«Die Kinder waren Menschen zweiter Klasse»

Welche Rolle spielten die reformierten Kirchen bei Fremdplatzierungen? Das Buch «Heim- und Verdingkinder» geht dieser Frage nach. Für Herausgeber Simon Hofstetter ist es erst der Anfang der Aufarbeitung.

Vom 19. Jahrhundert bis 1981 platzierten die Schweizer Behörden Kinder aus armen Familien oder von alleinstehenden Müttern in Heimen oder fremden Familien. Oft wurden sie dort missbraucht und mussten harte Arbeit verrichten. (Bild: zvg)

Herr Hofstetter, was war die Rolle der reformierten Kirche im System der Verding- und Heimkinder?

Das ist schwierig zu beantworten. Für das Buch haben die Forscherinnen und Forscher verschiedene Ansätze verfolgt. Noch ist vieles nicht endgültig geklärt. Das Buch ist erst der Anstoss für weitere Forschung. Zwei Hauptansätze wurden verfolgt:

Einerseits die Rolle der reformierten Ortspfarrer im System der Verding- und Heimkinder. Andererseits das Heimwesen ab dem 19. Jahrhundert. Die reformierten Kirchen betrieben zwar keine eigenen Heime, aber viele Heime stammten aus reformierter Trägerschaft. Auch dort gab es Missbräuche.

Worin lag die Rolle der Pfarrer?

Die Pfarrer waren gut vernetzt und wichtig für die Vermittlung. Auf dem Land gab es bedürftige Grossfamilien. Die Pfarrpersonen konnten die Kinder in wohlhabende Familien vermitteln. Ausserdem kam den Pfarrern eine soziale Kontrollfunktion zu. Sie hätten das Wohl der Kinder kontrollieren müssen.

Die Pfarrer kamen dieser Pflicht jedoch nicht vollständig nach. Sei es aus Zeitmangel, wegen fehlender Ausbildung oder mangelndem Interesse. Rechtlich lag die Zuständigkeit eigentlich bei der Gemeinde, aber es kam zu einer Verschmelzung von staatlichen und kirchlichen Aufgaben. So konnten Missbräuche leichter vertuscht werden.

Können Sie Zahlen zu den Missbräuchen nennen?

Für Zahlen ist es zu früh. Man scheitert sogar daran zu sagen, wie viele Kinder in diesen Heimen waren. Grob waren es rund tausend Heime aus reformierten Kreisen.

Welche Rolle spielte die reformierte Theologie bei den Fremdplatzierungen?

Das war eine Teilfrage des Buches. Wir konnten keinen genauen Anhaltspunkt zu so einer Rolle benennen. Es war eine gesellschaftliche Praxis, so mit den Kindern umzugehen. Sie waren Menschen zweiter Klasse. Da unterschied sich die reformierte Praxis nicht vom Rest der Gesellschaft.

Welche Lehren  ziehen Sie aus Ihren Recherchen?

Das Kollektiv hatte damals Vorrang vor dem Individuum. Der Gemeinde sollte es gut gehen. Es ging nicht um das Wohl des einzelnen Kindes. Aus heutiger Perspektive ist es schmerzhaft, dass die Kirche nicht mehr auf den Schutz der verletzlichen Kinder pochte. Da gibt es Anschlussstellen zu heute.

Die Diakonie muss sich immer wieder die Frage stellen, wer in ihrem Umfeld die Schutzbedürftigen sind. Da denke ich beispielsweise an Angehörige von Betagten, Suchtkranken oder Menschen mit Beeinträchtigungen, die sehr viel leisten ohne gesellschaftliche Anerkennung. Ich denke an Sans-Papiers, die in rechtlichen und sozialen Fragen durch alle Maschen des sozialen Sicherungsnetzes fallen, oder an Armutsbetroffene, die nicht alleine aus der Spirale von Arbeitslosigkeit und Armut herausfinden.

Buchhinweis: Esther Gaillard, Simon Hofstetter (Hg.), «Heim- und Verdingkinder»; 150 Seiten, Theologischer Verlag Zürich, 2017.