«Manche Pfarrer haben bewusst weggeschaut»
Es ist ein düsteres Kapitel der Schweizer Geschichte: Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Anstalten eingesperrt, in Heime gesteckt oder auf Bauernhöfen verdingt. Was unter dem sperrigen Begriff der «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» zusammengefasst ist, bedeutete für die Betroffenen oft unermessliches Leid. Verding- und Heimkinder wurden geschlagen, als Arbeitssklaven gehalten und nicht selten sexuell missbraucht.
Erst spät bekannte sich die offizielle Schweiz zu ihrer Schuld: 2013 entschuldigte sich die damalige Justizministerin Simonetta Sommaruga im Namen der Landesregierung bei den Opfern. «Wir können nicht länger wegschauen, denn genau das haben wir bereits viel zu lange getan», sagte sie anlässlich einer Gedenkveranstaltung in Bern.
Bis heute gibt es lediglich Schätzungen zu den Betroffenenzahlen, es dürften Hundertausende gewesen sein. Die Historikerin Loretta Seglias hat sich eingehend mit dem System der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen befasst. «Dass es keine offizielle Zahlen zu den Betroffenen gibt, ist Ausdruck dafür, wie wenig wichtig uns als Gesellschaft das Thema war», sagt sie im Gespräch mit ref.ch.
Pfarrer spielten aktive Rolle
Teil des Systems waren auch reformierte und katholische Organisationen, Kirchgemeinden und Pfarreien. Insbesondere die Rolle der reformierten Kirchen ist aber längst noch nicht vollständig aufgearbeitet. Das habe unter anderem damit zu tun, dass deren Beteiligung an fürsorgerischen Zwangsmassnahmen nicht zentral organisiert war, sagt Seglias. «Wir haben es vielmehr mit verschiedenen einzelnen Akteurinnen und Akteuren zu tun, das erschwert eine systematische Aufarbeitung.»
Zu diesen gehörten unter anderem Erziehungsanstalten und Kinder- und Jugendheime. Um 1930 existieren in der Schweiz über 1000 solcher Institutionen, darunter zahlreiche protestantisch geprägte. «Ausserdem gab es reformierte Vereine wie zum Beispiel einzelne Armenerziehungsvereine in der Nordostschweiz oder die Gotthelfvereine im Kanton Bern, die bei der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen eine Rolle spielten», sagt Seglias.
Ob Kinder weggegeben und Familien auseinandergerissen wurden, hing zudem massgeblich von den Pfarrpersonen in den Gemeinden ab. «Pfarrer galten als moralische Instanz und sassen auch in den Fürsorgebehörden der Gemeinden. Sie wiesen aktiv auf Familiensituationen hin, wo sie ein Eingreifen für erforderlich hielten», sagt Seglias.
Aufsicht nicht wahrgenommen
Inzwischen haben die reformierte Kirchen erste Schritte unternommen, um ihre Beteiligung an fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aufzuarbeiten. Den Anfang machte vor einigen Jahren der damalige Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK, heute Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz EKS) mit einer Tagung und einem Sammelband. Darin untersuchten Expertinnen und Experten verschiedene Aspekte wie die Rolle der Ortspfarrer oder den Einfluss der reformierten Theologie auf die Praxis der Fremdplatzierungen. Weitere kantonale Forschungsprojekte wurden von den Landeskirchen finanziell mitgetragen, so zum Beispiel im Kanton Zug.
Simon Hofstetter, Leiter Kirchenbeziehungen bei der EKS, vertrat damals den Kirchenbund am Runden Tisch für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. «Wenn wir vom Involviertsein von evangelischen Akteuren sprechen, dann geht es vor allem um den Dorfpfarrer», sagt er.
Denn lange gab es in den Gemeinden keine professionellen Sozialbehörden. Deren Aufgaben übernahmen entweder der Gemeindepräsident, der Lehrer oder der Pfarrer. «Pfarrer waren somit oft direkt beteiligt, wenn Kinder aus Familien genommen und fremdplatziert wurden», sagt Hofstetter.
Zudem hätten sie ihre Rolle als Aufsichtsperson oder «Armenvater» in der Gemeinde nicht immer wahrgenommen. «Manche Pfarrer haben bewusst weggeschaut, wenn Verdingkinder in einer Familie im Dorf schlecht behandelt wurden.»
Betroffene reden lassen
Insgesamt ergebe sich aber kein einheitliches Bild. «Aus Berichten von Betroffenen wissen wir, dass es auch Pfarrer gab, die sich für die Verdingkinder in ihrer Gemeinde einsetzten. Zum Beispiel indem sie dafür sorgten, dass die Kinder in eine andere Pflegefamilie kamen», sagt Hofstetter.
Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung sei wichtig, dass das Thema in der Öffentlichkeit präsent bleibt. So sei zu begrüssen, dass sich diesen Sommer an der Gedenkaktion «Zeichen der Erinnerung» im Kanton Bern zahlreiche Kirchgemeinden beteiligt hätten.
Zudem unterstützten die reformierten Kirchen Projekte, bei denen Betroffene in Schulklassen sprechen. «Die Betroffenen sollen gehört werden. Denn jeder einzelne Fall, bei dem ein Kind Leid erfahren hat, war einer zu viel», sagt Hofstetter.
Im Rahmen der Gedenkveranstaltung «Zeichen der Erinnerung» hält die Historikerin Loretta Seglias am 13. September in Herzogenbuchsee (BE) ein Referat. Im Anschluss daran findet ein Gespräch mit dem Betroffenen Heinz Kräuchi statt. Details hier.