«Kreativität zulassen heisst loslassen»
Nadja Schnetzler, wie kreativ ist die Kirche?
Das ist sehr abhängig von den Menschen. Ich arbeite beispielsweise mit reformierten Pfarrerinnen von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo) für eine Weiterbildung, wir erarbeiten ein Innovationslabor. Es geht darum, eine neue Idee zu kreieren, zu testen und umzusetzen. Einige denken da noch wie 1980: Sie sind hierarchisch organisiert und meinen, dass Kirche immer auf die gleiche Art und Weise gemacht werden muss, wie in den letzten vierzig Jahren. Andere stellen alles in Frage und suchen nach Neuem. Das gefällt mir.
Welche Ideen sind den Pfarrerinnen und Pfarrern in diesem Innovationslabor gekommen?
Jemand hat sich gefragt, wie man das Kirchencafé anders gestalten könnte, damit die Freiwilligen stärker miteinbezogen sind. Jemand berichtete, dass am Sonntagmorgen fast niemand mehr in den Gottesdienst komme. Dann könnte man es ja bleiben lassen und etwas anderes machen. Ich fand, das war ein provokativer und gleichzeitig kreativer Gedanke. Wir können darüber nachdenken, was wäre, wenn Kirche nicht mehr im gewohnten Raum und in gewohnter Form stattfindet.
Nadja Schnetzler ist Kirchenmusikertochter und Quäkerin. In ihrem Unternehmen «Word and Deed» arbeitet sie als Kollaborations-Coach. Sie unterstützt Teams dabei, durch Visualisierung besser zusammenzuarbeiten, Strukturen aufzubauen und Neues zu implementieren. Ihr Buch «The Idea Machine» beschäftigt sich mit Innovationsmanagement. Nadja Schnetzler lebt mit ihrer Familie in Biel und in Berlin.
Neue Räume und neue Formen: Ist das Kreativität?
Kreativ sein wollen alle. Doch die Künstlerin versteht darunter etwas ganz anderes als ein CEO. Meist geht es um Gestaltungsmöglichkeiten, um Gestaltungsspielraum. Dafür braucht es die Erlaubnis, selbst zu gestalten, aber auch die Ressourcen, die Zeit und die Mittel, um diesen Raum auszufüllen. Der Appell zur Kreativität bringt wenig, wenn die Leute einen übervollen Kalender haben.
Wenn Möglichkeiten und Ressourcen gegeben sind – wie entsteht dann Kreativität?
Ich fange bei meiner Arbeit jeweils mit dem «purpose» an. Das heisst: Ich suche nach dem Grund dahinter, beschäftigte mich mit dem Warum: Was wollen wir erreichen? Dann schaut jeder, wie und was er oder sie zu diesem Zweck konkret beitragen kann. Dabei merkt man, dass es viele Wege und Lösungen gibt, und schon beginnen kreative Prozesse. Wir lösen uns von fix vorgegebenen Wegen und Abläufen und schaffen gemeinsam etwas Neues.
Der Zweck, also die Frage nach dem «Warum», sollte bei der Kirche einfach zu beantworten sein: Es geht darum, dem Vorbild Jesu zu folgen.
So leicht ist das nicht. Es macht einen grossen Unterschied, ob man das die reformierte oder die katholische Kirche fragt, oder ob es eine Kirche in Italien oder in Schweden ist. Man denkt immer, der «purpose» sei so klar. Aber es ist wichtig, diesen einmal auszuformulieren. Das Fundament ist vielleicht ähnlich. Aber wie man genau dem Vorbild Jesu nachfolgen will, das verändert sich.
Wenn man den «purpose» gefunden hat: Was macht man damit?
In einer Organisation sollten alle eingeladen sein, sich an dem «purpose» zu beteiligen. Deshalb muss eine Organisation überdenken, wie sie funktioniert. Wenn gewisse Leute anderen sagen, was sie tun müssen, funktioniert das nicht zwingend. Gerade die Kirche ist sehr stark darin, alle zu beteiligen, beziehungsweise sie könnte sehr stark sein.
Wie meinen Sie das?
Die Kirche besteht, um Gemeinschaft zu schaffen. Das ist einer ihrer Zwecke. Ein grosser Teil von dem, was in der Kirche passiert, hat mit Gemeinschaft, Zusammensein und Verbundenheit zu tun. Das ist eine gute Grundvoraussetzung. Die Pfarrerin macht nicht Kirche für die anderen, sondern man gestaltet gemeinsam Kirche. Ich hoffe zumindest, dass es so ist. Problematisch ist, wenn eine Einzelperson alles weiss, wie man was macht, und die anderen nur dabei helfen dürfen.
Sie sagen, den anderen einfach nur zu helfen, sei nicht ideal – warum? Gerade in der Kirche spielt helfen eine grosse Rolle.
Die Kirche kann, wie viele andere Organisationen, bei denen freiwilliges Engagement zentral ist, noch einiges dazulernen. Wir sind uns gewohnt, dass eine Person etwas vorbereitet und den anderen «Häppchen» zuwirft. Zum Beispiel: «Du darfst jetzt das Buffet gestalten.» Spannender wäre zu sagen: «Wir machen einen Anlass. Lass uns darüber nachdenken, was es alles braucht. Dann schauen wir, wer sich um das Essen kümmert. Wir gestalten das miteinander.» Das Ziel ist, dass jede das macht, was sie gut kann und gerne macht. Dann ist man kreativ, auch als Buchhalterin, als Pfarrerin oder als Kirchenmitglied.
Ständig miteinander etwas Neues schaffen, sich dauernd hinterfragen – das klingt ganz schön anstrengend. Muss man immer kreativ sein?
Zwang ist nie gut. Es braucht eine Motivation zur Veränderung. Und wenn etwas funktioniert, muss man es nicht zwingend umbauen. Schlecht ist es, wenn man den Prozess nicht mehr in Frage stellt und immer das gleiche wiederholt.
Wer Ihnen zuhört, kommt zum Schluss: Etwas immer auf die gleiche Art und Weise zu machen, ist unkreativ. Dabei leben Rituale ja davon, dass sie immer gleich ablaufen.
Rituale können sehr kraftvoll sein. Aber wenn man sie nur noch abspult, sind sie tatsächlich unkreativ. Da muss man sich ab und zu hinterfragen: Warum mache ich eine Predigt? Wen und was will ich damit erreichen? Könnte jemand anders das besser machen? Ein Pfarrer in der Weiterbildung hat deshalb die Organisation des Konfirmationsjahres den Konfirmanden überlassen. Er ist nur noch der Coach. Entweder beklagt man sich über die Konfirmanden, die nicht mehr mitmachen wollen, oder man gibt ihnen die nötigen Ressourcen in die Hand.
Verliert die Kirche auch deshalb an Bedeutung, weil sie Bestehendes zu wenig hinterfragt?
Ich meine, viele nehmen die Kirche bis heute als autoritär wahr, selbst wenn das längst nicht mehr so ist. Sie meinen, Kirche sage von oben herab, wie Einzelne das Leben gestalten müssen. Diese Deutungshoheit hatte die Kirche während Jahrhunderten. Es ist ein schwieriger Schritt, diese Deutungshoheit wirklich aufzulösen und gemeinsam herauszufinden, wie man Kirche gestalten kann. Bei dem RefBeJuSo-Workshop habe ich die Teilnehmenden gebeten, ein Team für ihre Idee zusammenzustellen und auch jemanden mitzubringen. Niemand hat das getan. Viele Pfarrpersonen sehen sich als Einzelkämpferinnen. So entsteht wenig Kreativität und auch wenig Zusammenwirken.
Warum braucht es ein Team?
Allein kommt man nicht auf die gleiche Perspektivenvielfalt, wie wenn man von anderen herausgefordert wird. Kreativität zulassen heisst auch loslassen und andere machen lassen. Durch die vielen Ideen und die Auseinandersetzung kommt viel mehr Kreativität zusammen, als wenn ich allein herumwerkle.
Gelingt Kreativität immer?
Nein. Auch ich komme immer wieder nicht weiter und finde meine Idee blöd. Aber das heisst nicht, dass ich nicht kreativ bin. Ich muss bloss einen Umweg suchen und finden. Kreativ zu sein heisst auch, etwas auszuprobieren. Man kann die Idee testen, etwa das selbstorganisierte Konfirmandenlager, und daraus lernen, was sich künftig anders machen lässt, was besser wäre. Etwas zu versuchen lässt Raum für Unvorhergesehenes, und so entstehen neue Ideen.