingungen für Menschen in Pflegeberufen und eine Aufwertung der Care Arbeit. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt.
Sibylle Forrer ist reformierte Pfarrerin in Kilchberg
Csongor Kozma
«Die Pandemie hat uns ausgebremst»
Wir bezogen im Januar 2020 mit der Paulus Akademie einen neuen Standort und wollten den neuen Geschäftszweig Veranstaltungszentrum lancieren. Gerade als wir bereit waren, um Eröffnung zu feiern, mussten wir wegen des Shutdowns alle operativen Tätigkeiten stilllegen. Wir arbeiteten im Homeoffice, tauschten uns virtuell aus und hielten mit den Besucherinnen und Besuchern der Paulus Akademie Kontakt per Newsletter und Beiträgen auf unserer Website «Plan B».
Die Erfahrungen, die wir dabei sammelten, konnten wir ab dem Herbst 2020 nutzen: Die Sicherheitsmassnahmen verhinderten zwar Veranstaltungen in der Akademie, aber wir führten Themenabende als Webinare und Streamingevents durch. Der Anklang beim Publikum war teilweise sehr gross. Doch bis März 2022 wurden unsere Räume sehr zurückhaltend gemietet. Die Pandemie hat uns betriebswirtschaftlich drei Jahre lang ausgebremst.
Wenn mich jemand, der die Pandemie nicht erlebt hat, danach fragen würde, würde ich sagen: Die Pandemie riss uns aus der Normalität und dauerte zwei Jahre lang. Die Behörden sahen sich gezwungen, mit ungewohnten Einschränkungen des öffentlichen Lebens darauf zu reagieren, um die Menschen zu schützen. So nahm die Pandemie eine ungeheure Präsenz im Alltag von uns allen ein.
Sie belastete vor allem ältere Personen und Jugendliche, die in der Folge unter Einsamkeit und Angst litten. Die Angst nutzten die Rechtsextremen, um gemeinsam mit Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern zu marschieren und Misstrauen gegen die Behörden, ihre Institutionen und die Wissenschaft zu säen. Das führte schliesslich zum Demokratieverlust auf der ganzen Welt und zum Zusammenbruch der Klimabewegung.
Ob es etwas gibt, das ich aus dieser Zeit vermisse? Oh Gott, nein.
Csongor Kozma ist Direktor der Paulus-Akademie
Christoph Sigrist
Von 2020 bis 2024 kam es mir so vor, als würde ich chronisch einen Marathon laufen. Ich war erschöpft, aber auch reich erfüllt. Die Pandemie wirkte sich massiv auf alle Bereiche meiner Arbeit aus – wie eine Naturkatastrophe oder ein Kriegsausbruch. Am Morgen des 16. März 2020 las ich wie immer biblische Texte und Verse und hörte dazu Radio. Als es in den 6 Uhr-Nachrichten hiess, der Bundesrat ordne den Lockdown an, erhöhte sich sofort mein Puls: Was würden nun meine Aufgabe und jene des Grossmünster sein? Ich wurde aus der Komfortzone katapultiert – ich lernte enorm viel, es machte mich aber auch um Jahre älter.
Am ersten Sonntag im Lockdown sollte ich einen Gottesdienst im leeren Grossmünster feiern, der von Blick TV übertragen wurde. So etwas hatte ich noch nie gemacht und ich war ungeheuer nervös. Die Glocken läuteten, ich ging auf das Grossmünster zu. Da sah ich auf der Mauer eine treue Gottesdienstbesucherin sitzen.
Sie halte es nicht mehr aus in ihrer Wohnung, sagte sie zu mir. «Deshalb sitze ich jetzt da und höre den Glocken zu.» Ich schlug ihr vor, mit mir ins Grossmünster zu kommen: «Dann habe ich wenigstens jemanden vor mir.» Die ältere Frau rettete mich in diesem ungewohnten Gottesdienst. Ich predigte ihr und betete mit ihr.
Fortan wurde der Gottesdienst aufgezeichnet und konnte online geschaut werden – das ist bis heute so. Von Sonntag zu Sonntag wuchs die Zahl der Menschen, die ins Grossmünster kamen und mir – weit voneinander entfernt sitzend – zuhörten. Es entstand eine subversive Gottesdienstkultur.
Ich erinnere mich auch an meinen ersten Besuch während der Krise in der Herberge zur Heimat, einem Ort für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Mit den Männern machte ich schon lange Seelsorge. Ich setzte mich zu ihnen und fragte, wie es ihnen gehe, während die ganze Welt verrückt spiele. Es gehe ihm sehr gut, sagte einer, denn: «Vorher zeigten alle auf uns und sagten wir würden spinnen und seien nicht normal. Nun spinnen sie auch und wir sitzen dank dem Virus alle im gleichen Boot.» In der Pandemie zeigte sich überdeutlich, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt mehr wert ist als Gold.
Heute habe ich das Gefühl, dass vieles wieder so ist wie vor der Corona-Zeit – aber nicht alles. Das Soziale in der christlichen Gemeinde ist nun von höherer Bedeutung: Der Solo-Christ ist gestorben und der soziale Mensch ist auferstanden.
Christoph Sigrist war bis 2024 Pfarrer am Grossmünster in Zürich. Heute arbeitet er in der Lehre und engagiert sich in verschiedenen Organisationen.