«Wir glauben, unsere Verletzlichkeit abstreifen zu müssen, um in einer widrigen Welt zu bestehen»
Herr Maio, Sie schreiben in Ihrem Buch: «Verletzlichkeit ist nicht nur ein Merkmal von Menschen in prekären Situationen, sondern eine Grundsignatur der menschlichen Existenz.» Was meinen Sie damit?
Wir sind alle verletzlich, weil wir auf andere Menschen und auf gute Beziehungen angewiesen sind.
Wann haben Sie sich zum letzten Mal verletzt?
Mit Verletzlichkeit meine ich nicht einfach nur die Möglichkeit, dass wir äusserlich an unserem Körper verletzt werden. Wir können jederzeit vor allem innerlich verletzt werden, zum Beispiel durch fehlende Beachtung, erlebte Gleichgültigkeit, mangelnde Anerkennung oder wenn wir uns einfach nicht verstanden fühlen.
Als Kind holt man sich beim Spielen Kratzer und blaue Flecken. Auf dem Pausenplatz kann man emotional verletzt werden. Im Erwachsenenleben lässt man das weitgehend hinter sich. Verlernen wir, mit Verletzungen umzugehen?
Wir gehen mit unserer Verletzlichkeit einseitig um. Wir glauben, sie abstreifen zu müssen, um in einer widrigen Welt zu bestehen. Ich plädiere eher dafür, darüber nachzudenken, wie eine Welt beschaffen sein müsste, damit wir unsere Verletzlichkeit nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance wahrnehmen können. In unserer Verletzlichkeit sind wir auf eine Kultur der Rücksicht, der Behutsamkeit, der Umsicht und des Feinsinns angewiesen.
Das deckt sich nicht gerade mit der aktuellen Situation in Politik, Gesellschaft und Berufsleben.
Dies liegt daran, dass wir von einem falschen Menschenbild ausgehen. Wir denken, jeder ist ein selbstmächtiges Wesen, das alles allein aus sich selbst heraus erreichen kann. Es muss nur klug investieren. Wir verkennen aber, dass wir bei aller Selbstbestimmtheit immer angewiesen bleiben auf günstige Verhältnisse, auf die Unterstützung und die positive Haltung der anderen. Wir brauchen Anerkennung und müssen in eine Kultur der gegenseitigen Achtung investieren. Denn gerade in grossen Lebenskrisen ist es die Achtung des anderen, die uns ermöglicht, Selbstachtung zu empfinden.
Dennoch Unverletzlichkeit wird oft als Position der Stärke dargestellt. Wo liegt der Vorteil, wenn man die Verletzlichkeit an- und dadurch eine Haltung der Schwäche einnimmt?
Natürlich besteht dann die Gefahr, verletzt zu werden. Aber wir sollten die Verletzlichkeit gerade nicht als Schwäche sehen, sondern auch als eine Chance: durch sie sind wir fähig, andere sensibel wahrzunehmen. Dank ihr können wir erst Empathie für andere empfinden. Wollten wir unverletzbar werden, müssten wir uns einschliessen in einen Panzer. Dieser würde uns möglicherweise schützen, aber er würde gleichzeitig zur Erstarrung führen. Nur über unsere Offenheit für die Reize von aussen können wir uns überhaupt weiterentwickeln. Die Verletzlichkeit ist eben auch als eine Ressource zu sehen.
Angesichts grosser Bedrohungen wie des Kriegs in der Ukraine oder zuletzt des terroristischen Anschlages im deutschen Solingen liegt es nahe, sich gesellschaftlich abzuwenden und sich ganz auf das Private zurückzuziehen.
In so einer Gesellschaft leben wir gerade. Die Menschen legen sich in einen Panzer zu, jeder kämpft für sich. Man realisiert nicht, dass wir kein gutes Leben führen können, wenn wir nicht nach Gemeinschaft suchen und aufgeschlossen bleiben für den anderen.
Giovanni Maio ist Leiter des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Br. Der 60-jährige Mediziner und Philosoph berät in Deutschland die Bundesregierung, die Bundesärztekammer sowie die Bischofskonferenz. Während der Corona-Pandemie kritisierte Maio die aus seiner Sicht repressiven Massnahmen der Bundesregierung und sprach sich gegen eine allgemeine Impfpflicht aus. Er plädierte dafür, nicht Druck aufzubauen, sondern die Menschen über den Corona-Virus aufzuklären. Sein Buch «Ethik der Verletzlichkeit» ist 2024 im Verlag Herder erschienen. (dst)
Im Vorwort Ihres Buches schreiben Sie, dass man den Menschen von seiner Grundverletzlichkeit her neu denken soll. Wie sähe das konkret aus?
Wir müssen in der Verletzlichkeit das Potenzial sehen, unsere urmenschlichen Fähigkeiten zum Tragen zu bringen. Dafür müssen wir eine Kultur der Umsicht und Sorge etablieren. Die Verletzlichkeit ist ja wie ein Schwebezustand zwischen einem denkbaren Sturz in das Verletztwerden und einem möglichen Sprung in die innere Weiterentwicklung. Was aus dieser Schwebe wird, hängt davon ab, wie man mit uns umgeht und in welcher Kultur wir leben. Denn gerade in unserer Verletzlichkeit sind wir alle verbunden. Das Wesentliche ereignet sich im «Wir» und nicht im «Ich».
Sie fordern auch ein neues Menschenbild in der Medizin. Was stellen Sie
sich darunter vor?
Die Medizin ist für mich eine soziale Praxis, die verstanden werden muss als eine institutionalisierte Antwort auf die Verletzlichkeit des Menschen. Gerade kranke Menschen befinden sich in einer Situation der verdichteten Verletzlichkeit. Die Aufgabe der Medizin bestünde darin, sich um die Patienten zu kümmern – und zwar nicht nur technisch und medikamentös, sondern vornehmlich zwischenmenschlich. Letzteres droht verlorenzugehen in einer Medizin, die sich zunehmend ökonomischen Anreizen unterwirft und aus Patienten Kunden macht. Die zentrale Leistung der Heilberufe ist und bleibt das Zuhören, das Gespräch, die Beziehungsarbeit und das Zwischenmenschliche.
Giovanni Maio spricht im Rahmen einer Kurztagung des Vereins «église à venir» unter dem Motto «Einsichten aus Theologie und Ethik, Psychologie und Wirtschaft» über seine Philosophie der Hoffnung. Kulturhaus Helferei, Samstag, 7. September, Zürich, 11 - 15 Uhr.