Stephan Jütte im Porträt

Der Innovator

Der Theologe Stephan Jütte ist einer der kreativsten Köpfe der reformierten Kirche. Über einen Tausendsassa, der nicht «9 to 5» arbeiten kann.

Stephan Jütte hat keine Angst, zu scheitern. «Wenn es schiefgeht, dann geht es halt schief», sagt er. (Bild: Goran Basic)

Stephan Jütte ist einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Auch an diesem Morgen im Podcast «Schall & Rauch» nicht, den er im Studio des RefLab im Gebäude der reformierten Zürcher Landeskirche aufnimmt. Zusammen mit seinem Podcastpartner Manuel Schmid spricht er über sein vergangenes Faulenzer-Wochenende und über einen Selbsttest, bei dem er herausgefunden hat, dass er der super-extrovertierte Typ ist. Auch über sein Morgenritual gibt Jütte Auskunft: Er geht ins Fitnessstudio, wo er Gewichte stemmt. Für viele ist das eine Qual. Nicht so für Jütte. «Die Gewichte geben dir ein ehrliches und direktes Feedback. Entweder du stemmst sie oder du stemmst sie nicht», sagt der 39-Jährige.

Neid und Kritik

Sechs Jahre lang lancierte Stephan Jütte in der Reformierten Kirche des Kantons Zürichs ein Projekt nach dem anderen. Er hat das Café und den Co-Working-Space «Hirschli» aufgebaut, den Blog «Diesseits» gegründet und leitete drei Jahre lang die digitale Medienplattform RefLab. Jütte hat keine Angst davor, einfach mal zu machen – und dabei auch zu scheitern. «Für mich ist ein gescheiterter Mensch einer, der nie etwas gewagt hat», sagt er. Auch Kritik oder Neid könne er mittlerweile gut ertragen. Manchmal würde er sich zwar wünschen, dass sich die Menschen für andere mehr freuen. Aber das falle den meisten Schweizerinnen und Schweizern recht schwer. «Am Anfang hat mich das beschäftigt», sagt Jütte. Doch wer in der Schweiz noch nie Neid erlebt habe, sei schon fast bemitleidenswert. 

Es sind wohl dieses Selbstvertrauen und diese Nonchalance gegenüber dem Scheitern, die Jütte zu einem erfolgreichen Innovator machen. Auch beim RefLab konnte er mit dieser Attitüde ans Werk gehen. Ein halbes Jahr lang hätten sie Konzepte erarbeiten können, ohne etwas Konkretes liefern zu müssen. «Eine wunderbare Zeit», findet Jütte. «Wir konnten Ideen kreieren und wieder verwerfen. Der Freiraum war gross.» 

Einer, der mit Jütte von Anfang an beim RefLab zusammenarbeitete, ist der Theologe Manuel Schmid. Die beiden sind befreundet und gerieten sich im gemeinsam geführten Podcast «Schall & Rauch» auch mal in die Haare. «Stephan ist einer, der seine Meinung ziemlich vehement und pointiert vertreten kann», sagt Schmid. Das Besondere an ihm sei, dass er zwar reflektiert, aber auch schnell eine Entscheidung treffen könne. «Den Tod der 1000 Differenzierungen wird er definitiv nie sterben», sagt Schmid. Natürlich könne es dabei auch zu Reibereien kommen. «Er ist aber auch keiner, der wie Mose vom Berg kommt und dann seine Gebote verkündet. Er hat das Team immer miteingebunden.»

Ein Sprinter, kein Marathonläufer

Mittlerweile gehört das RefLab zu den innovativsten Plattformen in der reformierten Kirche. Hier wird in Podcast und Textbeiträgen über Gott und Engel geredet, über Netflix-Serien gesprochen, über Dating-Apps geschrieben. Mal ironisch, mal ernst, mal lustig. Zielpublikum dieses Pop-Protestantismus sind sowohl kirchennahe als auch kirchenferne Menschen. 

Thematisch sind den Machern kaum Grenzen gesetzt. Gleichzeitig jedoch musste Jütte als Leiter minutiös festhalten, wie viele Minuten er wofür arbeitete. «So funktioniere ich nicht», sagt Jütte. «Bei mir gibt es auch keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Manchmal kommen mir beim Joggen die besten Ideen in den Sinn. Ist das dann Arbeitszeit?» Er sei zudem ein Sprinter, kein Marathonläufer, der immer im gleichen Trott laufe. Er brauche auch Zeiten, in denen er nicht sehr produktiv sein könne. Wenn er die aushalte, schaffe er es, innerhalb kurzer Zeit die Arbeit zu erledigen; unter Hochdruck, im berühmten Flow. Beim Schreiben eines Blog-Beitrags helfe ihm eine zeitnahe Frist. «In dieser Zeit darf aber keine Sitzung und kein Telefon mich ablenken», sagt Jütte.

Dass er unter Druck besonders gut arbeitet, hat Jütte schon im Gymnasium herausgefunden. Weil seine Vornote im Fach Mathematik ziemlich schlecht war, musste er bei der mündlichen Prüfung zwingend genügend sein, um nicht durch die Abschlussprüfung zu rasseln. Innerhalb von zwei Wochen haute sich Jütte unter Hochdruck den Stoff in den Kopf. Und holte sich den 4er.

Einmischen, aber nicht moralisieren

Um Ideen zu generieren, funktioniert Jüttes Art zu arbeiten gut. Als Führungsstrategie im RefLab stiess sie aber an eine Grenze. Jütte hat im Sommer nach drei Jahren die Leitung abgegeben. «Ich bin gut darin, Neues anzureissen, einen Rohbau aufzuziehen. Die Innendekoration überlasse ich aber besser anderen», sagt er. Ausserdem habe er in der Pandemie gemerkt, wie schön es sei, mehr Zeit zu Hause zu verbringen.

Jütte lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Bern und hat dort eine neue Stelle angenommen. Seit September ist er Leiter des Bereichs Theologie und Ethik der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und persönlicher Mitarbeiter der Präsidentin, Rita Famos. «Es hat mich gereizt, auf nationaler Ebene die Kirche mitzugestalten.» Er spüre, dass bei der EKS eine Aufbruchstimmung herrsche. «Das braucht es mehr denn je.»

Seit Jahren werde das Mantra gebetet, die Kirche werde immer älter, immer kleiner, immer ärmer. «So wird man höchstens depressiv», sagt Jütte. Er wünsche sich eine Kirche, die lebendig ist und sich in aktuelle gesellschaftspolitische Themen einmische. Jedoch «so wenig wie möglich und so heftig wie nötig.» Schlimm findet er es, wenn sich die Kirche ständig als Hüterin der Moral aufspiele. «Dann wirst du irgendwann nicht mehr gehört.» 

In der reformierten Kirche fühlt sich Stephan Jütte wohl. «Sie gibt mir einen Rahmen, ist aber dennoch so offen, dass ich nicht Angst haben muss, rauszufallen.» (Bild: Goran Basic)

Zur Theologie kam Jütte durch einen Pfarrer. Er war mit ihm zusammen in einem Skilager der Kirchgemeinde als Leiter tätig. Mit ihm hat er am Abend über Philosophie, Glauben und Religion diskutiert. Am Ende gab der Pfarrer Jütte den Römerbrief von Karl Barth mit. «Ich war vom Enthusiasmus und der Verve der Worte dieses Briefes total geflasht», sagt Jütte. «Obwohl ich ganz viel nicht verstanden habe.» Trotzdem: Im Römerbrief habe er einen Autor kennen gelernt, dem es um das Ganze gehe. Er habe Thesen gelesen, die man nicht nebenbei zur Kenntnis nehme, sondern zu denen man Stellung beziehen müsse.

Noch war für ihn aber nicht klar, Theologie zu studieren. Erst bei einem Besuchstag an der Universität Basel fiel die Entscheidung. Denn bei den Theologen habe es damals ein Gratismittagessen gegeben. Jütte liess sich nicht zweimal bitten und setzte sich zu den Studierenden an den Tisch. «Die diskutierten mit dem Theologen Ekkehard Stegemann über grosse Fragen des Lebens. Da war für mich klar, hier will ich hin.» 

Zuerst Gnade, dann Gesetz

Dass er nicht Pfarrer geworden ist, sei reiner Zufall. Noch im Vikariat habe er eine Assistenzstelle an der Universität Bern angeboten bekommen. Später wurde er bei der Zürcher Landeskirche Bereichsleiter RefLab und Hochschularbeit. Seitdem sei der Pfarrberuf nie mehr ein Thema gewesen. «Er würde mich schon reizen», sagt Jütte. Der Pfarrberuf sei ein Lebensentwurf, der aufs Ganze geht. «Du kannst so viel bewegen, er nimmt dich ganz in Beschlag.» Das sei genau sein Ding.

Ob als Pfarrer oder nicht, Jütte fühlt sich in der reformierten Kirche wohl. «Sie gibt mir einen Rahmen, ist aber dennoch so offen, dass ich nicht Angst haben muss, rauszufallen.» Auch dass das Evangelium im Zentrum steht, stimme für ihn. «Zuerst kommt die Gnade, dann das Gesetz. Zuerst der Zuspruch, dann die Verpflichtung.» Diese Empowerment liebe er sehr. Wenn ihm jemand Kreditvorschuss gebe, dann funktioniere er am besten. «Und wenn es schiefgeht, dann geht es halt schief.»