Sexueller und spiritueller Missbrauch

Trotz Missbrauchsvorwürfen arbeitete ein Pfarrer in mehreren Kantonen weiter

Mindestens zehn Frauen werfen einem reformierten Pfarrer aus dem Kanton Zürich sexuelle Übergriffe vor. Nach seinem Rücktritt 2007 war er weiterhin in mehreren Kantonen als Pfarrer und Seelsorger tätig, wie Recherchen von ref.ch zeigen.
Ein Pfarrer soll mehrere Frauen belästigt haben. Nach Vorwürfen wechselte er jeweils den Kanton. (Symbolbild: Gaëtan Bally)

Mindestens zehn Frauen berichten von sexuellen Übergriffen eines reformierten Pfarrers im Kanton Zürich. Die Meldungen sind in den Akten der Reformierten Kirche ab den frühen 2000er-Jahren bis Ende 2025 dokumentiert.

Ref.ch hat mit einer der Betroffenen gesprochen und sich die Identität des Beschuldigten bestätigen lassen.

Die damals junge Lokaljournalistin traf den Pfarrer 1992 zum Interview. Als sie sich verabschieden wollte, habe er sie an den Schultern gepackt und minutenlang gegen die Wand gedrückt, erzählt sie. Als er versucht habe ihre Bluse zu öffnen und sie zu küssen, habe sie sich befreien können.

Belastender als der Übergriff sei für sie danach die Ungläubigkeit gewesen. «Ich stiess permanent auf Menschen, die mir sagten, ich bilde mir das ein.» Ständig sei sie mit Fragen zum eigenen Verhalten in die Rolle der Täterin gedrängt worden.

Sie überlegte sich, zur Polizei zu gehen. «Aber es schien mir klar, dass mir niemand glauben wird.» Den Übergriff bei der Kirche zu melden, auf diese Idee wäre sie nie gekommen, sagt die Journalistin im Gespräch mit ref.ch.

Gekündigt, als Vorwürfe ans Licht kamen

Das taten Ende 2006 aber mehrere betroffene Frauen. Kurz danach wurde der Pfarrer krankgeschrieben. Als die Reformierte Kirche Zürich Anfang 2007 eine Voruntersuchung gegen den Pfarrer durch eine externe Juristin startete und Ungereimtheiten ans Licht kamen, kündigte er seine Stelle.

Die reformierte Landeskirche Zürich stellte die Untersuchung anschliessend ein. Für dieses Versäumnis hat die aktuelle Kirchenleitung die Betroffenen nun um Entschuldigung gebeten (ref.ch berichtete).

2007 setzte eine Lokalzeitung ein Fragezeichen hinter die Kündigung des «populären Pfarrers». Der Kirchenrat gab an, dass Vorwürfe im Raum stünden, es habe dem Pfarrer in der Seelsorge «vereinzelt an professioneller Distanz» gefehlt. Die Vorwürfe seien jedoch nicht strafrechtlich relevant. Keine der Betroffenen hatte Strafanzeige eingereicht. Für den Mann gilt die Unschuldsvermutung.

In Leserbriefen wurde der Pfarrer eifrig gegen den «Rufmord» verteidigt. «Haben die Beteiligten schon vergessen, mit welchem Engagement er sich in seiner Gemeinde eingesetzt hat?», schrieb eine Frau. Ein katholischer Kollege sprach von «dubiosen, höchst fragwürdigen Verdächtigungen, blosse Gerüchte von femininer Seite».

Im Kanton Bern nach knapp einem Jahr gekündigt

Der Pfarrer verliess abrupt seine Kirchgemeinde. Sein Abschiedsgottesdienst wurde abgesagt. Im Kanton Bern versuchte er, eine neue Stelle zu bekommen.

Aber die Berner Gemeinde hatte ihre Zweifel. Der Pfarrer wurde zwar als Verweser angestellt, aber um die Pfarrstelle zu erhalten, musste er sich rechtlich gegen die Vorwürfe wehren, so die Auflage. Dazu kam es aber nicht.

Nach knapp einem Jahr verlor die Kirchgemeinde die Geduld. Sie stellte das Arbeitsverhältnis ein. In der Mitteilung dazu hiess es, es sei ihm nicht gelungen, «das vollständige Vertrauen des Kirchgemeinderates zu erwerben». In einem Interview hatte der Pfarrer zuvor gesagt: «Ich bin mir keines Fehlverhaltens bewusst.»

Auf eine Kontaktanfrage von ref.ch reagierte der Pfarrer nicht.

Gab es in diesem knappen Jahr in Bern weitere Meldungen zu Übergriffen? Diese Frage kann nicht beantwortet werden, weil das Personaldossier von damals nicht mehr existiert. Das teilt Martina Summermatter, Sprecherin der Reformierten Kirchen Bern Jura Solothurn (Refbejuso) auf Anfrage von ref.ch mit. Denn bis 2020 waren die Pfarrpersonen beim Kanton Bern angestellt. Bei der Übernahme durch die Landeskirche seien Personaldaten ehemaliger Angestellter nicht an die Landeskirche übergegangen.

Zumindest seien in den letzten Jahren keine Meldungen zum betreffenden Pfarrer bei Refbejuso eingegangen. Seit 2023 dient eine Taskforce als provisorische Meldestelle.

Eine historische Aufarbeitung des Falls sei derzeit nicht geplant, so Summermatter. Man verfolge die weitere Entwicklung jedoch aufmerksam. Bei konkreten Hinweisen würde die Kirchenleitung entsprechende Massnahmen einleiten.

«Unmögliche Zusammenarbeit» in Genf

Der Pfarrer zog 2008 nach der verwehrten Anstellung in Bern weiter in die Westschweiz. Im Wallis arbeitete er bis 2010 als Seelsorger. Gab es hier Meldungen zu Übergriffen? Eine entsprechende Anfrage von ref.ch blieb innert Frist unbeantwortet.

Danach folgte ein Pfarramt in Genf. Dort arbeitete er mehrere Jahre. Dann kam es wieder zum Konflikt. Im Mitteilungsblatt hiess es 2016: «Leider hat sich die Zusammenarbeit mit dem Pfarrer im Laufe des Jahres als unmöglich erwiesen.» Als Gründe werden Meinungsverschiedenheiten und «Dysfonctionnements» genannt. Deshalb hätten die Gemeindeleitung, der Kirchenrat und der Vorsitzende der Genfer Pfarrvereinigung beschlossen, «dass der Pfarrer sein Amt in unserer Gemeinde nicht mehr ausüben darf.»

Mediensprecherin Flore Brannon von der Genfer Landeskirche schreibt auf Anfrage von ref.ch: «Wir bestätigen, dass es damals ernsthafte Schwierigkeiten gab und dass die damalige Gemeindeleitung entsprechend eingegriffen hat.» Eine externe Untersuchung der Ereignisse sei im Gang.

Die Untersuchung der Landeskirche Zürich beendete schliesslich das letzte bekannte kirchliche Engagement des Pfarrers im Wallis. Als der dortige Synodalrat im Frühjahr 2026 davon erfuhr, forderte er alle deutschsprachigen Gemeinden auf, ihn nicht mehr für vereinzelte Gottesdienste anzustellen.

Wie steht es heute um den Informationsaustausch?

Beim Lebensweg des beschuldigten Pfarrers ist ein Muster zu erkennen. Immer wieder tauchten Vorwürfe auf, denen er anschliessend aus dem Weg ging. Das föderale System ermöglichte ihm in mehreren Fällen eine neue Anstellung.

Stephan Jütte, Sprecher der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) verweist auf Anfrage auf mehrere Massnahmen, die die Kirchen zum Schutz vor Missbrauch in den letzten Jahren beschlossen hätten (ref.ch berichtete). Darunter die «Grundlagen und Standards». Als Minimalstandard gelte demnach, bei Besetzungen von Pfarrstellen beim vorherigen Arbeitgeber nachzufragen. «Die Umsetzung liegt dabei bei den einzelnen Landeskirchen.» Die EKS kann als Dachorganisation lediglich Empfehlungen aussprechen.

Zwischen den sogenannten Konkordatskirchen (Deutschschweiz und Tessin, ohne Bern Jura Solothurn) gebe es einen Informationsaustausch zu den einzelnen Pfarrpersonen. Dabei werde die betreffende Person informiert.

Das führte bei Refbejuso zu mehr Bewerbungen aus anderen Kantonen. «Vermehrt sehen wir Kandidatinnen und Kandidaten, die dem Datenaustausch aus dem Weg gehen wollen», bestätigte der Leiter der Personalentwicklung 2021 gegenüber «refomiert». Seither setzt man dort auf eine Einverständniserklärung von Bewerbenden, um sich über Einträge in ausserkantonalen Personaldossiers zu informieren.

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