«Es braucht endlich sichere Fluchtwege»
Miguel Duarte, Sie sind im Dezember von Ihrem Einsatz auf dem Rettungsschiff «Sea-Watch 4» zurückgekehrt. Wie ist die Situation auf dem Mittelmeer?
Sehr schwierig. Die Pandemie hat die Rettungsaktionen noch anspruchsvoller gemacht. Wir mussten strenge Sicherheitsprotokolle einhalten, um die Crew zu schützen. Für die Geretteten selbst ist Corona die kleinste Sorge. Schliesslich kommen sie oft von Orten, wo ihnen Hunger und Folter drohten.
Sie leiteten die Rettungseinsätze. Was gehörte zu Ihren Aufgaben?
Ich war dafür verantwortlich, die Crew zu trainieren, sie bei Rettungseinsätzen einzuweisen und zu führen. Wichtig war auch darauf zu achten, wie es der Crew geht, sowohl körperlich als auch mental.
Miguel Duarte (29) studiert Mathematik und lebt in der Nähe von Lissabon in Portugal. 2016 nahm er zum ersten Mal auf dem Rettungsschiff «Iuventa» an einer Rettungsmission auf dem Mittelmeer teil. Auf der «Sea-Watch 4» hat er bereits zwei Einsätze absolviert. Er leitete als «Head of Mission» die Rettungsmissionen. (bat)
Warum haben Sie sich entschlossen, zur See zu fahren und Menschen zu retten?
Bilder von ertrunkenen Flüchtlingen und Flüchtlingsströmen vor den Aussengrenzen Europas gingen 2015 um die Welt. Auch ich sah diese Aufnahmen, die mich schockiert haben. Ich spürte die Verantwortung, etwas dagegen tun zu müssen. Wir können doch nicht einfach zusehen, wie Menschen ertrinken.
Bilder verstorbener oder unterernährter Flüchtlinge in überfüllten Booten sind nach wie vor in den Medien und in sozialen Netzwerken zu sehen. Waren Sie auch mit schwierigen Situationen konfrontiert?
Leider ja. Besonders, wenn es sich dabei um tote Kinder handelte, belastet mich das sehr. Solche Bilder vergisst man nicht. Auf meiner letzten Mission mit der «Sea-Watch 4» haben wir zum Beispiel hundert Menschen von einem Holzboot vor Lampedusa gerettet, die schon drei Tage auf See ausharrten. Unter den Geretteten war auch ein 15 Stunden altes Baby. Es wurde auf dem Boot geboren. Die Nabelschnur war noch dran. Zum Glück ging es der Mutter dem Baby den Umständen entsprechend gut.
Was gibt Ihnen in solchen Situationen Halt?
Die Dankbarkeit der Menschen, die gerettet wurden. Auch wenn sie draussen an Deck schlafen müssen, sind sie froh, dass sie überlebt haben. Man spürt, dass man das Richtige tut. Das motiviert mich, weiterzumachen.
Die «Sea-Watch 4» ist im Auftrag des Bündnisses «United4Rescue» unterwegs. «United4Rescue» ist ein gemeinnütziger, unabhängiger Verein, der die zivile Seenotrettung im Mittelmeer unterstützt und dem mittlerweile 825 Bündnisparter angehören. Mit Hilfe von Spenden hat die Organisation neben der «Sea-Watch 4» auch das Schiff bereits zwei Rettungsschiffe in den Einsatz gebracht und mehrere Rettungseinsätze ermöglicht. Der Verein wurde von Menschen aus der evangelischen Kirche initiiert und gegründet. Auch die Evangelische-Reformierte Kirche Schweiz hat das Bündnis zu Beginn finanziell unterstützt, ist jedoch kein offizieller Bündnispartner. (bat)
Die «Sea-Watch 4» wird vom Bündnis «United4Rescue» finanziert, dem auch verschiedene Kirchen angehören. Was halten Sie vom Engagement der Kirchen in der Flüchtlingskrise?
Das find ich eine gute Sache. Sie helfen, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Es ist wichtig, dass zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Kirche Verantwortung übernehmen, wenn es die Staaten schon nicht tun.
Oft wird der Vorwurf geäussert, dass die Menschen ohne Rettungsschiffe nicht auf die Idee kämen, die gefährliche Reise über das Mittelmeer auf sich zu nehmen. Was sagen Sie dazu?
Das ist schlicht falsch. Es ist belegt, dass Menschen sich auf die gefährliche Flucht begeben haben, bevor die Rettungsschiffe überhaupt anwesend waren. Nicht wir, sondern Hunger, Tod, Folter oder Gefängnis in ihren Heimatländern bewegen die Menschen zur Flucht.
Im Jahr 2019 erlangte Carola Rackete Bekanntheit, als sie als Kapitänin der «Sea-Watch 3» Lampedusa anlief und verhaftet wurde. Hatten Sie auch schon juristische Probleme?
Ja, im Jahr 2016 wurden ich und neun andere Crew-Mitglieder des Rettungsschiffes «Iuventa» von der italienischen Polizei verhaftet. Während drei Jahren wurde gegen uns ermittelt. Solange durfte ich nicht mehr an Rettungsmissionen teilnehmen. Das Verfahren gegen mich wurde zum Glück letztes Jahr eingestellt. So konnte ich mich bei der «Sea-Watch» melden.
Was müsste getan werden, um die Flüchtlingskrise zu mildern?
Es braucht endlich sichere und legale Fluchtwege nach Europa. Die europäische Union beziehungsweise die europäische Politik trägt Mitschuld an der aktuellen Flüchtlingkrise. Dass europäische Länder noch immer Waffen in Kriegsregionen liefern und dann nicht mit den Flüchtlingen aus diesen Ländern zu tun haben wollen, ist absurd. Ausserdem braucht es eine Entkriminalisierung der NGOs, die auf dem Mittelmeer tätig sind. Gegen Freunde von mir wird ermittelt, obwohl sie nichts anderes getan haben, als Leben zu retten.