Berner Theologin im Ruhestand

Vom Elfenbeinturm hält sie nichts

Magdalene Frettlöh hat eine ganze Generation von Studierenden in die Dogmatik eingeführt. Theologie müsse sich auch im Alltag bewähren, ist sie überzeugt. Jetzt geht die Berner Theologin in Pension.
Magdalene Frettlöh freut sich auf mehr Zeit für ihren Freundeskreis und fürs Schreiben. (Bild: Joel Daniel Frei/ Theologische Fakultät Universität Bern)

Wer ein Porträt über Magdalene Frettlöh schreiben will, ist versucht, permanent zu zitieren. Die Theologin versteht es nicht nur, beim Gegenüber Begeisterung für ihr Fachgebiet zu erwecken. Sie schafft es auch, ihre eigenen Positionen in glänzende Bonmots zu packen. «Wer nur etwas von Theologie versteht, versteht auch von Theologie nichts», lautet einer dieser Sätze, mit denen Frettlöh umreisst, was ihr theologisches Nachdenken ausmacht.

Wir treffen uns in Magdalene Frettlöhs Wohnung in Bern, auf dem Esszimmertisch stehen Kaffee und Kuchen bereit. Für die Theologin sind es übervolle Wochen. In wenigen Tagen hält sie ihre Abschiedsvorlesung. Nach mehr als dreizehn Jahren als Professorin für Systematische Theologie an der Universität Bern geht Frettlöh Ende Januar in Pension.

Dass sie sich in dem Trubel dennoch Zeit für ein Gespräch nimmt, sagt viel über sie aus. Auch als Dozentin war sich Frettlöh für nichts zu schade. Für die Betreuung ihrer Studierenden wandte sie weit mehr Zeit auf, als es das Pflichtenheft einer Professorin gebot. «Teilweise habe ich mit meinen Studierenden beinahe zusammengelebt», lacht sie.

Das sprach sich rasch rum: Knapp die Hälfte aller Masterarbeiten an der Theologischen Fakultät sind im vergangenen Jahr bei Magdalene Frettlöh geschrieben worden. Wichtig sind der Theologin intellektuelle Neugier und der Dialog auf Augenhöhe. So lässt sie ihren Studierenden bei der Themenwahl für schriftliche Arbeiten freie Hand.

Dem frommen Umfeld entfremdet

In ihrem eigenen Leben musste sich Frettlöh diese Offenheit erst erkämpfen. Aufgewachsen in einem winzigen Dorf im südlichen Westfalen erfuhr sie eine enge religiöse Sozialisation. Der Vater war Lokführer, die Mutter unterhielt einen Bauernbetrieb im Nebenerwerb. In der frommen Jugendarbeit waren sogenannte «stille Zeiten» mit Bibellektüre verpflichtend, Tanzkurse für Jugendliche verpönt und den ersten Kuss sollte es erst nach der Verlobung geben.

«Ich wollte herausfinden, was es mit diesem ‹Gott› auf sich hat.»
Magdalene Frettlöh

Der Jugendlichen wurde dieses Umfeld bald zu eng. In einer religiösen Schulwoche kam sie in Berührung mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie – es war die Initialzündung zum Selberdenken. Unter dem Vorwand, fürs Abitur zu lernen, widmete sie sich im stillen Kämmerlein der Lektüre theologischer Schriften. «Das war eine unglaublich intensive Zeit. Ich wollte herausfinden, was es mit diesem ‹Gott› und Begriffen wie ‹Hoffnung›, ‹Erlösung›, ‹Versöhnung› auf sich hat», erinnert sich Frettlöh.

Dass Theologie den Glauben nicht kaputt macht, wie man es ihr in der Jugend eingebläut hatte, erfuhr Frettlöh in ihren Studienjahren. Die wissenschaftliche «Arbeit am Begriff», wie sie es nennt, begeisterte sie. Noch heute wehrt sie sich dagegen, Wissen und Glauben gegeneinander auszuspielen. «Ich habe vielmehr erfahren, dass mein Glaube durch die Anstrengung des Denkens tiefer und reicher geworden ist», sagt sie. Bei ihren Lehrern blieb ihre Begabung nicht unbemerkt – am Ende ihres Studiums lagen ihr nicht weniger als vier Promotionsangebote vor.

Glauben und Denken versöhnen

Aufmerksam und präsent wirkt Magdalene Frettlöh im Gespräch. Man würde nicht denken, dass sie ausgerechnet die sogenannte Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen, zu einem ihrer Forschungsschwerpunkte gemacht hat. Die traditionelle Vorstellung, dass mit dem Jüngsten Gericht die Menschheit geschieden werde in jene, die in den Himmel und jene, die in die Hölle kommen, lehnt Frettlöh ab. Ihre eigene Überzeugung ist geprägt von der Hoffnung auf «Allerlösung», wie sie sagt. «Ich vertraue darauf, dass Gott keines seiner Geschöpfe aufgibt, sondern alle Lebewesen zurechtbringt und heil macht.»

«Wenn Theologie keinen Bezug mehr zu unserem Alltagsleben hat, dann können wir sie auch gleich ganz sein lassen.»
Magdalene Frettlöh

Ein billiger Trost ist das nicht. Vielmehr geht es Frettlöh um ethische Orientierung in unserem diesseitigen Leben. «Wenn ich die Hoffnung habe, dass Gott kein Lebewesen verloren gibt, dann gehe ich auch anders mit meinen Mitmenschen und Mitgeschöpfen um», sagt sie.

Gott ist kein alter weisser Mann

Überhaupt könnte man sagen, dass Frettlöhs Theologie immer und überall die Berührung mit dem Leben sucht. Sie schaut gerne über den Tellerrand. Anregungen für die eigene Arbeit holt sich die passionierte Krimi-Leserin etwa aus Literatur, bildender Kunst und Filmen. Wichtig ist ihr, schon den Studienanfängerinnen zu vermitteln, dass die Beschäftigung mit der christlichen Tradition viel mit unserer Gegenwart zu tun hat. «Wenn Theologie keinen Bezug mehr zu unserem Alltagsleben hat, dann können wir sie auch gleich ganz sein lassen», sagt sie.

Zur Person

Magdalene L. Frettlöh (65) lehrt seit 2011 Systematische Theologie an der Universität Bern. Aufgewachsen in einer reformierten Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, studierte Frettlöh in Bielefeld, Heidelberg und Bern. Zwischenzeitlich arbeitete sie als Pfarrerin, bevor sie 1997 mit einer preisgekrönten «Theologie des Segens» in Bochum promovierte. Bis kurz vor ihrer Pensionierung war Frettlöh Mitglied im Ausbildungsrat von refbejuso und begutachtete unter anderem Prüfungsgottesdienste. (no)

Sich in den akademischen Elfenbeinturm zurückzuziehen, das könnte sich Frettlöh nicht vorstellen. Als Studentin engagierte sie sich bei Amnesty International, später war sie an der Theologischen Fakultät viele Jahre Gleichstellungsbeauftragte.

Gerade das Thema Gendergerechtigkeit zeigt, wie eng Theorie und Praxis bei Frettlöh verbunden sind. Wenn der Mensch das Ebenbild Gottes sei, dann müsse sich dies auch in der Theologie widerspiegeln, ist sie überzeugt. In ihren Schriften und Predigten wechselt Frettlöh bewusst die Pronomen und spricht auch von «die» oder «das» Gott. «Ich kann nicht von der Gottesbildlichkeit des Menschen reden und gleichzeitig Gott für einen alten weissen Mann halten».

Rechtspopulisten bekämpfen

Inzwischen ist der Nachmittag fortgeschritten, der Kuchen auf dem Tisch immer noch unangetastet. Es gäbe noch zahlreiche Themen, über die es sich weiter philosophieren liesse. Was sind ihre Pläne für die Zukunft?

«Der Aufstieg der rechtsextremen AfD macht mir Sorgen, dagegen möchte ich mich politisch engagieren.»
Magdalene Frettlöh

Mittelfristig wolle sie ihren Lebensmittelpunkt wieder nach Deutschland verlegen. Das hat persönliche Gründe, hängt aber auch mit den politischen Entwicklungen zusammen, sagt sie. «Der Aufstieg der rechtsextremen AfD macht mir Sorgen. Dagegen möchte ich mich politisch engagieren». Daneben möchte die Theologin, die in vielfältigen Beziehungen lebt, ihren Freundeskreis pflegen. Dafür steht sie auch mal stundenlang in der Küche, um ein 5-Gänge-Menu zuzubereiten. Auch Predigen will sie weiterhin.

Und natürlich wird Magdalene Frettlöh an ihrer Theologie «weiterstricken» – sie, die leidenschaftlich gern strickt und damit schon manche öde Sitzung überbrückt hat. Das Schreiben sei in den letzten Jahren zu kurz gekommen, rund ein Dutzend Bücher habe sie im Kopf und teilweise schon im Laptop. Zunächst aber muss sie noch ihre Abschiedsvorlesung schreiben. Der Titel dafür steht schon. Er drückt einen Wunsch aus, der Magdalene Frettlöh ein Leben lang angetrieben hat: «…auf dass Gott nicht verdufte!»

Am 5. Dezember um 18:15 Uhr hält Magdalene Frettlöh an der Universität Bern ihre Abschiedsvorlesung.

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