Migration

«Nichts hält diese Menschen ab vom Grenzübertritt»

An der Grenze zwischen Bosnien und Kroatien versuchen Flüchtlinge nach Mitteleuropa zu gelangen. Der Berner Pfarrer Christian Walti zeigt sich schockiert von deren prekären Lebensumständen. Seine Eindrücke schildert er im Interview.

Flüchtende leben in der Region Bihac unter schwierigsten Umständen, damit sie versuchen können, die Grenze zu überqueren. (Bild: Christian Walti)

Christian Walti, Sie sind soeben zurück von einer Reise aus Bosnien. Sie besuchten dort ein Flüchtlingscamp in Bihac im Nordwesten an der Grenze zu Kroatien. Wie war die Situation an Ort und Stelle?
Es gibt in Bihac das offizielle Lager Lipa, das vom Staat und von internationalen Organisationen zur Verfügung gestellt wird. Dort geht es den Flüchtenden relativ gut, sie bekommen etwas zu essen und haben ein Dach über dem Kopf. Trotzdem verlassen die meisten das Lager wieder.

Warum?
Weil sie über die Grenze wollen und das Lager zu weit von der Grenze entfernt ist. Die Flüchtenden möchten nicht in Bosnien bleiben, da sie dort keinerlei Zukunftsperspektive haben. Deshalb ziehen sie es vor, das Lager zu verlassen und in absolut prekären Umständen zu leben. Zum Beispiel in Zelten auf einem freien Feld, während des ganzen Winters. Wir haben auch ein verlassenes Haus besucht, wo etwa zwanzig Personen zusammen auf engstem Raum leben. Es hatte keine Fenster mehr, und es war bitterkalt dort drinnen. Die Menschen schliefen am Boden und die hygienischen Zustände waren besorgniserregend. Das war heftig.

Was ist das Ziel dieser Menschen?
Sie bereiten sich für den Grenzübertritt vor. Weil sie zu Fuss gehen und schnell vorwärtskommen müssen, brauchen sie leichte Schuhe. Ein oder zwei Personen der Gruppe haben ein Handy, um zu navigieren. Fast immer werden sie von der kroatischen Polizei erwischt, weil der Grenzschutz sehr stark ist. Die Polizei nimmt ihnen dann meistens alles weg, was ihnen bei der Flucht hilft. Einige erzählten auch, sie hätten die Schuhe und einige Kleider ausziehen müssen. Fast immer treibt sie die Polizei mit Gewalt weiter hinter die Grenze zurück. Ein Mann berichtete, dass ihm durch einen Schlag eines Polizisten dabei das Schlüsselbein gebrochen wurde. Weil er ausserhalb des Lagers keine richtige medizinische Versorgung bekam, wächst es nun krumm zusammen.

Dennoch probieren die Menschen immer wieder, über die Grenze zu kommen.
Im offiziellen Lager haben sie keinerlei Perspektiven. In ihr Herkunftsland zurückzukehren ist auch für niemanden eine Option. Die Hoffnung nach Europa zu gehen und dort neu anzufangen ist so stark, dass keine Repressionsmassnahme die Leute davon abhält. Auch das Risiko zu sterben lässt sie nicht zurückschrecken. Einige haben den Grenzübertritt schon über dreissig Mal probiert.

  • Manche Flüchtende haben schon dreissig Mal probiert, die Grenze zu überqueren. (Bild: Christian Walti)

Was hat diese Reise in Ihnen ausgelöst?
Ich schäme mich für unsere Migrationspolitik. Es würde keine Unsummen kosten, die wenigen Personen auf der Flucht hier in der Schweiz aufzunehmen. Die meisten sind jung und könnten es schaffen, eine Arbeit zu finden und sich an unserer Gesellschaft zu beteiligen. Stattdessen geben wir massiv Geld aus für den Grenzschutz und die ganze Betreuungsinfrastruktur an Grenzorten wie etwa in Bosnien.

Zur Person

Christian Walti (39) ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Frieden und in der Kirche im Haus der Religionen in der Stadt Bern. Er ist involviert in das Restaurantprojekt «Dock 8» und in den Verein «Ritualagentur».

Konnten Sie etwas tun für diese Menschen?
Was wir gemacht haben, hatte wohl eher symbolischen Charakter. Aber wenig ist besser als nichts. Wir haben die Geflüchteten gefragt, was sie brauchen. Meistens haben sie dann ein paar Gegenstände für die Flucht genannt, zum Beispiel Schuhe. Also haben wir ihnen Schuhe gekauft und diese über ein Netzwerk von lokalen Kontaktpersonen an sie übergeben. Direkt durften wir sie ihnen nicht geben, das ist in Bosnien illegal.

Besteht nicht das Risiko, dass man mit so einer Reise nur sein eigenes Gewissen beruhigt?
Uns beschäftigt die Frage, wie nachhaltig unser Besuch war. Aber wenn diese Fluchtgeschichten nur zur Hälfte stimmen, dann sind sie immer noch schrecklich. So etwas wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Wir haben durch den Besuch auch gemerkt, dass viel Gutes durch Einheimische vor Ort geleistet wird, die sich trotz eigener schwieriger Verhältnisse, sehr solidarisch zeigen. Wir Schweizerinnen können am ehesten mit unseren finanziellen Möglichkeiten und durch unsere politische Mitsprache, etwa beim NoFrontex-Referendum, etwas an der Situation ändern.

Können wir diese Menschen irgendwie unterstützen von der Schweiz aus?
Unser Besuch war ein Tropfen auf den heissen Stein. Es müsste sich politisch etwas verändern, in der Schweiz und in Europa. Solange das nicht geschieht, müssen wir auch in Bosnien helfen. Wir haben gute Kontakte geknüpft, mit denen wir zusammenarbeiten können.

«Wir als Kirche haben den Auftrag, die von Gott gegebene Würde aller Menschen zu verteidigen. Das müssen wir in der Schweiz tun, aber unsere Entscheidungen betreffen auch Menschen im Ausland.»

Warum sind Sie nach Bosnien gereist?
Mich berührt das Schicksal der Geflüchteten, die in der Schweiz ankommen. Ich wollte besser verstehen, wie es ihnen ergeht, bevor sie bei uns sind. Ich wollte auch Menschen treffen, die vor Ort bereits den Flüchtenden helfen, um zu überlegen, wie wir in der Schweiz helfen könnten.

Warum muss eine Schweizer Kirche in Bosnien präsent sein?
Wir als Kirche haben den Auftrag, die von Gott gegebene Würde aller Menschen zu verteidigen. Wir sorgen uns immer darum, dass wir gut miteinander umgehen. Das müssen wir zuerst in der Schweiz tun, aber unsere Entscheidungen betreffen ja auch Menschen im Ausland. Deshalb können uns Orte wie Bihac als Schweizer Kirche nicht egal sein.

«Mir tut es tief im Herzen weh, wenn diese Menschen quasi als «Flüchtlinge zweiter Klasse» abgestempelt werden, nur weil sie eine dunklere Hautfarbe haben oder Muslime sind.»

Im Moment sind viele Augen auf die Ukraine gerichtet, merkt man das auch in Bosnien?
Ja. Einerseits werden bei vielen Einheimischen Erinnerungen an den Krieg wach. Andererseits sind viele Hilfsorganisationen, die kurzfristig hier waren, abgezogen. Für mich persönlich ist es einerseits sehr schön, die Solidarität in der Schweiz mit den ukrainischen Flüchtenden zu sehen. Ich finde es wichtig, dass Menschen aus der Ukraine jetzt ohne Hindernisse in die Schweiz einreisen können. Andererseits habe ich in Bosnien Menschen aus Pakistan und Afghanistan getroffen, die vergleichbare Kriegserfahrungen mitbringen. Da tut es mir tief im Herzen weh, wenn diese Menschen quasi als «Flüchtlinge zweiter Klasse» abgestempelt werden, nur weil sie eine dunklere Hautfarbe haben oder Muslime sind. Auch diese Menschen brauchen einen Zufluchtsort – und warum nicht im wohlhabendsten Land Mitteleuropas, der Schweiz.