Zukunft im Kleinformat
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Schaffhausen werden in den kommenden fünf Jahren 17 von 28 Pfarrpersonen pensioniert. Das sind so viele, dass die Verantwortlichen nicht damit rechnen, alle Stellen nachbesetzen zu können. «Andere Landeskirchen haben höhere Löhne und attraktivere Arbeitsbedingungen, als wir sie je werden bieten können», sagt Kirchenratspräsident Wolfram Kötter. «Angesichts des überall herrschenden Pfarrmangels werden wir hier schlicht den Kürzeren ziehen.»
Tatsächlich zeigt sich in Schaffhausen wie unter einem Brennglas ein schweizweites Problem: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension, während gleichzeitig die Zahl der Studienabgänger zu niedrig ist, um den Bedarf zu decken. Das führt dazu, dass immer mehr Pfarrstellen unbesetzt bleiben: 2020 waren noch 70 Stellen vakant, ein Jahr darauf waren es schon deren 86.
Zudem arbeiten immer mehr Pfarrerinnen über das eigentliche Rentenalter hinaus. Das ergab eine Auswertung der Nachwuchsförderung Theologie, die von den Theologischen Fakultäten und den kirchlichen Organen für Aus- und Weiterbildung getragen wird (lesen Sie dazu den Artikel «Wir arbeiten in einem Schönwettermodell»).
Auch der Quereinsteiger-Studiengang, den die Kirchen wegen des Nachwuchsmangels schufen, schwächt das Problem höchstens ab. Laut Wolfram Kötter sind viele Absolventen schon Mitte 50 und scheiden damit ebenfalls in absehbarer Zeit aus dem Beruf wieder aus. «Machen wir uns nichts vor: Wir werden lernen müssen, wie wir mit weniger Personal Kirche sein können», sagt er.
Hin zum «Priestertum aller Gläubigen»
Wolfram Kötter (62) studierte Theologie in Bielefeld-Bethel sowie Tübingen. Ab den Neunzigerjahren war er als Pfarrer tätig sowie für die Evangelische Landeskirche in Westfalen als Beauftragter zum Aufbau ökumenischer Beziehungen mit der Waldenserkirche in Italien.
Seit 2010 lebt Kötter in der Schweiz. Er ist Pfarrer an der Zwingli-Kirche in Schaffhausen sowie in Neuhausen am Rheinfall; beide Stellen teilt er sich mit anderen Pfarrpersonen. 2019 wurde Kötter ausserdem zum Kirchenratspräsidenten gewählt. (vbu)
Doch wie soll das konkret funktionieren? Die Schaffhauser Kirche hat in den vergangenen Monaten verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Weichen für eine Zukunft im Kleinformat zu stellen. So wurde etwa der sogenannte Zukunftsfonds nochmals geäufnet. Dieser wurde ins Leben gerufen, um Projekte zu finanzieren, die langfristig die Existenz der Kirche absichern sollen. Zudem werden bis 2027 keine Pfarrstellen mehr gekürzt; der Automatismus, der die Stellenprozente an die sinkenden Mitgliederzahlen knüpft, wird ausgesetzt. Das soll den aktuellen Stelleninhabern ermöglichen, Strukturen zu schaffen, «in denen es sich gut arbeiten lässt», wie Kötter sagt.
Kötter stellt sich vor, dass die Pfarrpersonen andere Mitarbeiter sowie Gemeindeglieder dazu befähigen, selber aktiv zu werden. Er gibt ein Beispiel: Würden im sehr ländlichen Kanton Schaffhausen die Schulen mehrerer Gemeinden zusammengelegt, brauche es dort einen Mittagstisch. «Da muss die Kirche aktiv werden – aber nicht unbedingt die Pfarrperson.» Vielmehr könne beispielsweise eine Fachperson Betreuung oder ein Sozialarbeiter die Aufgabe übernehmen, aber klar im Namen der Kirche. «Priestertum aller Gläubigen, ganz im reformierten Sinne», nennt Kötter das. Und für die Pfarrpersonen: Weg vom Generalistentum und zurück zum Kerngeschäft – Kasualien, Seelsorge, Bibelarbeit.
Waldenser als Vorbild
Der Kirchenratspräsident ist sich sicher, dass die reformierte Kirche auf eine Diaspora-Situation zulaufe. Deshalb solle sie schauen, was die Diaspora-Kirchen gut machten, etwa die Waldenser in Italien. Dort sei schon gang und gäbe, dass für die zahlreichen sozialen Projekte Spezialisten angestellt würden, während die Pfarrerinnen sich auf Gottesdienst und Seelsorge konzentrierten.
Auch seien die Waldenser eine grössere Fluktuation in der Pfarrschaft gewohnt: Nach sechs Jahren würde in der Regel die Stelle gewechselt. «Das bringt neuen Schwung in die Gemeinde, bereichert aber auch die Pfarrperson, weil sie sich wieder völlig neue Kontexte erschliessen muss», so Kötter. «Bei uns dagegen gibt es Kollegen, die über 20 Jahre in der gleichen Gemeinde sind. Das ist manchmal schwierig.»
Ob solche Ideen nicht auch Widerstand in der Pfarrschaft hervorrufen könnten? Kötter wiegelt ab. Seiner Meinung nach sei den Kolleginnen bewusst, dass sich was tun müsse. Auch die Gemeinden wüssten, dass sie verstärkt kooperieren müssten, um fit für die Zukunft zu sein. «Not lehrt eben nicht nur beten, sondern auch Zusammenarbeit.» Die Strukturreform, welche die Schaffhauser Kirche ab 2011 in Angriff genommen hat, helfe ebenfalls. Sie habe die Finanzen stabilisiert, sodass aktuell noch genug Geld vorhanden sei, um den Wandel anzustossen.
«Wir haben jetzt fünf Jahre Zeit uns zu bewegen. Das wird streng, denn Bewegung heisst immer auch Anstrengung», sagt Kötter. «Es bedeutet, sich immer wieder neu zu orientieren und Altgeliebtes loszuwerden.» Doch das könne auch befreiend wirken. Er jedenfalls, sagt Kötter, sei für die Zukunft guten Mutes.